“Was gesagt werden muss”

GRASSDie Empörung ist groß, wenn der Dichter wagt, ein Tabu der Gesellschaft zu benennen und die Medien lieben nichts mehr als die Empörung. Ein Dichter beschreibt mit seinem Gedicht aber nicht nur politische Sachverhalte, sondern, wie auch in diesem Fall, seine eigene Befindlichkeit gegenüber dem Tabu. Das betrifft den leisen Ton und die Sorge gegenüber beiden Seiten des Nahostkonflikts. Abgesehen von der politischen Diskussion, stehe ich immer auf der Seite des Dichters. Seine Selbstbefragung ist immer auch eine Frage an alle. Für mich ist gerade dieses Gedicht ein Beispiel dafür, dass man in Deutschland einfach keine Lyrik mehr lesen kann, man liest nur die eigenen Vorurteile. Vor allem fast die gesamten etablierten Parteien wissen anscheinend gar nicht mehr, was ein Gedicht ist. Das ist nicht der Duktus einer “flinken Lippe”, man lese die ersten vier Zeilen nur einmal laut und denke weder an Israel noch an den Iran. Deshalb als Solidaritätsadresse an den politisch dichtenden Schriftsteller Günter Grass sein schlichtes Gedicht auch an dieser Stelle:

Einige ausgewählte Links zur aktuellen Debatte:

1. Debatte um ein Gedicht Hajo Steinert, Denis Scheck, Hubert Winkels (Audio von dradio.de)
2. Günter Grass in einem Interview mit Tom Buhrow Tagesthemen vom 05.04.2012
3. Andreas Heidtmann in seinem Poetenladen
4. Leander Sukov: Grass und die Meute und  Über die Reaktionen auf das Gedicht
5. Frank Schirrmacher in der FAZ
6. Jakob Augstein: Es musste gesagt werden (SPON v. 06.04.2012)
7. Grass würde Israel-Gedicht jetzt anders fassen 

 

Was gesagt werden muss

Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird.

Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten –
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er mißachtet wird;
das Verdikt „Antisemitismus“ ist geläufig.

Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von ureigenen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
ein weiteres U-Boot nach Israel
geliefert werden soll, dessen Spezialität
darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
dorthin lenken zu können, wo die Existenz
einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
sage ich, was gesagt werden muß.

Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.

Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
Weil gesagt werden muß,
was schon morgen zu spät sein könnte;
auch weil wir – als Deutsche belastet genug –
Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
durch keine der üblichen Ausreden
zu tilgen wäre.

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
weil ich der Heuchelei des Westens
überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
den Verursacher der erkennbaren Gefahr
zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
gleichfalls darauf bestehen,
daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des israelischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,
mehr noch, allen Menschen, die in dieser
vom Wahn okkupierten Region
dicht bei dicht verfeindet leben
und letztlich auch uns zu helfen.

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