Sixpack am Sonntag: Cees Nooteboom

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An bestimmten Sonntagen ist ab 10:15 Uhr meine Zeit für das Mitverfolgen des Literaturclubs auf 3sat reserviert: mittlerweile schon ein feststehendes Ritual. Heute morgen stellte unter anderen interessanten Büchern Rüdiger Safranski den neuen Roman von Cees Nooteboom vor: Briefe an Poseidon. Das erinnerte mich daran, in den neunziger Jahren diesen niederländischen Lyriker und großen Erzähler auch für mich entdeckt zu haben. Eben der frühe Roman Rituale und der mir vor allem im Gedächtnis gebliebene Band Die folgende Geschichte. Überrascht stellte ich dann bei einem Blick ins Regal fest, dass sich immerhin sechs Bücher von ihm bei mir angesammelt hatten. Da lag die Idee zu diesem spontanen Sixpack nicht mehr fern. Es passt, dass Rüdiger Safranski den neuen Band vorstellte, denn das Erzählen Nootebooms würde ich als ein philosophisches beschreiben. Die griechische Mythologie zieht sich sowohl durch die Lyrik wie die Prosa. Safranski bemerkte schon im Klappentext von Rituale: “Vielleicht gibt es einen narrativen Gottesbeweis. Ich habe Cees Nooteboom im Verdacht, dass er mit ihm liebäugelt.”

Seine Bücher sind anspruchsvoll zu lesen und bleiben für mich auch etwas wie sybillinische Rätsel, die es zu entschlüsseln gilt. Vielleicht liegt das Geheimnis eines Rätsels aber auch nur darin, forschend selbst betrachtet zu werden. Alle seine Bücher sind nicht nur eine Reise durch die unterschiedlichsten Länder, sondern auch eine der stetig wachsenden Erkenntnis. Ich werde mich daran machen, Nooteboom neu zu entdecken, das lohnt immer.

Thetis_Peleus_Kampf

Ich esse auf einem Küchenstuhl am Küchentisch, gegenüber der Reproduktion eines Bildes, das Prithinos im sechsten Jahrhundert vor Christus (der so anmaßend war, auch die Jahrhunderte vor sich in Beschlag zu nehmen) auf den Boden einer Schale gemalt hat, Peleus im Kampf mit Thetis. Ich habe stets eine Schwäche für die Nereide Thetis gehabt, nicht nur, weil sie die Mutter von Achilles war, sondern vor allem, weil sie als Kind der Götter den sterblichen Peleus nicht heiraten wollte. Recht hatte sie. Wenn man selbst unsterblich ist, muss der Gestank, der sterbliche Wesen umgibt, unerträglich sein. Sie versuchte alles mögliche, um diesem künftig Toten zu entrinnen, verwandelte sich nacheinander in Feuer, Wasser, einen Löwen und eine Schlange. Das ist der Unterschied zwischen Göttern und Menschen. Götter können sich verwandeln, Menschen können nur verwandelt werden. Ich liebe meine Schale, die beiden Kämpfenden sehen sich nicht an, man sieht von beiden nur ein Auge, ein quergestelltes Loch, das nirgendwohin gerichtet zu sein scheint. Der wütende Löwe steht neben ihrer aberwitzig langen Hand, die Schlange windet sich um Peleus´ Knöchel, und gleichzeitig scheint alles stillzustehen, es ist ein totenstiller Kampf. Ich betrachte ihn die ganze Zeit, während ich esse, denn ich erlaube mir nicht, beim Essen zu lesen.

aus: Cees Nooteboom: Die folgende Geschichte. Frankfurt a. M. Suhrkamp 1991 S. 16/17

Baldini Sibilla Libica

Gemeinsam betrachteten sie die Libysche Sybille. Sie saß da in einem weiten Zelt steif radierter Gewandung und schien zu lesen. Hinter ihr wurde der Schleier durch einen Windstoß gebläht, der auf unerklärliche Weise nichts anderes in der Darstellung zu berühren schien.

aus: Cees Nooteboom: Rituale. Frankfurt a. M. 1993 S. 151

Versuchte Übersetzung der Inschrift oben rechts:

Siehe wie der kommende Tag und das aus dem Dunkel Erscheinende im Schoß der Königin gehalten wird
Siehe den kommenden Tag und das aus dem Verborgenen Erscheinende wird die ganze Menschheit regieren.

Die Seele hat zwei Augen, das träumt er.
Das eine sieht auf die Stunden, das andere
schaut hindurch,
bis wo die Dauer nie endet,
das Sehen im Schauen vergeht.

aus: Cees Nooteboom: Das Gesicht des Auges. Gedichte. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1994. S. 69

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