Protokoll einer portugiesischen Reise III

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Tag 4, 22.05.2012

Viana do Castelo steht auf dem Programm, obwohl, wir haben gar keine festgelegte Reihenfolge unserer Besichtigungen. Beim Aufwachen um 6:30 Uhr kurz die Vorstellung vom Tod als ein im Filmprojektor stehenbleibender Film, die Leinwand plötzlich ohne Bilder. Die wildledernen, zehn Jahre alten Hilfiger-Boots stehen in der Hotelzimmerecke. Das war das leere und einsame Paar Schuhe aus dem ersten Beitrag, irgendwann fehlt der Mensch, ob in den Schuhen oder auf der Leinwand. Nach gut zwanzig Minuten Fahrt parallel zur Küste nach Norden klettern wir mit dem Wagen die Serpentinen des Monte Santa Luzia hinauf, um von der gleichnamigen Wallfahrtskirche auf dem höchsten Punkt einen Blick über die Hafenstadt zu werfen, die wie fast alle größeren Küstenorte Portugals an einer Flussmündung liegt, in diesem Fall der des Rio Lima. Mit dem Fahrstuhl geht es noch weiter zu einer Aussichtskuppel hinauf, auf der man allerdings auch leicht Schwindelgefühle bekommen kann. Es stellt sich die Frage, ob man glaubte so hoch oben dem Himmel näher zu sein oder ob es eine Anmaßung bleibt, auf alles herabzuschauen, wozu vor allem Menschen neigen, selbst jene mit einem poetologischen Konzept. Wir fahren zur Befriedigung weltlicherer Gelüste noch weiter hinauf zu einer wirklich edlen Pousada, wo wir uns ganz exklusiv auf der Terrasse in Korbstühlen einen Kaffee gönnen und einen Blick zurück zur Kirche und über Stadt und Küste werfen.

Blick von der Pousada bei Vania do Castelo

Dann geht es hinunter in die historische Altstadt. Wir laufen durch schmale, zum Teil mit Girlanden geschmückte Gassen bis zur Praça da República. Viele Städte haben einen solchen mittelalterlichen Platz mit Renaissance-Brunnen und Rathäuser mit meist drei gotischen Bögen, dieser ist der malerischste. Auch hier sitzt man geschwätzig auf der steinernen Bank im schattigen Steingewölbe an die Kirchenmauer gelehnt. Zwei anscheinend ziemlich alkoholisierte Männer diskutieren lebhaft mit einer älteren Frau, während auf dem weiten Platz vor mehreren Lokalen Getränke und Snacks auf Plastikstühlen verzehrt werden. Am unteren Ende ein Trachtenmuseum, dann über weitere Plätze und Kirchen zurück zur Tiefgarage und im Hotel Abendessen vom Buffet. Am Nachbartisch ein deutsches Ehepaar mit dem Tipp unbedingt den Nationalpark zu besuchen und sei es nur mit dem Auto, weil sehr gebirgig. Immer wieder das Nachdenken über das Verhältnis der Literatur zum realen Erleben, über die Ernüchterung, die den Projektionen des Lesens folgen kann, der ewige Streit der Fiktion mit dem Realen und die Unglaubwürdigkeit des reinen Spiels.

Viana_Praca da Republica

5. Tag, 23.05.2012

Morgens vor dem Frühstück wie immer Lektüre von Antunes Gedankenflüssen:

…vielleicht würde der Regen ein endgültiges Schweißtuch über seinen zerstörten Leib werfen […] er hörte die Fahrstühle und Lachen in der Ferne, er befand sich im Zentrum von etwas, von dem er nicht wusste, was es war, und von dem sein Leben abhing und das er nicht finden konnte…

