Der Blog “Aleatorik”

Kybernetische Avatare

Mit welcher Chuzpe A. T. den Blog “Aleatorik” unverändert weiterbetreibt, als gäbe es eine Person, die tatsächlich Aléa Torik hieße, weiblich sei und in Rumänien geboren, lässt mich doch ziemlich ratlos zurück. Da muss ein Literaturverständnis vorherrschen, das Begriffe wie Wahrheit und Aufrichtigkeit glaubt vernachlässigen zu können. Realitätsverlust möchte man meinen. Literatur wird zu einer kitschigen Welt, die man um sich herum produziert, um ihre Wirkung auf andere zu testen. Testpersonen, nichts anderes sind die Leser und Kommentatoren dieses literarischen Feldversuches, der zumindest was die Dauer und die Perfektion angeht einzigartig zu sein scheint. Literatur als wohlfeiler Selbstbedienungsladen für das eigene Ego. Dem Kostüm der erfundenen Person kann man locker russische Models wie Olga als Mitbewohnerin andichten und sich über deren Beischlafgewohnheiten mokieren. Das wirkliche Ego steckt ja schizophren hinter der undurchdringlichen Maske, ohne die man sprachlich nicht an die Öffentlichkeit tritt. Wollen wir wirklich in einer Welt der Avatare leben? Soll Literatur nichts anderes sein als Wortspielerei. Realität abzubilden verkommt zum Teil dieses Spiels, das sich auch noch einen universitären, quasi-wissenschaftlichen Background und Heiligenschein gönnt. Am Ende wird das zuckersüße Sandkastenspiel bitter. Man ist aufgeflogen und dichtet den Blog gegen alles ab, was den Schwindel aufdecken könnte. Da scheut jemand das Licht wie transsylvanische Vampire. Nur Mut, möchte man hinüberrufen, niemand steht hier mit einem Silbernagel oder will dem Blogbetreiber den Kopf abschlagen. Wir möchten nur nicht länger Testballons sein, sondern ernstgenommene Menschen.

Ergänzend möchte ich noch hinzufügen, dass wir es bei der “Causa Torik”, wie immer auf den ersten Blick vermutet wird, eben nicht mit einem einfachen Pseudonym zu tun haben. Dieses wird zusätzlich noch mit einer fingierten Autorenbiographie ausgestattet. Da der Roman selbst mit dieser falschen Biographie erscheint und alle Seiten, auf denen er angepriesen wird auch Bezug darauf nehmen, handelt es sich eindeutig um den Fall einer literarischen Fälschung und Täuschung. Etwas Plagiatives hat das Hineinkopieren und das ständige Rekurrieren auf diesen Pseudo-Lebenslauf. All das entwertet das Produkt, den Roman, natürlich auch selbst. Er schwebt in einem Raum, in dem jede Authentizität abhanden gekommen ist. Die Lüge ist der Feind jeglichen Vertrauens, degradiert alles zum Spiel und beschädigt nachhaltig mediale Glaubwürdigkeit. Das Internet scheint sich gegenüber diesen Praktiken erst bewähren zu müssen oder es wird ein Ort massenhafter Beliebigkeit.

Der Literatur-Avatar selbst zeigt sich bis jetzt gegen jede Form von Unrechtsbewusstsein immun, schlimm. Stattdessen behauptet sie oder er, bei mir handele es sich um einen Stalker. Literarisch sei doch alles in trockenen Tüchern, nur der für nächstes Jahr geplante zweite Roman “Aléas Ich” hätte zuerst erscheinen müssen. An billigen Ausreden mangelt es also nicht. The show must go on.

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