Im Netz ist niemand zuhause, aber irgendwo wird das Glück schon warten

neal-michael-shane

Man kennt das. Wir alle sind manchmal recht ziellose Klicksurfer oder hinterlassen zukünftig Fingerabdrücke auf eckigen Kacheln, die uns vorgaukeln, man könne Ordnung in unsere süchtigen Streifzüge durch das Internet bringen. Es fällt mir sogar schwer, mich an die Route der letzten Stunde genau zu erinnern. Aber da kann ich ja den Verlauf des Browsers aufrufen, der dokumentiert das besser als mein Gehirn oder ich könnte, falls ich dort eingeloggt war, vielleicht auch sowieso, bei Google anrufen. Die wissen dort sicher ganz genau, wo ich war. Also manchmal grase ich zuerst meine eigene Linkliste ab. Was gibt es denn Neues bei den literarischen Weblogs oder Literaturseiten, die bisher mein Interesse wecken konnten. Hier also eine kleine Liste meiner frühmorgendlichen Umtriebe im Netz: Die Dschungel (das Leben als Roman), Aleatorik (eine Kunstfigur täuscht Leben vor), Amazon (verkauft einfach alles), Der Buecherblogger (spinnt sich durch sein eigenes Netz), dradio (Literatur kann man auch hören), Fünfbücher (scheinen immer zu wenig für die Insel), GoogleBilder (weil die äußere Hülle ein ständiger Reiz bleibt), ebuzzing (bin ich schon auf dem hintersten Platz gelistet), Wolfgang Herrndorf (schreibt von allen am leichtesten gegen den eigenen Tod an), ZehnSeiten (hier kann man sich sichtbar der vorlesenden Identität von Schriftstellern versichern), und so weiter und so fort, irgendwann wird es langweilig. Es ist als würde man immer nur sich selbst verfolgen, den Wünschen und der Neugier hinterherfliegen. Sitzend durch die Welt fliegen bei dem Versuch, dem Gefühl der Unbehaustheit zu entkommen. Apropos “Fliege”(n), den “Roman eines Augenblicks” von E. A. Richter habe ich heute morgen zu Ende gelesen. Notizen sind gemacht, die fertige Besprechung wird noch dauern. Immer wieder hat Erzählqualität etwas mit der Sprachsensibilität in einem Buch zu tun. Der Aussage aber, dass es mir gefallen hat, haftet ja leider zunächst etwas Unqualifiziertes an, aber das werde ich zu ändern versuchen.

Gerade dem Bett entsprungen, stelle ich mich oft eine Weile ans Schlafzimmerfenster. Die kahlen Zweige der Eiche sind heute bis in die kleinsten Verästelungen mit einer dünnen Schneeschicht bedeckt, zehn Zentimeter Neuschnee. Gestern saß dort noch ein schöngefiederter Specht mit gleichschöner Begleiterin und hämmerte mit seinem langen Schnabel, umgeben von doppelt so dicken Tauben. Bei diesem morgendlichen Fensterblick packt mich das Melancholische, nicht nur der Schnee ist vergänglich. Spätestens am Wochenende wird er geschmolzen sein. Bis dahin aber teile ich meine Stimmung, sharing ist angesagt, durch ein Lied von Werner Richard Heymann, das ich zufällig in einer Fernsehaufzeichnung sah. Es ist ein Lied, das mir gut zur Weihnachts- und Adventsstimmung zu passen scheint. Ich wünsche Ihnen allen, dass auch Ihr Glück irgendwo auf Sie wartet.      

Werner Richard Heymann: Irgendwo auf der Welt gesungen von Dagmar Menzel. Jüdische Kulturtage Berlin 2011
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