Sag doch einfach “Du” zu Clint Eastwood

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Nein, so einfach ist die Annäherung an diese Filmikone dann doch nicht, aber nach der Lektüre der März-Ausgabe des Schweizer Kulturmagazins “Du” hat man die mittlerweile 81-Jährige Kinolegende zu Lebzeiten Clint Eastwood zumindest sehr viel besser kennengelernt. Der Schauspieler und Regisseur fasziniert auch in diesem Alter auf dem schwarzweißen Titelblatt und bedeutet dem Leser, dass man sich ihm am besten mit einem Blick durch die Kamera seiner Filme nähert. Beim ersten Durchblättern gefallen mir die großformatigen Fotos, doppelseitige Stills aus seinen Filmen und schöne Porträtaufnahmen. Oft wird die Farbe kontrastiv gegen das Monochrome gesetzt. Im Du-Magazin wird Kultur aber auch in den Beiträgen immer groß geschrieben, egal welches Genre  gerade gemeint ist, was man schon am Format des Heftes ablesen kann, wenn man es in Hand nimmt. Einen als kostenlosen, kulturellen Appetizer lohnenden Spaziergang bietet Du-Online. Das zehnmal jährlich erscheinende Magazin selbst ist als Themenheft angelegt, dessen Schwerpunkt etwa drei Viertel des Heftes einnimmt. Im letzten Viertel folgen dann noch zahlreiche, kleinere Rubriken, wie in diesem Heft z. B. ein Gespräch mit dem Schriftsteller Martin Amis, der sehr klug über die Entstehung seines letzten Romans “Die schwangere Witwe” erzählt.

Einer so vielschichtigen Filmikone wie Eastwood nähert sich das Themenheft, indem es ihre Entwicklung vor und hinter der Kamera nachzuvollziehen sucht. Im Panorama seines Filmschaffens spiegelt sich anscheinend auch eine menschliche und politische Entwicklung des Regisseurs und Schauspielers. Eine kluge Analyse von Tobias Kniebe wird dieser Entwicklung gerecht und ist passend dazu als Einstieg reich bebildert. Der anschließende Aufsatz der Literaturprofessorin Barbara Vinken spürt der christlichen Ikonographie der Filme des “männlich-militanten Helden” im Kampf zwischen Gut und Böse nach. Sie erkennt in vielen einzelnen Filmszenen einen immer Clint Eastwood_James Dean Posewiederkehrenden christlichen Bedeutungszusammenhang, der “lonely hero” als Streiter für Familie und vergewaltigte Frauen. Nach einer schönen, ganzseitigen Schwarzweiß-Fotografie Eastwoods in James-Dean-Pose mit flauschigem Pullover erzählt Leonardo DiCaprio von seiner Zusammenarbeit mit ihm während der Dreharbeiten seines letzten Filmes ”J. Edgar”. Nachdem die Doppelseite mit Clint im grünen “Gran Torino” umgeschlagen ist, folgt ein sieben Seiten langes Interview mit dem Meister selbst.
Der nächste Aufsatz von Martin Heller, Kulturprojektleiter und in der Stadtentwicklung tätig, hält ein Plädoyer für eine einfache, in sich selbst ruhende “Eastwood-Methode”, die er von einem einzigen Bonmot Eastwoods ableitet. Seiner Antwort auf die Frage, wie er seine ungeheure Produktivität denn überhaupt bewältige: “Ich reite in eine Stadt – der Rest findet sich.” Der Kulturbegriff, den er daraus entwickeln zu müssen glaubt, findet meine Zustimmung nicht. Plump spielt er eine Kunstauffassung, wie sie etwa bei französischen Avantgarde-Filmemachern oder deutschen Autorenfilmern vorkam gegen dieses Selfmade-Statement Eastwoods aus. Für ihn ist eine Kunsthaltung, die sich künstlerisch auch theoretisch anstrengt und weniger nach dem Publikum schielt, als auf das Kunstobjekt selbst, anscheinend keine Option. Vermutlich ist diese Auffassung dem eigenen beruflichen Kulturmanagement geschuldet. Der nächste Artikel versucht die Figur des “Dirty Harry” politisch zu differenzieren und setzt sich mit der oft vorhandenen Gleichsetzung des republikanischen Eastwood und seinen Rollen auseinander. Es wird eine politische Entwicklung sowohl in den Filmen als auch der Person zu liberaleren Standpunkten deutlich und am Ende auf eine nicht genau fassbare künstlerische Ambivalenz auch in dem letzten Film “J. Edgar” verwiesen. Man erinnert sich, dass der Rächer “Dirty Harry” auch ein Jazz-Liebender “Charly Parker” wird und geradezu romantisch unter “Brücken am Fluss”. Ambivalenzen scheinen im Schauspielerberuf geradezu vorprogrammiert, denn immer wieder liegt der naive Rückschluss nahe, die Rolle mit dem Privatleben des Künstlers zu verwechseln. Das interessante und intellektuell anspruchsvolle Kulturmagazin beschließt sein März-Themenheft zu Eastwood mit einer umfassenden Filmografie von 1955 bis heute. Die Texte und vor allem das reichhaltige Fotomaterial laden dazu ein, Magazine dieser Art auch in Zukunft im Auge zu behalten.

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