Protokoll einer portugiesischen Reise II

Guimaraes_Haeuserfront

Das Ego ist, und sei es ungewollt oder unbemerkt, auch bei einer Reise immer ein Mittelpunkt, den wir mitnehmen. Ziemlich sicher müssen wir erst bei unserer letzten das Ich endgültig abgeben. Grundsätzliches zum Reisen fand ich bereits vor einiger Zeit in anderem Zusammenhang in einer Rede >>>> von Cees Nooteboom, in der auch eine Zeile aus Baudelaires Gedicht “Le voyage” zitiert wird, die wiederum Roberto Bolaño als Motto für seinen Roman “2666” diente:

Baudelaire hat geschrieben, daß Reisende fortgehen, um fortzugehen, und er hat auch über die falschen Vorstellungen geschrieben, die sie sich bei diesem Fortgehen machen, sowie über das „bittere Wissen“, das ihnen von ihren Reisen bleibt, über „die kleine, eintönige Welt, die uns gestern, heute, morgen ein Bild unserer selbst vor Augen hält: eine Oase des Schreckens in einer Wüste der Langeweile„.

O bittre Weisheit, die die Fahrt uns lehrt!
Es hat der Welt stumpfsinnig Einerlei
Stets unser eignes Bild uns zugekehrt,
Ein Quell des Schrecks in öder Wüstenei.

Aber auch ein Proust-Zitat lauert beim Stichwort Reise immer im Gedächtnis:

… es ging mir wie denen, die sich auf die Reise begeben, um mit eigenen Augen eine Stadt ihrer Sehnsucht zu schauen, und sich einbilden, man könne der Wirklichkeit den Zauber abgewinnen, den die Phantasie uns gewährt.

Das Wort “Ich” versucht auch António Lobo Antunes weitestgehend in dem Buch, das ich während meines Aufenthaltes in Portugal las, hinter sich zu lassen, obwohl die Dinge sich immer nur um ihn selbst als bettlägerigen Kranken drehen. So begann auch ich eigentlich mit dem Vorsatz, nur eine Art Protokoll der Ereignisse und wenige Beobachtungen der Reise vom 19.05.- 30.05.2012 zu erzählen.

Tag 1, 19.05.2012:

Ein dreigeteilter Anblick durch die Windschutzscheibe auf der Autobahn Hannover-Frankfurt, der weiß-blaue Himmel und das satte Frühlingsgrün der Wälder kontrastiert mit dem grauen Asphalt der Fahrbahn, auf der bei 25° Celsius die Wagen ihren kleinkarierten Pistenkrieg um jeden gewonnenen Meter führen. In der Nähe des Flughafens wartet im annehmbaren Business-Class-Stil das Übernachtungshotel im Vorort Kelsterbach. Ein Shuttlebus zum Vorabend-Check-In entledigt uns der beiden schweren Koffer. Das Hilton am Flughafen erinnert in seiner technokratischen Architektur an ein “Schlauchboot” genanntes Fußballstadion in München. Vor den Terminals die endlosen Shopping-Malls mit ihren globalen Markennamen. Auffällig die vielen Touchpads und Smart-Phones der Reisenden, ohne die Kommunikation offensichtlich unmöglich erscheint. Internationale Reisegäste in zum Teil sommerlich legerer Kleidung heben sich gegen die formelle Kluft des Flughafenpersonals ab, vor allem gegen die Kapitäne der Lüfte, hochgewachsene Männer mit vier Streifen am dunkelblauen Anzug. Abends noch Fußball Bayern München – Chelsea ganz ohne ein Buch, Antunes liegt im aufgegebenen Koffer, um morgen früh 9 Uhr in sein Heimatland geflogen zu werden.

Tag 2, 20.05.2012

Abflug mit Lufthansa vom Gate 11, vor dem sich eine ungeheure, internationale menschliche Vielfalt tummelt, ein Kommen und gehen vor der Abflugtafel. Der Sicherheitscheck ist sehr gründlich am Frankfurt Airport, im Vorübergehen ein Schild “Relay Opening Soon”, alles wandert aus den Hosentaschen und selbst Hosengürtel und Armbanduhr in einen grauen Kasten, die Fluggäste scheinen sich daran gewöhnt zu haben. Dann die immer kleiner werdende Welt unter dem Wolkenteppich. Fensterplatz über dem Triebwerk am rechten Flügel, auf dem längliche, schwarze Markierungen wie ein Laufsteg erscheinen. Kurze Gedanken über Literatur: L´art pour l´art als eine postulierte Illusion, Fiktion beinhaltet immer auch Mimesis, die Nachahmung realer Strukturen. Insofern impliziert auch diese Kunstauffassung reale Psychologie und Politik selbst im Phantastischen. Wir sitzen wie üblich in Sixpack-Reihen, in der Vorderreihe drei Jugendliche nebeneinander, die konform drei Flaschen Bier und drei mal Cola bestellen. Das Luftschiff schwebt derweil über bizarren Wolkengebilden in höhere Gefilde. In der Ferne trennt die Horizontlinie Wolkenschichten von der blauen Fläche des höheren Himmels. Nach zweieinhalb Stunden Flug ist es auf dem modernen Flughafen in Porto eine Stunde früher. Ab jetzt communication all in English, das erste Opfer eine resolute Portugiesin mit Zahnspange von der Rent a car-Niederlassung Auto-Jardim. Nach 50 km Fahrt auf der A28 das erste Abenteuer, der Rückwärtsgang des Fiat klemmt. Diskussion an der Tankstelle mit freundlichem alten Portugiesen, der schließlich den kleinen Ring am Schaltknauf findet, den man hochziehen muss. Gelber Hotelblock direkt am Atlantik. Wir sind etwas zu früh, room not clean. Als Überbrückung viel zu großes Menü mit im Öl schwimmendem gebratenen Lachs, womöglich aus der Fritteuse, im Hotelrestaurant. Großer Speisesaal mit Meeresblick auf einige in der Gischt surfende Wellenreiter. Danach Bezug des geräumigen Zimmers im 5. Stock, das mit einem wundervollen Blick auf Garten, Pool und Tennisanlage, aber vor allem auf das Meer und den Küstenstreifen überrascht. Abends Magenprobleme vom fettigen Essen zusammen mit Stress, Übermüdung und Abgeschlagenheit, mehrfaches Übergeben, danach endlich Schlaf nach ziemlicher Erschöpfung vom Flug und Autofahren.

