Über die Stimme des Erzählers im Film

Käutner

Schon immer hatte ich eine Schwäche für Filme, in denen in irgendeiner Form eine Erzählstimme das Visuelle begleitete. Ein faszinierender Dreiklang aus Musik, Bildern und dieser Stimme entsteht, egal ob sie unsichtbar aus dem Off spricht oder der Sprechende als Kommentator zu sehen ist. Es gibt ihn wie in der Literatur in unterschiedlicher Form, mal erzählt personal eine Hauptfigur oder auktorial ein alles überblickender Erzähler. Gestern sah ich auf arte die geniale Fassbinder-Verfilmung von Fontanes “Effi Briest” wieder, in der die junge Stimme Fassbinders das Geschehen mit Zitaten aus dem Roman kongenial ergänzt. Die bildästhetische Aufbereitung mit Weißblenden, die geradezu suggestiven, geometrischen Bildkompositionen, die Textzitateinblendungen schaffen ein stimmiges Gesamtkunstwerk, das beeindruckt.

Dokumentation über Fassbinders “Effi Briest Fontane …” (1974)

Bei mir hängen geblieben ist auch die berühmte Eingangsszene aus Billy Wilders Film Noir “Sunset Boulevard” oder “Boulevard der Dämmerung”, in der sogar ein Toter seine Geschichte im Rückblick erzählt und mit dem Kopf nach unten im Pool liegend anscheinend immer noch sprechen kann. Fassbinders Schwarz-Weiß-Bilder in “Effi Briest” erinnerten mich sofort auch an Michael Hanekes “Das weiße Band”, in der ein gealterter Dorfschullehrer seine Sicht der Geschichte erzählt. Die Erzählweise Hanekes schien mir sogar Parallelen zu Fassbinder aufzuweisen. Eine andere, ironisch-lakonische Eröffnung, die einen mit napoleonischer Geste auftretenden, lässig rauchenden Erzähler zeigt, der das Geschehen und die Figuren wie auf einem Schachspiel kommentiert, ist der Film “Monpti” von Helmut Käutner nach dem gleichnamigen Roman von Gábor von Vaszary mit Romy Schneider und Horst Buchholz. Dort erzählt der Regisseur am Anfang selbst auftretend, später aus dem Off, seine Pariser Liebesgeschichte. Sicher zählt dieser tragisch endende Film mehr zum unterhaltenden Genre, Käutners Filme jedoch werden insgesamt unterschätzt und lohnen sich fast immer. Beispiele wie diese ließen sich noch viele finden.

Vermutlich gefällt mir das Erzählerische an sich als von der Literatur ausgeborgtes Element. Im Film wirkt es besonders stark, weil sich Bild und Text gegenseitig untermalen. Überhaupt ist der Erzähler, als eine außerhalb des Geschehens stehende, abgespaltene und bewusst eingesetzte Instanz des Regisseurs oder Autors eine geheimnisvolle Figur. Fiktiv selbst dann, wenn sie wie bei Monpti selbst auftritt oder bei Proust “Ich” zu sich sagt. Manchmal will er auch gar nicht in Erscheinung treten und lässt angeblich seine Figuren selbst erzählen und doch ist er oder auch sie, denn es könnte ja auch eine Erzählerin sein, die eigentliche Schnittstelle zum Autor, zum Leser oder Zuschauer, quasi eine graue Eminenz des Erzählens. In welche Rolle er auch immer schlüpft, er wird die Handschrift des Autors nicht leugnen können. Doch einmal mehr wird deutlich, dass das Erzählen über die bloße Unterhaltung hinaus die größte Errungenschaft der Kommunikation ist, in welchem Medium auch immer und sei es nur die Geschichte, die sich zwei Menschen untereinander erzählen. Nur das leidenschaftlich Erzählte baut eine Beziehung zum Rezipienten auf.

Helmut Käutner: Monpti. 1957

und der Erzähler weiter nach dem Vorspann:

“So, das wäre endlich vorüber. Das hier ist der Boulevard Saint Germais de Prés, wo die Existentialisten zu Hause sind und die Existenzen. Und das ist unser junger Mann, da hinterm Omnibus der, da, der mit den Zeichnungen, mögen Sie ihn, ich finde er sieht ganz nett aus, ein bisschen traurig vielleicht…”

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