Beim Lesen einer Literaturbeilage zur Leipziger Buchmesse

riviereDer Anlass, mir die FAZ mit ihrer Sonderbeilage “Literatur” vom 10. März 2012 zu kaufen, war im Nachhinein ein zwiespältiger, und es mag sich wie so oft eine Prädisposition zum Objekt auch in der anschließenden Perzeption wiederfinden. Machen Buchkritiken überhaupt Sinn, der immer ungerechte Blick von viel zu weit weg oder von ganz oben? Mit Buchmessen kenne ich mich genauso wenig aus wie mit denen in der Kirche und Zeitungsbeilagen erinnern mich mehr an meine ehemalige Tätigkeit als Bibliothekssekretär. Heute muss ich Büchern immer selbst näher kommen.

Zeitungsrezensionen ähneln sich alle in der Art ihres intellektuellen Diskurses, manchmal dienen sie mehr der Selbstdarstellung des Rezensenten, als dass sie für den Leser sachlich direkt zum Text verwertbare Informationen liefern würden, die dann eine Lese- oder Kaufentscheidung leichter machen. Am Ende ist man oft genauso klug wie am Anfang. Ich kann das auch an mir selbst nachvollziehen. Würde man nämlich das besprochene Werk als nicht lesenswert präsentieren, wäre die eigene Beschäftigung damit auch vertane Zeit gewesen. Also legt man sich nicht eindeutig fest, belässt das Zelebrieren der eigenen Belesenheit im Vagen. Man hat es nicht leicht mit dieser Beilage, die sich in die beiden bekannten Schubladen Belletristik und Sachbücher teilt. So ist es immer, lesen Sie zu viel, bleibt nichts als Überforderung und Verwirrung.

Bei der ersten nur punktuellen Lektüre dieses Überblicks der Frühjahrs-Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt, macht sich in mir, was den Bereich Belletristik betrifft ein merkwürdiges Gefühl der Leere breit, als ob jeder Roman bei aller Fülle doch nur eine verzweifelte Antwort auf die immer größer werdende Heterogenität der Welt und des Medialen sei. Als würde das nachpostmoderne Erzählen vor lauter Reizüberflutung sein Heil einmal mehr auf der Spielwiese eines sich modern gebenden “l´árt pour l´art” suchen.

Gleich der erste Roman, Mathias Gatza “Der Augentäuscher”, soll laut Felicitas von Lovenberg eine Art “Genremix aus Briefroman, Thriller und Wissenschaftsfarce” sein, der das Barockzeitalter wie eine Parallele zur Gegenwart beleuchtet. Der Beitrag ist mit “Auf der Jagd nach einem Phantombetitelt, da darf ich im Moment gar nicht genauer drüber nachdenken. Mein kurzes Fazit: Muss nicht schlecht sein, aber bei barocken Mixturen und historischen Versatzstücken wird mein Misstrauen wach und vermutet ein unübersichtliches Konglomerat, der Literat als Alchemist. Wahrnehmung scheint das Thema schlechthin vieler Autoren zu sein und überall, natürlich auch hier, spiegelt sich die eigene.

Dann blättere ich um und die Rezensentin Sandra Kegel konfrontiert mich mit einem Peter Greenaway Filmtitelzitat “Der Koch, der Dieb und der Liebhaber oder so ähnlich”. Im Titel versucht sich der Literaturkritiker selbst als Künstler und Dichter, endet aber nur als leicht verändertes Plagiat. Der Journalist des Feuilleton braucht diesen geschmacklichen Rekurs auf eine Leseridentität mit Kulturniveau. Péter Nádas´ “Parallelgeschichten” sollen laut Zählung 1724 Seiten brauchen, “um das Chaos der Welt über die Literatur sinnlich erfahrbar zu machen”. Einem Lebenswerk kann man nur unrecht tun. Auch wenn man mich als Kulturbanausen straft, einfach ein bisschen zu dick, obwohl mich die über tausend Seiten bei “2666” doch auch nicht abgeschreckt haben.

