Das Sixpack am Sonntag

Aus den unendlichen Weiten meiner Bücherregale lasse ich an diesem trüben Novembersonntag sechs Bücher herausfallen und scanne deren Buchumschläge. Vielleicht erhellt das Licht der Literatur die nebelverhangene Düsternis, die sich über das Land gelegt hat. In zwei anderen Ländern, von denen der eine erst um den Status Staat kämpft und der andere sich in diesem bedroht fühlt, hält gerade der Krieg Einzug. Lesen und Bücher allein haben sich jedoch leider noch nicht als das geeignete Mittel gegen Krieg herausgestellt. Ich lasse hier von den Büchern nur kurz die leeren Hüllen, ihre geschminkten Gesichter, für sie selbst sprechen. Das ästhetische Prinzip dabei ist ganz allein meine subjektive Auswahl mit der Intention, neue oder erneute Neugierde zu wecken. Einige Umschläge verweisen auf eine Bezugsquelle. Ich werde versuchen, jeden Sonntag durch meine riesigen Hallen zu wandeln und ein neues Sixpack zusammenzustellen. Mit einem physischen, das nicht nur aus Papier wäre, kann mein Körper leider nicht mehr aufwarten.

Italienische Kunst         Joseph Roth_Spinnennetz     Patricia Highsmith_Ediths Tagebuch

Jane Austen_Emma        Juan Rulfo_Pedro Paramo       Paula Modersohn-Becker

Weil ich den Anfang des letzten Buches, die Biographie über Paula Modersohn-Becker von Kerstin Decker, sehr gelungen finde, hier die beiden ersten Absätze daraus, die das Gemälde auf dem Umschlag beschreiben:

Mai 1906

Sie steht vor dem Spiegel ihres kleinen Ateliers in der Avenue du Maine 14, nicht weit vom Jardin du Luxembourg Montparnasse, das neue Malerviertel von Paris. Nur die Impressionisten wohnen noch am Montmartre. Garderobe, Bord, Tisch und Bett, grob gezimmert von diesem bulgarischen Bildhauer, von dessen Existenz ihr Mann schon im letzten Jahr mit Missvergnügen hörte. Bloß das Nötigste ist im Zimmer. Draußen wartet der Mai. Sie ist im Begriff, eine Revolution zu beginnen, und weiß es nicht.
     Am Ende des Tages wird die Revolution vollbracht sein. Aber man sieht ihr die Aufrührerin nicht an. Denn Paula Modersohn-Becker ist, was Revolutionäre nur selten sind: vollkommen allein. Das ist sie jetzt öfter, tagelang. Und sie ist unbewaffnet, ganz wehrlos – also nackt. Nackt bis auf die lange Bernsteinkette, die ihr über die Brust fällt – sie liebt Bernsteinketten –, und das dünne Tuch um die Hüften. Natürlich waren die Frauen der Revolution schon immer unzureichend bekleidet. Eugène Delacroix´ Freiheitsgöttin etwa, diese Trikolore-Fahnenläuferin mit dem herabgefallenen Hemd. Aber die hat ein Mann gemalt. Immer haben Männer unbekleidete Frauen gemalt.

aus Kerstin Decker: Paula Modersohn-Becker. Eine Biographie. Berlin: Propyläen 2007. S. 9

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