Protokoll einer portugiesischen Reise IV

Spuren im Sand

… am Ende war er genau wie die anderen, voller extravaganter Kram, der nachträglich entstanden war und ihn nicht nur beschäftigte, sondern auch noch kaputtging, der Tod war für ihn eine Prozession von Sohlen auf der Straße und keine Angelegenheit zwischen dem Besitzer des Hotels1 und der Leber, und diese Tatsache vergrößerte seine Überraschung und seinen Schrecken nur noch, denn nur er starb, nicht der Pfad mit den Brombeeren oder die Quelle des Mondego, wie ohne Halt, ohne Eukalyptusbäume leben, die Einsamkeit des Endes und der Verlust der armseligen Schätze, die er bewahrt hatte…

António Lobo Antunes: An den Flüssen, die strömen. S. 65

1[so bezeichnet Senhor Antunes das Krankenhaus]

7. Tag, 25.05.2012

Man sollte sich nicht der Illusion hingeben, dass man Spuren hinterlassen würde, denn die nächste Flut wird auch die Abdrücke der vier Sohlen im Sand des obigen Fotos restlos verwischen. Heute soll es endlich in die europäische Kulturhauptstadt 2012 nach Guimarães gehen. Wir nehmen die Autobahn, müssen allerdings für hin und zurück ca. 5 € Mautgebühr bezahlen. Das Centro historico ist schnell gefunden, weniger schnell ein Parkplatz für den Wagen. Das Herzstück der Altstadt ist der Largo da Oliveira, der Ölbaumplatz, der in zwei Hälften geteilt ist, die von einem massiven Gewölbegang durchkreuzt werden. Zur Mittagszeit herrscht eine moderne, geschäftige Atmosphäre, mindestens fünf Lokale konkurrieren um das internationale Publikum. Auch wir stärken uns, aber die regionale Küche außer Fischgerichten ist doch ziemlich gewöhnungsbedürftig. Leider klappt ein Besuch des Museu de Arte Primitiva Moderna nicht, denn es hat wegen Umbauarbeiten geschlossen. Nach dem Essen lassen wir uns einfach weiter an den vielen sehenswerten mittelalterlichen Häuserfassaden vorbeitreiben, akribisch zeichnende Studenten sitzen mit Block am Straßenrand. Auf dem nächsten Platz liegt dekorativ eine schwarze Katze und Alberto Sampaio, ein bedeutender Historiker, der sich wohl auch mit Landwirtschaft und Weinbau beschäftigte, muss allein schon weil er ein Buch in der Hand hält, fotografiert werden.

Largo da OliveiraSchwarze KatzeAlberto Sampaio

Was beim Bummeln auffällt ist auch der Kontrast zwischen alt und jung und ärmer und reicher. Die älteren Portugiesen tragen einfachere, schlichte Kleidung zu ihrem wettergegerbten Gesicht, die jungen sind modisch und verstecken sich hinter coolen, schwarzen Sonnenbrillen, die ärmeren fahren knatternde, alte Motorroller, die reicheren Luxus-Vans. Aber wo sind die Menschen und ihr Besitz schon gerecht verteilt, nur auf dem Papier der Verfassung. Leider reicht unsere Kraft nach dem vielen Pflastertreten nicht mehr für einen Besuch des Paço Ducal, nach einem Kaffee mit leidlichem Zuckergebäck treten wir erschöpft die Rückfahrt an. An einem Nachmittag kann man nur die Atmosphäre dieses grandiosen Ortes auf sich wirken lassen. Was nimmt man mit aus einem fremden Land, die ulkige,  spontane Wortschöpfung “schräghaseln” als Fortbewegungsform, das Gesicht einer Portugiesin, eine Katze, ein Hund, der Anblick historischer Gebäude, Sonne und Sand, immer wird es nur das sein, was man flüchtig in etwas sah. Aber sieht man Portugal nicht beinahe besser durch die Worte des Schriftstellers Antunes, als durch die Digitalkamera des Touristen?

8. Tag, 26.05.2012

Bei Antunes bekommen alle Dinge und Formen ihre Sprache. Seine Gedanken sind überall gleichzeitig, das Ende des Flusses ist auch sein Anfang. Der Gedankenstrom setzt als innerer Monolog der Erinnerung ein und hört nicht wieder auf zu fließen. Seine Kunst ist es, dem Chaos der Gedanken eine sprachlich klare Form geben zu können.
Am späten Vormittag brechen wir nach Porto auf und fahren an einer Küstenpromenade von Norden kommend an der Mündung des Rio Douro entlang direkt in die Altstadt Portos, wo wir ziemlich steile Straßen zu bewältigen haben, was aber mit einem herrlichen Blick über die Stadt belohnt wird.

Porto Es ist Samstag und über schattige Plätze und an Kirchen vorbei schlendern wir auch über einen kleinen Straßenflohmarkt, der an den am Leineufer Hannovers erinnern könnte, wenn nicht Bücher und Schmuck mit portugiesischen Zeichen versehen wären und man eine fremde Sprache sprechen würde. Im Reiseführer haben wir vom Café Majestic in der Fußgängerzone gelesen, das wir erfreulicherweise in der Rua Santa Catarina ziemlich schnell finden. Hier herrscht ein buntes Treiben mit Straßenmusikanten und einem Clown mit Luftballons. Irreal und befremdend wirkt der Tanz eines muskelbepackten Jungmannes und anschließend einer jungen Frau zu Rap-Musik in einem Schaufenster, was an käufliche Damen denken lässt und irgendwie abstößt. Junge Menschen strömen aus dem U-Bahn-Schacht, während ein kleinwüchsig, grau gekleideter, behinderter Mann an zwei Krücken sich behände durch die Masse bewegt. In einer Ecke die verlassene Decke eines wohl auf der Straße Übernachtenden. Wir sitzen draußen vor dem Majestic, das mit ziemlich edel pompöser Ausstattung zu gewinnen sucht. Später zurück im Parkhaus am Bahnhof fädeln wir uns am Douro mit seinen Ausflugsbooten wieder an der Küste entlang durch einen Vorort auf der A28 nach Norden ein. Wir halten in Esposende und essen in einem kleinen, netten Lokal bzw. Bistro am Largo Dr. Fonseca Lima, dem “Hortela Pimenta”, mit dessen sympathischer Besitzerin Olga Helena Borralho Magalhaes Menteiro wir ein sehr angeregtes Gespräch auf Englisch führen können. Das Essen ist gut und wir freuen uns über diesen Kontakt.

Hortela Pimenta

Zurück auf dem Hotelzimmer landen wir auf der Suche nach den Nachrichtensendern BBC oder CNN auf einem spanischen Kanal, der den Eurovision Song Contest in Baku überträgt. Die Übertragung verkommt zur Staatspropaganda für das Land, eine widerlich gekünstelte Welt aus gigantomanischen Superlativen. Sogenannte Künstler zelebrieren sich wie Wesen aus einer fremden Galaxis der Geschmacklosigkeit, während man draußen die Menschenrechte mit Füßen tritt. Schlaf ist da die einzige Erlösung.

Advertisements