Hubert Spiegel gelingt ein sehr eleganter Verriss zu Lars BrandtAlles Zirkus”, der im eigentümlichen Gegensatz zur Rezension von Meike Fessmann steht, hier kurz nachzulesen. Beim semigebildeten Leser wie mich oder weniger kokett bei meinen vielen Bildungslücken kamen zunächst nur Verwechslungen vor. Das Sujet des wohlsituierten Ehepaares erinnerte mich ans letzte Klagenfurt und einen Text von Leif RandtSchimmernder Dunst über Coby County”, den ich damals für recht gelungen hielt. Mir schimmerte auch unwissend sein Bruder, der Schauspieler Matthias Brandt mit seiner TV-Präsenz ständig dazwischen. Der Impuls zum Lesen stellte sich nicht ein.

Dann denke ich noch, alles so schön bunt eingerichtet im mitteleuropäischen Bewusstsein. Die Mühle des Literaturbetriebes mahlt, schnell und vergesslich wie immer, was soll sie auch sonst tun. Dazu passen die Überlegungen von Jürgen Kaube, die eine nachlassende “Qualitätsdichte wissenschaftlicher Sachbücher” beklagen, was für die Belletristik auch gelte:

“Denn es unterliegt ja keinem Zweifel, dass irgendwann in den vergangenen Jahrzehnten die Frequenz des Vorbildlichen stark abgenommen hat. … Die Kritik lobt – hier wie auch in der Literatur – bestenfalls im Bewusstsein, dass bald vergessen sein wird, was sie lobt. Schlimmstenfalls lobt sie, ohne daran zu denken.”

Ich blättere weiter und stoße auf die Neuerscheinungen junger deutscher Gegenwartsliteratur, zwei von der Leipziger Shortlist sind dabei: Anna Katharina Hahns Milieustudie “Am schwarzen Berg” und Thomas von SteinaeckersDas Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen”. Warum nun ausgerechnet Wolfgang Herrndorf mit Sand fehlt, sogar in den Seitenbezirken, wo die Verlagswerbung sich bunt mit großen Covern und Gesichtern etwas aufdringlich über die Artikel legt. Nicht protegiert also an diesem Ort, aber die Preise rauschten ihm dennoch zu. In der Werbung tauchen die Namen mit Verkaufspotential auf, Boyd, Brasch, Hoppe, Kracht, Stein und Steinaecker. Einige Debütantinnen kenne ich nicht, Gerstenberg und Ohbreht, andere zu gut, Torik. Am Schluss vor der Kinderbuchecke, dann zwei Hörbücher, W.G. Sebalds letzter Roman “Austerlitz” und von Ilse Aichinger gesprochene Erzählungen, Gedichte und Interviews. Daneben Virginia Woolf mit “Autobiographischen Skizzen”. Vorher begegneten mir altbekannte wie Javier Marías “Die sterblich Verliebten” und John Banvilles “Unendlichkeiten”, von dem “Die See” ungelesen im Regal steht. Da fällt mir noch die vom Bachmannpreis bekannte und von mir überblätterte Rezension von Nina BußmannsGroße Ferien” ein. Wohin soll ich mich flüchten vor dieser Überfülle des Leseangebots. Ganz einfach, ich lese von allem etwas, nehme noch das zu kurz gekommene Unbekannte dazu und werde am Ende ein verwirrter Sprachautomat, ein Wiederkäuer. Ist es nicht auch immer die uns von der offiziellen Kritik verordnete, vorgekaute Literatur, die wir zu sehen bekommen. Spielen nicht B-Vitamine oder Kritikerressentiments wie damals bei Reich-Ranickis Walser-Verriss eine zu meinungsbildende Rolle. Das Feuilleton ist also alles andere als frei. Wie viel Sinn macht überhaupt das Duell im virtuellen Raum der Rezension? Das jüngste Beispiel Christian Krachts lässt mich zwischen Ratlosigkeit und Skeptizismus schwanken. Der Literaturbetrieb ähnelt zu oft dem Gezänk der Parteienlandschaft, das am Ende gar den Überdruss fördern könnte.

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