Literarischer Interpretationsversuch eines provokativen Prosagedichts von Günter Grass

Vorweg, den Text des Gedichts und einige weiterführende Links gab es bereits im vorigen, spontanen Beitrag bei dessen Erscheinen, hier.

GedichteBisher habe ich im Netz der Netze keinen solchen Versuch gefunden. Umso mehr gibt es Äußerungen, die sowohl den ästhetischen Wert als auch die Gedichtform selbst in Zweifel ziehen. Dabei kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass aus inhaltlich politischer Divergenz oder kruder Antipathie der Person Grass gegenüber geurteilt wird. Durchgängig ist in dem Gedicht ein rhythmisches Sprechen vorhanden, das trotz des sachlichen, leitartikelhaften Inhalts auch klangliche Mittel wie die Alliteration einsetzt. Dem ganzen Gedicht liegt eine klingende Lautstruktur zugrunde, die wenn auch ungereimt, einzelne Vokale und Konsonanten im Sinne eines Gleichklangs wiederholt. Gleich die erste Zeile übernimmt aus dem Titel das vorherrschende “W” in das erste Wort “Warum” und in das Verb “schweige”. Das Wort “lange” am Ende übergibt lautlich das “l” an andere Wörter in den drei folgenden Versen. Das verdoppelte Schweige-Verb steigert die Selbstbefragung und macht deutlich, dass es sich nicht nur um ein momentanes Schweigen, sondern um ein als schon lange erlittenes und empfundenes handelt. Es soll gleich an dieser Stelle auch nicht verschwiegen werden, dass sich Grass schon einmal in eigener Sache unvorstellbar lange in Schweigen gehüllt hat. Aber vielleicht war der innere Kampf mit diesem ersten Schweigen gerade mit ein Katalysator, das jetzige auch nicht aufrechtzuerhalten. Jede schriftstellerische Äußerung trägt Züge der inneren Selbstanalyse. Die erste Strophe ist also an das eigene Innere gerichtet und beschreibt damit den Impuls für das Schreiben überhaupt. Ein aktueller politischer Zustand wird dann zum Auslöser, den inneren Druck nach außen zu tragen. Das an sich selbst konstatierte Schweigen ist jedoch nicht nur das eigene, sondern spricht vor allem eine generelle Haltung im Nachkriegsdeutschland bis heute an, keine offene, sondern nur beschönigte Kritik an der Politik des Staates Israel üben zu dürfen, weil die deutsche Schuld am Holocaust nie tilgbar sein wird. Die Erscheinungsform dieser bereits durch innere Selbstzensur reglementierten Kritik darf allenfalls eine gemäßigt wohlwollende sein.

In der zweiten Strophe, die wie die beiden folgenden sechszeilig daherkommt, wird nun der aktuelle Anlass konkret thematisiert, der das Schweigen gebrochen hat: der von der Regierung Israel angekündigte und angedrohte, präventive Angriff  auf den Iran. Bezeichnend für die zumindest wohl auch intendierte Absicht zu einem Versuch der Ausgeglichenheit, wird die andere israelfeindliche Seite als “Maulhelden” beschimpft. Den meisten erscheint dies unausgewogen, aber man sollte die Hauptthematik dabei nicht vergessen, das Schweigen der deutschen Regierung bzw. der Schweigekonsens in großen Teilen von Bevölkerung und politischer Repräsentanz. Um ein Aufrechnen geht es dem Prosagedicht nicht.