Spaziergang in die andere Richtung des Strandes Richtung Esposende zum Wellenbrecher- Steingeröll, auf dem zwei Menschen sonnenbaden, an drei hässlichen Hochhäusern vorbei. Zum ersten Mal ist wegen des heißeren Wetters der Strand einigermaßen bevölkert. Es weht eine starke Brise frischer Meeresluft, gegen die man anrennen muss. Zurück ahmen wir die Sonnenbadenden am Hotelpool nach und liegen bis zum späten Nachmittag im Liegestuhl oder schwimmen. Anschließend das Verfassen des ersten Protokollbeitrags am Internet-PC des Hotels, portugiesische Tastatur, eine Herausforderung bei den Sonderzeichen und Umlauten, überhaupt XP mit IE auf portugiesischAltstadt gewöhnungsbedürftig. Um 17 Uhr entschließen wir uns doch noch zu einer Fahrt in das ca. 20 Km entfernte Barcelos mit seiner schönen Altstadt, die direkt am Rio Cavado liegt. Wir laufen durch das Centro Historico bis zur Kirche Bom Jesu, hinter der auch das Areal des donnerstags stattfindenden riesigen Wochenmarktes liegt. Es ist ein lauer Abend und später sitzen wir geraume Zeit an der schmalen Brücke mit den fünf wiederum gotischen Bögen, die über den Fluss führt. Der Anblick vermittelt eine sanfte, beschauliche Ruhe, mit der man den Abend ausklingen lassen könnte. Doch es geht wieder zum Abendessen diesmal in das kleinere Restaurantbistro zurück, denn die Lokale öffnen in Barcelos meist erst um 20 oder gar 21 Uhr. Während des Lesens vorm Einschlafen spannt der Sonnenbrand vom Pool auf einem Fuß, was man doch für kleine Nichtigkeiten notiert.

Tag 6, 24.05.2012

Bei ziemlich heißen Wetter fahren wir heute ins Landesinnere zum Nationalpark Peneda-Gerês, Infos hier und hier. Wir fahren nicht Autobahn, sondern eine Art Bundesstraße, die Fahrt dauert viel länger, dafür sieht man mehr, ca. zwei Stunden hin und zwei zurück. Esposende, Barcelos, Braga und dann durch bergiges Waldgebiet in endlosen Serpentinen durch Gerês hindurch, das tief unten an einem großen See liegt, bis zur spanischen Grenze im Norden und wieder zurück. Bis zu einer bestimmten Höhe ist alles von grünen Wäldern umgeben, weiter oben nur karge Granitlandschaft und Wasserfälle. An einem liegen drei Bikininymphen auf den Felsen, ein beinahe archaisch anmutender Anblick. Man könnte an eine blaue Stunde denken, die auf dem Foto etwas klein geraten ist.

Badende im Naturpark

Wir erhaschen auch noch die braune Flanke eines Rotwildes, auch eines ziemlich großen Salamanders und ein gar nicht scheuer Marder tummelt sich an einer Wasserquelle, ohne sich stören zu lassen. Die Landschaft ist sehr reizvoll im Aufeinandertreffen von kargem Gestein und üppiger Pflanzenvielfalt. Wir wandern eine Stunde die Straße entlang, zum Bergwandern reicht meine Konstitution nicht aus. Dann geht es eine andere Route auf der gegenüberliegenden Seite des Sees zurück, was sich als eine endlose Fahrt durchs Gebirge entpuppt. Bis wir wieder in Barcelos halt machen, ist es früher Abend und wir schlendern noch einmal kurz über den noch in den Abendstunden sehr belebten Wochenmarkt und trinken Kühles draußen in einem Eckcafé. Ziemlich erschöpft sehen wir uns auf dem Hotelzimmer das filmische Highlight unseres Portugalaufenthaltes im Fernsehen an: “Pulp Fiction” auf Vox. An deutschen Sendern gibt es nur Vox und RTL, zwei Sender die sonst auf meiner Vermeidungsliste stehen, wie überhaupt das Privatfernsehen. Aber “Zed´s dead, babe” ist ein ganz spezieller Retrogenuss. Mir wird noch einmal die Erzähltechnik bewusst, eine Art Cut-up-Technik, wie sie auch die Literatur kennt und die Achronologie. Das Drehbuch als Kuchen, den man in Stücke reiht. Die Anfangsszene schließt sich wie ein Gürtel mit der Schlussszene zusammen. Travolta und Thurman sind köstlich und dann auch noch Honeybunny, man könnte alles sein, vielleicht ein Hase mit schrägen Füssen. Am anderen Morgen jedenfalls schräghaseln wir beschwingt zum Frühstück.

Uma Thurman lesend in Pulp Fiction

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