Das unbekannte Gemälde im Schlafzimmer

Proust im Bett                                                      © culture-images/Lebrecht

Seit ich dieses Foto von Marcel Proust auf einem Schlafzimmerbett in dem FAZ-Aufsatz “Sein Leiden führte ihm die Feder” fand, treibt mich die Frage um, was das denn für ein Gemälde von einem lesenden Mädchen mit langen braunen Haaren und riesengroßem Buch ist, das oben links im goldenen Rahmen an der Wand hängt. Wahrscheinlich oute ich mich jetzt als Kunstbanause, aber ich bekomme es durch Google-Sucherei einfach nicht heraus. Eine Schwäche für Abbildungen von Leserinnen habe ich  auch durch zwei Bildbände des Elisabeth Sandmann Verlages bekommen: “Frauen die lesen sind gefährlich” und “Frauen die lesen sind gefährlich und klug”:

Stefan Bollmann: “Frauen die lesen sind gefährlich und klug” Elisabeth Sandmann Verlag 2010

Bei der Abbildung oben handelt es sich höchstwahrscheinlich nur um eine Fotografie, die in einem  Wachsfigurenmuseum Grévin oder im Chateau de Breteuil irgendwann in Paris aufgenommen wurde. Mir geht es auch nicht um das Foto, nur das Gemälde des lesenden Mädchens hat mich nun schon zu lange über seine Herkunft im Unklaren gelassen. Pierre Auguste Renoir, Manet oder Monet sind mir schon in den Sinn gekommen, aber ohne Erfolg.  Vielleicht gelingt es einem meiner Leser_innen mehr herauszufinden. Sachdienliche Hinweise geben Sie bitte nicht in jeder Polizeidienststelle ab, sondern kommentieren oder schicken mir eine Email.

Am Schluss möchte ich auch von dieser Stelle aus auf das nun erschienene Frage-Antwort-Selbstporträt von “Melusine Barby” mit ihrem literarischen Weblog „Gleisbauarbeiten” bei SteglitzMind hinweisen. Lesen Sie viel und bleiben Sie gefährlich!

Nachtrag und Lösung des Bilderrätsels:

Eine Fotografie von Proust als eine von fünfzig Wachsfiguren im Château de Breteuil, hergestellt vom Musée Grevin, da muss man erst einmal drauf kommen. Ich hatte das Foto im ersten Moment naiv für ein möglicherweise authentisches gehalten. Es handelt sich also nicht um sein eigenes Schlafzimmer in der rue Hamelin, sondern um das sogenannte “chambre de laque” des Marquis Henry de Bréteuil, von dem Proust einige Male eingeladen wurde und bei seinen Besuchen dort nächtigte. Folglich sind auch alle Gegenstände in dem Zimmer Erinnerungsstücke aus dem Familienbesitz der Bréteuils, einschließlich des Gemäldes von Lucien Levy-Dhurmer, das Françoise de la Rochefoucauld als lesendes Mädchen zeigen soll.

Francoise de La Rochefoucauld par Levy-Dhurmer

Interessant ist auch, dass der besagte Henry de Bréteuil zu einer Figur bei Proust mit den gleichen Initialen H. B. in “Die Welt der Guermantes” wurde, Graf Hannibal de Bréauté. In dem noch heute zu besichtigenden Schloss fand man wohl das Gemälde von Levy-Dhurmer irgendwie passend zu den “jeunes filles en fleurs” bei Proust und der Verfasser des FAZ-Artikels suchte vermutlich nur nach einer entsprechenden Illustration, die Proust als mondänen Kranken zeigte, “toujours au lit”. Über das Verhältnis von Proust und die Transposition seines adeligen Dunstkreises, den er einerseits so verehrte und gleichzeitig schonungslos analysierte, lassen sich hunderte Seiten füllen, wie man in Jean Yves-Tadiés Proust-Biographie nachlesen kann, über die ich gerade eine bemerkenswerte Rezension las. Soviel als Nachtrag heute am frühen Morgen.

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