Tag 3, 21.05.2012

Dem selbstreflektierenden Wesen geht es langsam besser. Nach der Morgentoilette erst einmal im Antunes weiterlesen.

… über den Flüssen des Mondego, die sich unaufhörlich teilten und wieder vereinigten, sah ich mich, der ich vor vielen Jahren gestorben war, oder nicht mich, all dies, was war und nicht mehr ist, weit weg von euch über dem Wasser schweben.
Formen, Formen. Formen, die gingen, kamen und wieder gingen, sich überlagerten und entfernten…
     – Hörst du nicht wie sich der Schwanz der Katze bewegt?

Zwei Katzen

Reichhaltiges Frühstücksbuffet wird zunächst vorsichtig angegangen. Zwei Stunden Strandwandern bis Apulia bei angenehm bedecktem Himmel. Das Meer rauscht in seiner Naturgewalt als sei es gleichzeitig ein Sturm. In der Ferne dann die Windmühlen, der Ort selbst nur mit einfachen kleinen Bars und Cafés, an den Straßen stehen die natursteinernen, eher kargen Wohnhäuser der Glasarchitektur neuer Eigentumswohnungen gegenüber. Überall Schilder mit “Vende, Vende, Vende”. Das scheint Teil der auch aus Spanien bekannten Immobilienblase. Am Wochenanfang bei noch nicht so gutem Wetter sind der Strand und die Straßen beinahe menschenleer. Auf dem Rückweg die vielen vom Wasser rundgewaschenen Steine, kaum Muscheln, an der Sanddüne liegen ein paar verlassene Fischerboote. In den Geröllsteinen und Felsbrocken zum Schutz der Düne plötzlich eine Perserkatze in ihrer Steinhöhle, vielleicht mit Jungen im Mai, ein großer runder Kopf mit staunenden Augen blickt in unser Staunen zurück und verkriecht sich sofort.

Windmuehlen bei Apulia

Um 14 Uhr zurück im Hotel, Getränke im Garten und Ruhen vom Strandwandern am Pool. Nicht mehr als fünf Gäste am Schwimmbecken. Das Wetter wechselt wie gewohnt an der Küste sehr schnell und Wind frischt auf. Am Wasser gab es auch leichten Tidenhub. Am Nachmittag kaufen wir Getränke im kleinen Supermarkt nebenan. Anschließend überqueren wir den Rio Cavado in Richtung Esposende. Ein kleiner Ort mit einladenden Geschäften in der restaurierten Fußgängerzone mit hübschen Altbaufassaden und kaum ein Haus ohne barock verzierte, gusseiserne Balkone. Ab und zu auch Säulen oder eine kleine Figur auf dem Dachsims. Vor der weißen Kirche sitzen die Alten in grauer Kleidung und sind in intensive Gespräche vertieft. Die Älteren sprechen grundsätzlich nur Portugiesisch, kein Englisch. Bedienungen im Café oder Fachgeschäft dagegen schon. In einem Uhrenfachgeschäft mit Werkstatt ist eine junge, sympathische Portugiesin sehr zuvorkommend beim Einsatz einer neuen Batterie in die Funkuhr, die einfach keine Umstellung auf die Ortszeit mehr hinbekam. Der ältere Uhrmacher kann nur Portugiesisch, ist aber nicht weniger freundlich. Am Ende der Fußgängerzone ein kleines Café, eine Pastelaria bzw. genauer die Confeitaria Marbela, in der es außer selbst hergestellten Pralinen und Kuchen auch einen ausgezeichneten Milchkaffee gibt. Die Preise in Portugal scheinen um ca. ein Drittel billiger zu sein. Zwei Milchkaffees mit zwei Stück Kuchen und zwei mitgenommenen Muffins bringen es auf gelinde 6,80 €, die Batterie der Armbanduhr kostete auch nur 5 € inkl. Einsetzen. Das ist wie auch das Essen vergleichsweise günstig, der Benzinpreis allerdings ist genauso teuer wie in Deutschland. Mag sein, dass diese subjektiven Eindrücke auch langweilen, touristische Protokollierung bringt das Banale ständig mit. Hinter dem Rathaus Esposendes öffnet sich dann ein kleiner Platz mit Restaurants nach dem Durchschreiten eines Arkadengangs. Später gehen wir ans Wasser des breiten Rio Cavado-Flussdeltas, wo ein Spielplatz als hölzernes Schiff konzipiert ist und ein modernes Hallenschwimmbad geöffnet hat. Zum Abendbrot gibt es heute zurück im Hotel nur belegte Brötchen, etwas Quark und Obstsalat, danach Antunes-Lektüre und ein Schlaf in ziemlich harten Betten.

Rathaus_Esposende_ArkadenTo be continued

Advertisements