Julio Cortàzar: Rayuela XVI

JULIO_1969

Leseeindrücke der Kapitel 97 und 18

Mit dem Foto eines Trompete spielenden Cortàzar begannen meine Leseeindrücke von Rayuela und nach 15 Beiträgen verebbten diese mit einem Bild des nachdenklichen Julio an seinem Schreibtisch. Wie man an den beiden Kapitelzahlen oben schon erkennen kann, folge ich der zweiten Lesevariante des Wegweisers, die dem Sprunghaften des Hinkelspiels näher kommt. Punktuell habe ich allerdings auch schon einige andere Kapitel gelesen. Bisher meine ich mich zu erinnern, dass der Sprung in den dritten Teil “Von anderen Ufern” mehr oder weniger ein Schriftstellertagebuch des Morelli-Alter-Egos war, der den eigentlichen Roman der beiden ersten Teile kommentierend begleitet. So ist es auch in Kapitel 97, wo es um eine Notiz dieses fiktiven Morelli-Autors geht, der sich einmal mehr über seine Romankonzeption Sorgen macht, ob er seine Leser mit dem Parforceritt durch seine wechselhafte Psyche nicht überfordern würde. Ich als Leser und viele andere hätten ihn beruhigen können, denn gerade das Neue an der Schreibweise des Romans Rayuela, also das Resultat seiner Befürchtungen, findet heute unsere uneingeschränkte Bewunderung.

(Apropos Morelli, mit fiktiven Autoren in Buch und Roman habe ich gar keine Schwierigkeiten, außerhalb in einem Weblog, das ich mich immer noch weigere für einen Roman zu halten, auch wenn es sich um ein literarisches handeln sollte, stößt mir eine fingierte Autorschaft als Mittel der Selbstinszenierung nach wie vor sauer auf. Aber das dürfen Sie nur als leise zur Seite gesprochen lesen.)

Die Angst des Schriftstellers, seine chaotische und bisweilen banale “persönliche Welt” nicht adäquat darstellen zu können, bzw. das befürchtete Desinteresse daran, ist gut nachvollziehbar, denn nur wenn es gelingt auch sprachlich aus dem eigenen Leben ein Kunstwerk zu machen, wird das Interesse auf Seiten der Leser nicht versiegen. Über Romanhelden schreibt Morelli am Ende Folgendes in seiner Notiz:

“Die äußeren Formen des Romans haben sich geändert, aber seine Helden sind weiterhin die Verkörperungen von Tristan, Jane Eyre, Lafcadio, Leopold Bloom, Leute von der Straße, aus dem Haus, dem Schlafzimmer, Charaktere. Für einen Helden wie Ulrich (more Musil) oder Molloy (more Beckett) gibt es fünfhundert Darley (more Durrell). Was mich betrifft, so frage ich mich, ob es mir einmal gelingen wird, merken zu lassen, daß die einzige und wahre Person, die mich interessiert, der Leser ist, in dem Maße, wie etwas von dem, was ich schreibe, dazu beitragen könnte, ihn zu verändern, ihn anderswohin zu versetzen, ihn auszutreiben, ihn zu entfremden.”

Einmal mehr erstaunt die Belesenheit Cortàzars, Gottfried von Straßburg, Charlotte Brontë, André Gide, James Joyce, Robert Musil, Samuel Beckett, Lawrence Durrell. Dass für Morelli der Leser die wichtigste Instanz bedeuten soll vor allen Protagonisten erscheint wie eine Desillusion der Helden, als wären sie allein nicht mehr fähig, einen Roman wirklich zu tragen. Die alten “Helden” krümeln dahin, ihre literarischen Hüllen verblassen in ihrer Vielzahl. Dass ausgerechnet die Figur des Darley aus dem Roman Justine von Durrell sich multipliziert, weil auch in jenem eine Ménage à trois das Thema, findet in der sich abzeichnenden Dreiecksgeschichte zwischen Horacio Oliveira, Gregorovius und der Maga möglicherweise eine Entsprechung.

Beim Lesen des 18. Kapitels nach längerer Pause musste ich mich erst einmal wieder an die Personen des Schlangen-Clubs im Paris der fünfziger Jahre gewöhnen. Der Vorname Horacio ließ kurz einen Helden meiner Jugendbücher aus der Erinnerung aufleuchten: Horatio Hornblower, was das assoziative Gedächtnis so alles treibt. Trunken von Wodka, aber auch trunken von Wort und Sprache taumelt Horacio durch dieses Kapitel. Ihm gehen eruptiv die Zügel durch in diesem erbrochenen, inneren Monolog, als sehnte sich der überfüllte Kopf nach einer Oase der Ruhe und des Friedens, in der die Zerrissenheit seiner Gefühle und Gedanken für die Maga und seinen Freundeskreis verstehbar würden. So aber bleibt ihm nur der verbal-bildhafte Ausdruck, der Blick von weit weg auf sich selbst und die Welt:

“… womöglich war das alles nichts anderes als eine Sehnsucht nach dem Irdischen Paradies, ein Reinheitsideal, … Reinheit wie die eines Koitus zwischen Kaimanen, nicht die Reinheit von o Maria Mutter mein mit schmutzigen Füßen; Reinheit eines Schieferdaches mit Tauben, die selbstverständlich auf die Köpfe der Wut und Radieschenbüschel schnaubenden Señoras scheißen. Reinheit von … Horacio, Horacio, ich bitte dich.”

“Er war nicht so betrunken, nicht zu merken, daß er sein Haus zertrümmert hatte, daß in seinem Innern nichts mehr an seinem Platz war, aber daß es zur gleichen Zeit – und das war so, es war wunderbarerweise so – auf dem Boden oder an der Decke, unter dem Bett oder in einer Waschschüssel schwimmend Sterne und Teile der Ewigkeit gab, Gedichte wie Sonnen, und riesige Gesichter von Frauen und Katzen, in denen die Raserei ihrer Gattung brannte, auf ihren Zungen, halb Unrat, halb Jadescheibe, verstrickten sich die Worte Tag und Nacht in wütenden Schlachten, Ameisen gegen Tausendfüßler, stand die Blasphemie neben der reinen Erwähnung der Essenzen, das klare Bild neben dem schlimmsten Slang aus Buenos Aires und Umgebung.”

Man braucht schon einen besonderen Kopf, wenn der Wodka solche Wortfolgen hervorbringen soll. Am Ende dieses Kapitels verschmelzen seine Bilder zur Musik von Oscar Peterson, “ein Kerl am Klavier und der Regen auf der Dachluke, mit einem Wort, Literatur.”

Oscar Peterson: Blues Etude
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