Im Kopf wimmeln lauter Kleinigkeiten

Manchmal sind es nur disparate Kleinigkeiten, die uns über den Weg laufen, petits cadeaux. Am Samstag lief ich nach Jahren  wieder einmal über den Hannoverschen Flohmarkt am Leineufer, es hatte sich am Angebot nicht viel geändert, Porzellan und Briefmarken, Ramschantiquariatsbücher, Uhren, Gemälde aus Großmutters Wohnzimmer, bestickte Leinendecken, altes Werkzeug und merkwürdigerweise auch ein hölzerner Schweinetrog, ganz hell und ganz ohne Blut für 18 €, da musste ich an Ulf Gärtner in seinem Wartezimmer denken. Wie ich so auf beiden Seiten des Leinekanals meine Runde drehte, fiel mein Blick auf einen Schriftzug an der rückwärtigen Häuserwand des Historischen Museums:

„Es gibt nicht Ödes, nichts Unfruchtbares, nichts Totes in der Welt, kein Chaos, keine Verwirrung, außer einer Scheinbaren, ungefähr wie sie in einem Teiche zu herrschen schiene wenn man aus einiger Entfernung eine verworrene Bewegung und sozusagen ein Gewimmel von Fischen sähe, ohne die Fische selbst zu unterscheiden.“         G.W.L

Historisches_Museum_Hannover_Nacht

Dieser Glaube an eine Ordnung jenseits chaotischer Erscheinungen mag auch das Resultat des mathematisch geschulten Blickes dieses letzten, wohl begnadeten Universalgenies gewesen sein. Mich faszinierte der Anfang des Satzes, mit dieser fast poetisch anmutenden Aussage, dass die Welt etwas organisch Lebendiges bliebe trotz allen Sterbens und ich überprüfte es an meiner eigenen Wahrnehmung nach dem Überleben der Transplantation. Nur wenn man in allem den einzelnen im Fluss oder Meer schwimmenden Fisch überhaupt erkennen kann und will, kann man zu einer solchen Ansicht gelangen. Ich halte seit damals noch mehr oft inne und staune über das was ich sehe, meist völlig Unscheinbares. Aber so ist das mit dem Schein, auch das Unscheinbare muss erst von ihm befreit werden. Dann bekommen gerade das Natürliche und die vielen kleinen Dinge für mich einen ganz anderen Stellenwert.

Nach diesem tiefgründelnden Philosophentext soll ein Kalenderspruch folgen, über den ich schmunzeln musste und dann feststellte, dass der Leselust Literaturkalender 2012 auch seine Fehler hat. Der Spruch auf der Rückseite lautete letzte Woche:

“Meine Tante teilt die Bücher in zwei Arten: Gute, über welchen sie nach Tisch einschlafen kann, und schlechte, bei denen es nicht gelingt.”

W. Raabe: Chronik der Sperlingsgasse

Im Kalender wird dieser Spruch irrtümlich Wilhelm Busch zugeschrieben, was aber meinen Spaß daran, dass es auch ganz andere Beurteilungskriterien für Literatur geben kann als immer nur die hochgeistigen, nicht mindert. Zum anderen ließ es mich einmal wieder in der zweibändigen Busch-Originalausgabe von 1959 blättern, bei der ich mich daran erinnerte, schon als Kind in einem Hotel in Hamburg, als meine Eltern “Planten un Blomen” [Bloumen gesprochen] besichtigten, meine erste Begegnung mit “Max und Moritz” gehabt zu haben. Die schöne Gesamtausgabe gibt es von Bertelsmann immer noch zu kaufen.

Wilhelm Busch

Im Augenblick lese ich mehr in etwas hinein als durch, so zum Beispiel in den Roman “Isabel” von Alain de Botton, mein zweiter Versuch, aber ich bin nach nur dreißig Seiten nicht so recht überzeugt von diesem Versuch Biographie und Roman zu vermischen. Sicher ein intelligenter Versuch mit Name-Droppings wie Proust und Wittgenstein schon am Anfang, aber ich glaube, es wird nun endgültig in meinen Regalen versauern.

Manchmal sitze ich auch neben dem Fahrrad am Waldrand auf einer Bank und verspeise rastend eine mitgebrachte Banane. Ganz ohne Buch schweift mein Blick in die Weite der Landschaft und man möchte der Welt nur für den Geschmack einer Banane danken. Buch oder Banane, aber das kann doch hier wirklich nicht die Frage sein.

Die Werkausgabe von Juan Carlos Onetti steht ausgeliehen nun schon recht lange ungelesen im Regal. Ich schlug recht wahllos den zweiten Band auf und las ein wenig im kurzen Roman “Für ein Grab ohne Namen”. Er endet mit einem Absatz über das Schreiben allgemein, dem ich eigentlich nichts weiter hinzufügen möchte:

“Das einzige, was zählt, ist, daß ich mich, als ich diese Geschichte geschrieben hatte, mit mir im Frieden fühlte, sicher, das Wichtigste erreicht zu haben, das man von dieser Art Aufgabe erhoffen kann: ich hatte eine Herausforderung angenommen, hatte einen Sieg gemacht aus wenigstens einer der täglichen Niederlagen.”

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