Trolle, Replikanten, Toriks

Schriftstellerische_Inszenierungspraktiken

Das Internet sollte eine Plattform sein, wo sich Menschen unterhalten, keine Avatare. Wie jemand drei Jahre lang einen literarischen Blog betreiben kann und seine Leser permanent ohne Gewissensbisse, was die eigene Identität angeht, hinters Licht führt, ist mir ein Rätsel. Alle werden unfreiwillige Mitglieder eines literarischen Experiments, medizinische dieser Art hatten wir schon in dunklen, deutschen Zeiten. Alle wissen nicht, was sie eigentlich wissen sollten: sie nehmen an einem Fake teil. Das benutzen von Pseudonymen stellt für mich kein Problem dar, aber in die Rolle einer gar nicht existenten Figur zu schlüpfen und seine einzige Aufgabe darin zu sehen, wie andere darauf reagieren und hereinfallen, ist ein schmutziges Geschäft. Egal ob es sich dabei um Literatur oder was auch immer handelt. Alle Leser des Blogs “Aleatorik” sind über Jahre Opfer eines solchen Experiments geworden. Anscheinend haben die, die davon wussten, nicht den Mut gehabt, diesen Autor_in zu outen. Er oder Sie selbst reagiert feige auf entsprechende aufklärerische Hinweise im Blog, die einfach gelöscht werden. Das Kartenhaus würde vermutlich zusammenfallen, das man(n) oder frau so mühevoll um sich herum gebaut hat. “Aber Literatur ist doch immer Fiktion, werden Sie erwidern. Selbst schuld, wenn Sie darauf hereinfallen”. Im Roman gern, aber nicht als Experiment mit anderen unter Vortäuschung falscher Tatsachen. Sehr traurig stimmt mich nach meiner intensiven Beschäftigung mit dem Roman “Das Geräusch des Werdens” diese nun einzige Wahrheit. Schon immer plagten mich Zweifel an der Authentizität dessen, was mir über Jahre in dem Blog auch von Urlauben in der Heimat Rumänien mit Fotos berichtet wurde. Die komplette Familiengeschichte um den Namen “Aléa Torik” herum ist frei erfunden, wahrscheinlich stimmen nicht einmal die Initialen A.T.

“Die folgenden Zeilen habe ich schon recht häufig dupliziert. Was meinen Namen betrifft: Intellektuelle ziehen die Stirn in Falten und glauben selbst meinem Personalausweis nicht. Die anderen können ihn in der Regel nicht behalten. Die Sache ist in Wirklichkeit ziemlich banal: Mein Vater, Matthias Müller, ist vor dreißig Jahren aus Deutschland weggegangen, aus dem reichsten Land Europas in das ärmste. Dort, in Rumänien, hat er meine spätere Mutter kennen gelernt, Magdalena Torik. Soweit ich über die Vorgänge informiert bin, war für den Nachwuchs ein Name im Gespräch, der in beiden Kulturen akzeptiert und in Rumänien und in Deutschland Anklang finde sollte. In den rumänischen Ohren meiner Mutter klang Katrin gut. Bis mein Vater den hebräischen Vornamen Aléa entdeckte. Der Nachname meines Großvaters Torik stammt aber nicht aus Siebenbürgen, der Heimat meiner Mutter, sondern irgendwo aus Moldawien und seine Ahnen wiederum kommen aus dem russischen Raum oder dem ukrainischen. Der kyrillische Name meines Großvaters lautet: Торик. Er schweigt sich über die näheren Umstände seiner Herkunft aus. Das hat wohl etwas mit den Flüchtlingsströmen der damaligen Zeit zu tun, die nicht nur in Südosteuropa unterwegs waren.
Ich liebe meinen exotischen Namen und würde ihn für kein Geld der Welt gegen einen andern eintauschen. Schon gar nicht gegen den, dem er am nächsten ist und dem ich einzig durch den Humor meines Vaters entgangen bin, nämlich Katrin Müller. Das klänge heute, vor allem aufgrund der ähnlichen Interessenslage, nach der Tochter von Herta Müller. Mein bester Freund Julian hat mir vorgeschlagen ein Pseudonym anzunehmen. Aber wir sind uns nicht einig geworden. Er war für Will Kür, ich für Stocha Stik. Beides würde mich jedoch nicht signifikant entlasten.”

Aleatorik und Würfelspielerei ist alles was bleibt. Bleierne Traurigkeit befällt mich, wenn ich an meine zurückliegenden Beiträge denke oder Erinnerungen an ein altes Pferd mit Namen “Kleiner Onkel” in mir wach werden. Toter Onkel würde es besser treffen. Es wird keine Besprechung des 28. Kapitels, kein Showdown oder Resümee des Romans “Das Geräusch des Werdens” geben. Bitterer Geschmack macht sich auf der Zunge breit, so gar kein Verlangen mehr nach Vanilleeis. Mir bleibt nur, A.T. viel Glück beim zweiten Roman “Aléas Ich” zu wünschen. Beim Blog “Aleatorik” möchte ich dagegen lieber die Mundharmonika zücken und das Lied vom Tod anstimmen.

P.S. Das zensierende Löschen meiner Kommentare, mittlerweile bin ich dort gesperrt, und das Schweigen von A.T. sind mir übrigens Beweis genug. Wer immer dort schreibt, hat nicht einmal den Mut öffentlich über die Vorwürfe zu diskutieren. Der ganze Blog ist von Anfang an als zugegeben intelligenter, literarischer Fake konzipiert gewesen. Kein Wunder, wenn dann eine literaturwissenschaftlich textimmanente Auffassung vertreten wird.

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