Das dritte Sixpack am Sonntag: Erzählungen

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Gerade bei dieser Literaturgattung ist mir aufgefallen, dass sich in meinen Regalen geradezu wie selbstverständlich eine Männerdomäne Autoren gebildet hat. Angeregt zu dieser Zusammenstellung aber hat mich der gerade gestern besprochene Erzählband einer Frau: Alice Munros “Zu viel Glück”. Wenn ich jetzt in mich hinein höre nach weiteren weiblichen großen Erzählerinnen wird es merklich still in meinem Innern. Vielleicht fällt mir noch Ingeborg Bachmann ein. Ich reiche deshalb den Munro-Umschlag hinterher. Dem kleinen, auf dem Tassenrand sitzenden Vogel des Büchergilde-Einbandes hatte ich gestern den Vorzug gegeben. Wer bei diesem wohl in den Spiegel blickt und nur noch ein leeres Hemdröckchen auf dem Bügel vorfindet?

Zu viel Glueck

Heute am ersten Advent werde ich die zweite Tür des Kalenders mit den Schokoladentrüffeln öffnen und zum Frühstück gibt es Stollen aus einem schon jetzt geöffneten Nikolauspaket. Wenn ich erneut an die Erzählungen aus den Bänden oben denke, fällt mir die Zeit meines Abiturs ein, die siebziger Jahre und das ich auf dem Gymnasium einen Prüfungsaufsatz über eine Erzählung Kafkas schrieb und einer Freundin bei ihrem Aufsatz über den “Tod in Venedig” half. Ach, das Alter Ego Gustav Aschenbach und Sätze wie “daß der Liebende göttlicher sei als der Geliebte, weil in jenem der Gott sei, nicht aber im andern” oder “Glück des Schriftstellers ist der Gedanke, der ganz Gefühl, ist das Gefühl, das ganz Gedanke zu werden vermag.” Bildhaft in Erinnerung aber blieb mir Viscontis Schlussszene am Lido, der verschwimmende Blick des Sterbenden im Liegestuhl mit der Musik Mahlers. Ich muss auch ein ziemlich romantischer, introvertierter und unsicherer Kauz gewesen sein. Bei Kafkas “Gespräch mit dem Beter” ist die Stelle markiert: “Es hat niemals eine Zeit gegeben, in der ich durch mich selbst von meinem Leben überzeugt war. Ich erfasse nämlich die Dinge um mich nur in so hinfälligen Vorstellungen, daß ich immer glaube, die Dinge hätten einmal gelebt, jetzt aber seien sie versinkend.

Musils “Amsel” könnte man wieder lesen mit dem sprechenden Vogel, der die Mutter ist und den Erzählern Aeins und Azwei: “Aber du deutest doch an, … , daß dies alles einen Sinn gemeinsam hat?” Mir scheint, als hätte ich nicht einmal die Hälfte all dieser Erzählungen in den sechs Bänden gelesen. Oft habe ich wohl auch nur hineingeschnuppert. Die Siebziger waren eine Zeit, in der sich die eigene politische Position abzuzeichnen begann und ich denke an den bissigen Beginn von Bölls später verfilmten Erzählung “Die verlorene Ehre der Katharina Blum”:

Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der »Bild«-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.

Damals ging ich noch für den Erhalt von Bäumen mit meinem Airedale-Terrier Tommi auf die Straße und fuhr nach Brokdorf. Auf dem selbstgefertigten Pappschild, das der Hund tragen musste, stand “Mein Baum bleibt stehen”. Ich habe also Hunde instrumentalisiert und wollte humorvoll protestieren, heute komme ich mir alt und bürgerlich vor. Das klingt nach Munro, aber die kann das besser und kürzer: “Ich wurde erwachsen und alt.”

Vor Kurzem sah ich auf 3sat ein Porträt über Peter Bichsel mit dem bezeichnenden Titel “Wenn es keine Geschichten mehr gäbe”. Sinngemäß sagte er, wenn niemand mehr erzählt, wäre der Mensch tot.

Bibliographische Angaben:

Robert Musil: Sämtliche Erzählungen. Hamburg: Rowohlt 1957/197
Anton Pawlowitsch Tschechow: Erzählungen. 2 Bde. München: Winkler 1968.
Thomas Mann: Sämtliche Erzählungen. Frankfurt: S. Fischer Verlag 1974.
Fjodor Michailowitsch Dostojewski: Sämtliche Erzählungen. München: Piper 1968.
Franz Kafka: Erzählungen. Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag 1976.
Heinrich Böll: Romane und Erzählungen 1971-1976. Bertelsmann Lizenzausgabe o. J.

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