Produkte der Oberfläche

Schreibtisch_Web

Mich könnten allein zwei Fotos charakterisieren, denn sie würden meine beiden hauptsächlichen Beschäftigungen zeigen: Bücher und Computer. Selbst beruflich bestand meine Tätigkeit aus dieser nicht immer zueinander passen wollenden Mischung. Während die einen Destillate des menschlichen Geistes repräsentieren, haftet der Maschine das Joch der alles beherrschenden Logik an. Sie erreicht bestenfalls Simulation, kennt aber gerade ureigene menschliche Zustände wie Freude und Schmerz überhaupt nicht. Jedes Buch, das diese Zustände nicht in sich trägt, ist ein zutiefst unvollständiges und genau deshalb wird auch ein Rechner nie ein Buch schreiben können. Sie bleiben Hilfsmittel, aber im Moment sieht es so aus, als wäre oft das Medium Selbstzweck. Es mögen neue Ausdrucksformen, neue Rezeptionsoberflächen entstehen. Der alte Streit zwischen Form und Inhalt. Die Form blendet und der Inhalt will uns von etwas überzeugen. Immer noch will das ideale Kunstwerk beides in Einklang bringen. Aber was, wenn die Welt selbst nur noch Oberfläche ist und sie hätte sich dabei die Kunst gleich mit einverleibt? Der Werbung ist das bereits genial gelungen. Wir haben gar nicht gemerkt, das sie keine Produkte mehr verkauft, sondern unsere Träume okkupiert und ausverkauft hat. Wir sind selbst Produkte der Oberfläche geworden, Konsumenten. Diese Gedanken sind etwas unausgegoren, aber wenn sie nun einmal da sind, dürfen auch sie an die Oberfläche.

Regal_Web

Heute bin ich nur noch Herrscher über acht zum Teil sehr veraltete PC, vielleicht beherrschen sie auch mich, wie in den letzten zehn Jahren beruflich zirka hundertfünfzig davon. Auf den zwei Etagen des Wohnhauses befinden sich daneben ziemlich unsystematisch ungefähr 1500 Bücher. Computer, Bücher und ich, wir drei sozusagen, werden sicher gemeinsam nicht überleben. Die Bücher werden auf die eine oder andere Art verramscht oder in der Altpapiersammlung landen, die Computer gehen wohlverdient in die Schrottpresse und meine sterblichen Überreste vermutlich in eine Urne, die wenn ich Glück habe vielleicht unter einem Baum in der Erde verschwindet. “That´s the way of life” heißt es doch irgendwo und doch lasse ich mich, bis es soweit ist, ganz von diesen Dingen durchdringen.

Da das alles etwas melancholisch klingt, was sicher auch meinem jetzigen immer noch kränklichen Zustand nach einer OP an der Haut geschuldet ist, am Schluss noch einen kleinen Ausblick, was ich zur Zeit lese oder völlig unbemerkt zwischendurch schon gelesen habe. Der Büchergilde-Band Alice Munro “Zu viel Glück” ist eingetroffen. Die ersten beiden von den zehn Erzählungen, “Dimensionen” (Dimension) und “Erzählungen” (Fiction) habe ich gelesen. Es gibt diese beiden wie viele andere auch in der Originalsprache als kostenlosen Download z. B. bei The New Yorker oder DailyLit im Netz. Der dtv-Verlag hat mir überraschenderweise ein Rezensionsexemplar von Janet Frame: Dem neuen Sommer entgegen zukommen lassen. Diese beiden älteren Damen unterhalten mich vorzüglich, ich reise nach London in Kanada oder ins Jahr 1963 nach London in England. Als wäre auch ich ein Vogel, der dank der Bücher keine Grenzen kennt. Es wird so überdeutlich, dass die schriftstellerische Wahrnehmung der Welt eine besondere ist. Janet Frame und Alice Munro jedenfalls flogen, wann immer sie schrieben. Neben der Literatur wartet heute Nachmittag ein selbstgebackener Zwetschenkuchen mit Zimt und Sahne auf mich. Über die beiden erwähnten Bücher gibt es hier demnächst mehr zu lesen. Ich sende Grüße an alle Lesenden und Schreibenden aus einem sonnigen und milden Oktobermorgen.

Janet Frame_Godwit

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