Die Frau, die es nie gab (Teil 5)

Schwarzes-Ufer

Ich werde gleich in den Speisesaal hinuntergehen, genaugenommen ein Speisesälchen, und mich möglichst unauffällig mit der Lektüre einer Zeitung beschäftigen. Hoffentlich steht kein Bericht über einen weiblichen Leichenfund darin. Von mir aus kann sie ruhig jemand mitgenommen haben, als Kleiderpuppe in einem Schaufenster, als Kopie einer Edelnutte am Straßenrand oder am besten in einer Mülltonne entsorgt haben, nachdem er mit ihr seinen Spaß im Bett hatte. Hauptsache die Polizei bekommt keinen Wind davon. Ein polnischer Trödelmarkt, vielleicht hätte ich sie doch in Cellophan verpackt mit einer Schleife drum herum im Kofferraum mitnehmen sollen. Auf diesen Polenmärkten soll man ja alles loswerden oder kaufen können. Auf alle Fälle wird sie keinen Platz unter einem weißen Kreuz an den malerischen, grünen Hängen eines rumänischen Friedhofs finden, dafür habe ich gesorgt.  

Aber ich greife vor, ich muss Ihnen doch zuerst weiter von der klaustrophobischen Situation in meinem Wagen erzählen. Nach einer solchen Entdeckung, einer Eröffnung, bei der König und Dame jeder Rochademöglichkeit beraubt sind, fällt es schwer, einander noch in die Augen zu sehen. Man ist jetzt geradezu hellsichtig wie eine Wahrsagerin und dennoch leichenblass blind. Es hätte so schön sein können, jetzt wo sich schon ein Hauch von Abendrot am Horizont langsam unter das Grau des Regens mischte. Stattdessen war alles in ein Dunkel getaucht, das überbelichtet grell durch die Zweige der Bäume fiel. Durch nichts hätten wir zur Normalität zurück gefunden, selbst wenn sich Valea in eine rumänische Meerjungfrau hätte verwandeln können, die gerade unschuldig dem Schwarzen Meer entstiegen wäre. Aus Verlegenheit stellte ich das Gebläse wegen der beschlagenen Scheiben an, auch da sollte jetzt Klarheit herrschen. 

„Wer bist du? Ich glaube dir kein Wort mehr, bist du überhaupt aus Rumänien oder ist auch das alles nur Lug und Trug? Die ganze empfundene Nähe, machst du das mit allen so?

Wie seltsam anders sich alles anfühlt, wenn Illusionen zerstört werden. Solche Erfahrungen machen einen nicht reicher, nein, sie zerbröseln deinen Glauben, deinen Idealismus. Waren wir nicht freundschaftlich einander zugetan gewesen, hatten in den Augen des anderen lesen können. So zumindest  war es mir erschienen. Zukunft war etwas Helles gewesen, das die Aussicht auf weitere Gemeinsamkeiten in sich trug, jetzt war sie dunkel, zerbrochen und irgendwo hinter Alpha Centauri verschwunden. In mir sammelte sich stattdessen eine um sich selbst kreisende Wut, die sich bis zum Urknall steigern konnte. Sie (oder sollte ich ab jetzt er sagen?) war damit beschäftigt, ihre Kleider wieder in Ordnung zu bringen, als ich eine unvorsichtige und für sie (bleiben wir bei der weiblichen auf die obere Hälfte zutreffenden Form) ziemlich ungelegene, überflüssige Frage stellte.

Warum hast du es mir nicht früher gesagt?”

“Man kann sich ja viel einbilden, aber bei dir ist das geradezu manisch. Glaubst du etwa wegen deiner angeblichen Nähe würde ich gleich meine intimsten Geheimnisse ausposaunen. Jämmerlich diese Vorstellung. Du scheinst nicht begriffen zu haben, dass das Wesen der Liebe immer aus der Täuschung besteht, irgendwer täuscht sich immer. Wir treffen uns einige Wochen und diskutieren über ein paar Romane, machen einen kleinen Spaziergang, ein paar Küsse zugegeben und du projizierst nichts weiter als deine heterosexuellen Obsessionen auf mich. Was du in so ein bisschen Pseudo-Petting hineinliest grenzt an klebrige Phantasievorstellungen eines Psychopathen.“

“So ist das also, verstehe, das passt gut ins Bild, denn ich hatte schon immer den Eindruck, dass du eine gute Märchenerzählerin abgeben würdest. Deine Schreibversuche sind wohl auch nichts anderes. Aber hier sind wir nicht in der Schreibstube, hier ist die Wirklichkeit, so wirklich wie sie nur sein kann. Du scheinst vergessen zu haben, dass Worte scharf sein können wie ein Messer mit dem man sich oder anderen die Kehle durchschneiden kann.“

Nun nimm deine Gefühle doch nicht so verflucht wichtig, geht s auch kleiner?“

Ich riss die Autotür auf, rannte besinnungslos um den Wagen herum und zog sie, ihn oder was auch immer auf ihrer Seite ebenfalls heraus. Ich fühlte mich außerhalb des Wagens jetzt wie eine nackte Schnecke ohne Haus, ein abgenabelt Neugeborener, der nicht mehr im behaglichen Wasser einer Fruchtblase schwimmt. In einem schrecklich wütenden Impuls hob ich einen kräftigen Ast vom Waldboden auf.

(To be continued)

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