Zitat aus “Tage des Lesens” von Marcel Proust

Berthe_Morisot_Reading

Berthe Morisot (1841-1895): Reading (1873, Oil on fabric)

“Dann war die letzte Seite gelesen, das Buch war beendet. […] Aber wie? Das Buch war nicht mehr als das? Diese Wesen, denen man mehr von seiner Aufmerksamkeit und seiner Zärtlichkeit geschenkt hatte als den Menschen des wirklichen Lebens, ohne es immer zu wagen, sich einzugestehen, in welchem Maße man sie liebte […]; diese Wesen, für die man außer Atem geraten und für die man geschluchzt hatte, würde man niemals wiedersehen, man würde nichts weiter über sie erfahren. […]
Man hätte so gern gehabt, daß das Buch weiterginge und daß man, wenn dies möglich war, doch weitere Auskünfte über all diese Personen erhalten und etwas über ihr Leben erfahren hätte, oder daß wir das unsere auf Dinge verwenden könnten, die nicht völlig ohne Beziehung zu der Liebe wären, die sie uns eingegeben hatten und deren Gegenstand uns plötzlich fehlte, daß wir nicht vergeblich für ein paar Stunden Wesen geliebt hätten, die morgen nur noch ein Name auf einer vergessenen Seite sein würden, in einem Buch, das ohne Beziehung zum Leben ist und über dessen Wert wir uns sehr getäuscht hatten, da seine Bestimmung hienieden, wie wir nun begriffen, […] keineswegs, wie wir geglaubt hatten, darin bestand, das Universum und das Schicksal zu enthalten, sondern einen sehr schmalen Platz im Bücherschrank […].”

aus: Marcel Proust: Tage des Lesens. Drei Essays. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1982. (Bd. 400 der Bibliothek Suhrkamp) S. 25-28

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