Leander Sukov: Homo Clausus

Leander_Sukov_Homo_ClaususDer Untertitel lautet “Novelle eines Niedergangs” und dieser Niedergang hat geographische Stationen. Berlin, Athen, Leipzig, Hamburg und Prag heißen die fünf Kapitel der kurzen Erzählung und gleichzeitig sind sie Fluchtpunkte eines Mannes, der sich selbst zum autistischen Gefängnis geworden ist, das er an all diese Orte unweigerlich mitnimmt. Es ist auch gleich in der Anfangsszene die Gefangenschaft des sexuellen Triebes, der nie über sich selbst hinauszuweisen scheint. Gleich die erste Szene schildert das Unbefriedigende eines bezahlten Blowjobs, bei dem ihm selbst das Kondom zum Sinnbild der Mauern wird, die ihn von allen Mitmenschen isolieren. Dieses sexuelle Motiv des Getriebenen , wie auch beispielsweise das der “Burg”, zu der das eigene Selbst als “Wohnraum” wird, erkenne ich aus “Warten auf Ahab” wieder.

Mir war der aus der Soziologie bekannte Begriff “Homo Clausus” von Norbert Elias nicht so geläufig wie beispielsweise der Homo Sapiens oder der Homo Ludens. Vor allem mit der wieder stoßweise hervorsprudelnden Sprache, in der sich die Atemlosigkeit des Mannes auf den Leser überträgt, ihn hetzt und gleichzeitig poetisch berührt, hat mich diese kleine Novelle überzeugt. Das erste Kapitel “Berlin” besteht allein nur aus großartig komponierten zwei Sätzen. So wie das “Er” erzählerisch eingesetzt den Mann von außen und innen beschreibt, so sieht sich der “beleibte” Mann auch wie in der dritten Person selbst von außen, was schon im Ansatz wie eine psychische Ausnahmeverfassung, ja Krankheit anmutet. Aber wir alle kennen solche Zustände, in denen wir uns selbst fremd werden, uns mit den Blicken der Anderen wahrzunehmen glauben. Wir scheinen aus der schützenden Gemeinschaft herausgefallen, begreifen uns nur noch als vereinzelt. Leander Sukov hat mit dem namenlosen Mann, der durch die Städte hetzt ohne sich selbst finden zu können, ein grundlegendes Symptom unserer modernen Gesellschaft personifiziert. Wie ein geborgter Jedermann von Max Frisch könnte er auch jeder von uns sein, denn wir bemerken immer mehr, dass die Vereinzelung, der Egoismus und die Ellbogen fordernde Leistungsgesellschaft ein wirkliches Zusammenleben zusehends unterbindet. Viele Menschen plagt, wenn es ihnen bewusst werden sollte, ein Gefühl der Entfremdung. Die Novelle macht den klaustrophobischen Taucherglockenkopf eines Mannes zur Einheit von Ort und Handlung, der langsam den Boden unter den Füßen verliert.

Manchmal hat man merkwürdige Assoziationen und so erinnerte mich die sprachliche Gestaltung, die Er-Erzählhaltung und die Rastlosigkeit an eine andere kurze Erzählung von Rainer Maria Rilke “Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke” (1899). Natürlich ist das eher impressionistisch und inhaltlich nicht zu vergleichen, aber der poetische Sprachfluss zeigt mir Parallelen, wie auch immer, der Cornett reitet und reitet und der namenlose Einsame fliegt in den Süden nach Athen und zurück nach Leipzig und Hamburg. Die Orte der Geschichte sind immer auch literarische Anknüpfungspunkte und eine Brücke in Prag ist der letzte Schauplatz nachmittags um vier, Kafka und Hašek lassen grüßen.

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