In der dritten Strophe wird eine nicht zu leugnende Tatsache beklagt, dass die breite Bevölkerung über das israelische Atomwaffenpotential wie über das amerikanische in der Bundesrepublik meist völlig im Unklaren gelassen wird und eine Überprüfung nur auf der feindlichen Seite stattfinden soll. Die vierte bemängelt eine Vorverurteilung desjenigen, der dieses Schweigen bricht, als Antisemit. Aus einem einzigen, langen, dreizehnzeiligem Satz, der etwas überfrachtet anmutet, besteht die fünfte Strophe. Was den Satz dennoch zur Versform macht sind die vielen Substantiv-Paare, die wie eine verstärkende Aufzählung wirken, etwa Verbrechen/Vergleich, Mal um Mal, Spezialität/Sprengköpfe oder Befürchtung/Beweiskraft. Erst jetzt, am Ende dieser Strophe und in der Mitte des ganzen Textes gipfelt dieser Satz in den Titel für das gesamte Gedicht: “Was gesagt werden muss”. Der Auslöser für das Sagen ist die geplante Lieferung eines weiteren deutschen U-Boots an Israel.

Heikel wird es in der sechsten Strophe bei dem Wort “meine Herkunft”, denn viele Kritiker nahmen das selbstgefällig zum Anlass, Grass seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS erneut um die Ohren hauen zu müssen. Ich kann darauf nur antworten, dass ich nie dafür garantieren würde, wenn ich als Siebzehnjähriger 1944 (ich bin 1954 geboren) schon gelebt hätte, nicht auch an diese Stelle hätte geraten können. Jemandem nach über sechzig Jahren seine Jugendsünden vorwerfen können nur die, die zweifelsfrei immer auf der Seite des Guten stehen. Die sind mir per se in ihrer Rechtschaffenheit und Fehlerlosigkeit suspekt, werfen aber gern den ersten Stein.

Die siebte Strophe stellt wiederholt insistierend die Frage nach dem eigenen Schweigen an sich selbst und enthält den immer wieder herausgestellten Kernsatz: ”Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden”. Das muss sich nicht zwangsläufig nur auf einen atomaren Erstschlag beziehen, sondern betrifft auch den Angriff mit konventionellen Waffen. Sprachlich interessant ist, dass das Verb “tilgen” zum zweiten Mal gebraucht wird, wodurch ein Zusammenhang zwischen dem Makel der nationalsozialistischen Vergangenheit und der aktuell möglichen Mitschuld durch Deutschlands Waffenlieferung hergestellt wird.

In der achten von neun Strophen insgesamt gibt es sprachlich eine Parallele zur fünften Strophe, die auch wie schon gesagt, aus einem einzigen Satz besteht und ebenfalls mit zwei trotzigen Wörtern beginnt: “Jetzt aber,” und “Und zugegeben:”, als brauche der Sprecher einen Anschub und Aufruf, sein zu langes Schweigen endlich zu überwinden. Gerade der Schluss des Prosagedichts ist in seinem Befrieden wollen, seinem eingefordertem Ruf nach neutraler Kontrolle, was die Waffensysteme beider Seiten anbelangt, bisher durch Entrüstung über die anmaßende Hybris des oberlehrerhaften Zeigefingers, als zweitrangig diskreditiert worden. Das in der ersten Strophe schon aufgetauchte, sich durch die Wortsyntax ziehende “l” taucht auch in der letzten auf und erinnert an die immer wieder auftretende Diskrepanz in friedliebenden Religionen (“Wahn”) zwischen ihrem theoretischem Glaubensanspruch und den damit verbundenen realpolitischen, meist kriegerischen Auswirkungen.

GünterGrassMehrLicht_id_5123856873_CC_ND_BY_ChristophMüller-Girod_42152050@N05_smallNun kommt das Gedicht von Grass nicht als Sonett von Shakespeare daher und hat sicher auch wenig mit der Lyrik Ulla Hahns oder Oswald Eggers zu tun. Es ist auch nicht postmodern sprachspielerisch, eher der Ästhetik der 70ziger Jahre entsprungen. Manche mögen dazu altbacken und mittelmäßig sagen, aber die Intention eines politischen Gedichts ist es ja nicht, in den Olymp der Lyrik zu gelangen. Es sucht allenfalls einen Kompromiss zwischen Aussage und Form, wobei man in diesem Fall durchaus sagen kann, dass dem Inhalt der Schwerpunkt gegeben wurde. Das Vokabular ist notgedrungen das mit dem politischen Tagesgeschäft zu verwechselnde. Der Begriff “mit letzter Tinte” klingt zunächst platt pathetisch, aber das herausgedrückte “t” darf im Alter von 84 ruhig einmal so über die Lippen kommen, genauso wie das rollende “l” in ”mit flinker Lippe”. Sicher hat das Gedicht auch etwas von der Attitüde eines überheblichen Kassandrageschreis, aber es drückt auch leise mahnende Sorge aus. Die oft bemängelte Umkehrung der Bedrohungsverhältnisse und Unausgewogenheit in der moralischen Wertung, beruht schlicht darauf, das es nicht um ein verstecktes Rede-Tabu in Bezug auf den Iran geht, sondern um ein typisches seit Jahrzehnten nur Deutschland betreffendes. An der beinahe hysterisch anmutenden Pressereaktion kann man gut ablesen, dass ein sorgsam versteckter Nerv getroffen wurde. Man glaubt, der Schuld an Millionen Toten nur mit verdrängendem Schweigen begegnen zu können und muss die eigene Kritik ständig zwanghaftem Bemänteln unterwerfen. Man darf dem weltgeschichtlich Jahrhunderte alten Leid des israelischen Volkes nicht selbst vorwerfen, durch Aggressivität schuldig zu werden oder bereits zum Beispiel in der Siedlungspolitik schuldig geworden zu sein. Eine israelische Regierung als implizit kriegstreibend zu bezeichnen, verstößt gegen ein allseits verhängtes Maulkorbgebot. In Deutschland hat der Grundsatz Priorität, ist zur “Staatsräson” gemacht worden, im westlichen Bündnis an der Seite Amerikas und Israels zu stehen. Grundsätzliche Kritik, die etwa neutrales Verhalten bei den Waffenlieferungen einschlösse, ist absolut unerwünscht. Die israelische Regierung mit dem gleichen Vokabular zu kritisieren, das sonst für die Beschreibung des Holocausts reklamiert wird, ist nicht nur eine Provokation, sondern setzt den Redner sofort des Verdachts aus, wie in dem Gedicht vermutet, antisemitisch zu sein. Es zeigt aber auch, das bestimmte Wörter in einem scheinbar demokratischen Land nur in einem schon vorgegebenem Bedeutungskontext gesehen werden sollen. Frieden kann man aber auf allen Seiten auslöschen.

Was die literarische Bewertung angeht sympathisiere ich mit der Auffassung von Denis Scheck, in der politischen mit der von Jakob Augstein, mögen mich andere auch als naiv betrachten oder gar verbale Steine werfen wollen. Mit der Ästhetik des Gedichts allein kann man sicher keinen Preis gewinnen, sein Inhalt aber ist eine Warnung an uns alle, dass immer noch kommen kann, was angedroht wurde. Wenn ich die vielen Kriegsschauplätze in den Nachrichten sehe, weiß ich nur eins mit Sicherheit, dass der Einzelne und die einfache Bevölkerung immer “allenfalls Fußnoten” sein werden, egal in welchem Krieg. Der nun schon lang anhaltenden Debatte ist zu wünschen, dass sie etwas bewirkt, am besten einen Stopp der Waffenlieferungen und die Verhinderung eines Präventivangriffs, von welcher Seite auch immer. Wenn Grass mitgeholfen haben sollte, nicht mit Kadavergehorsam in einen angezettelten Krieg zu ziehen, war es bei allen Einschränkungen und manch übertriebener Fehleinschätzung letztlich in der auslösenden Wirkung dann doch ein gutes Gedicht.

Ich will mit diesem etwas lang geratenen Versuch das Kapitel “krasses Gedicht” endgültig abschließen. Von seiner Thematik wird man das leider noch lange nicht sagen können.

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