Die Vergeblichkeit der Erinnerung I

UlyssesDie Stadt lag in einer Talsenke. Er hatte sie schon oft aus der erhöhten Ankunftsperspektive von der Autobahn aus vor sich liegen sehen. Zielpunkt war immer das Stadtkrankenhaus gewesen, ein Ziel, vor dem er jedes Mal wieder zurückschreckte. Er kam nicht das erste Mal zu seiner halbjährigen Kontrolluntersuchung. Alle anderen dachten an die Documenta, die Gemäldegalerie auf der Wilhelmshöhe oder die Orangerie unten in der Karlsaue. Er aber dachte über die Wahrscheinlichkeit nach, dass sich einmal mehr eine Punktionsnadel ihren Weg durch seine Rippen bahnen würde. Im Augenblick jedoch schien noch die Sonne und die Reifen seines Fahrzeugs erzeugten dieses beruhigende Geräusch wie ein Grundrauschen des Weltalls während des Abrollens, als drehten sie sich wie ein Raumschiff am Himmel. Vor ein paar Jahren hatte er ein ganzes halbes Jahr auf einer Spezialstation gelegen. Letztlich nur, um ein Medikament gegen ein anderes auszutauschen, die Grunderkrankung war unheilbar. Auch von diesem Aufenthalt blieben nur Erinnerungsbruchstücke. Gleich musste doch rechterhand die Ausfahrt Ost kommen. Am schwersten zu ertragen war für ihn immer das Ungewisse gewesen, die Angst vor Schmerzen und die drohende Gefahr des Verlustes einer Behaglichkeit, in der er sich nur zu gern eingerichtet hatte. In dem Fachwerkhaus, das er mit seiner Freundin in einem abgelegenen, kleinen Dorf bewohnte, liebten sie Natur, Tiere, das Abgeschiedene und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, als wie zeitlich begrenzt ihre Verliebtheit und Beziehung sich auch herausstellen mochte. Immer gab es einen Hund und eine Katze, die ans Herz gewachsen waren und sie lange Zeit nicht zu sehen, überhaupt der Verlust gewohnter Umgebung und deren Lebensumstände, wirkte zutiefst verunsichernd.

Als er jetzt von der Autobahn abfuhr, stieg plötzlich das Bild des honorigen Professors in ihm hoch, den er während seines halbjährigen Aufenthalts zumindest gelegentlich zu Gesicht bekommen hatte. Sein markanter, weißer Bart über dem gleichfarbigen Arztkittel, die tiefe Stimme und eine warme, aber herrschaftliche Ausstrahlung, dazu sein Bewegungsduktus, alles schien wie selbstverständlich Vertrauen auszustrahlen. Eine deutschlandweite Koryphäe auf seinem Spezialgebiet konnte er froh sein, überhaupt von ihm behandelt zu werden. Seine bescheidene soziale Herkunft jedenfalls war bei der Überweisung nicht behilflich gewesen und nur die Schwere seines Falles und die Intervention seines Vaters hatten ihn schließlich in diese Großstadt und an diese besondere Institution gebracht. Der halbjährige Zwangsaufenthalt lag nun schon ein paar Jahre zurück, aber immer noch beschäftigten ihn einzelne Szenen und Erfahrungen. Noch nie war er so lange abgeschieden gewesen von der Welt, die dauerhafte Isolation veränderte die Wahrnehmung. Passend dazu hatte er sich zwei dicke Romane damals mitgenommen und irgendwie auch in ihren so anderen Zeiten und Orten Schutz gesucht. Sie waren Ausgangspunkt in eine andere Welt, wenn die seines Krankenhausbettes zu eng und außer regelmäßigen Visiten nichts zu bieten hatte. „Der Zauberberg“ von Thomas Mann mit Settembrini, Nafta und Claudia Chauchat war der eine und eine englische Ausgabe von Joyce´ „Ulysses“ der andere. Er suchte eine Herausforderung, die seinen Lesehorizont erweitern sollte. Beide Bücher taten dies, ohne mit der Wimper zu zucken und nach Jahren sang er noch seine selbst verfasste Melodie zum „Joking Jesus“.

„I´m the queerest young fellow that ever you heard
My mother´s a Jew, my father’s a bird …
What’s bred in the bone cannot fail me to fly
And Olivet’s breezy, Goodbye now, Goodbye.”

Sein Vokabelwortschatz im Englischen war dem Sprachreichtum Joyce´ so wenig gewachsen, wie eine Maus, die sich auf den Rücken eines Elefanten verirrt hatte. Die gelesenen Seiten glichen einem Gewimmel aus Unterstreichungen und angemerkten Übersetzungen, dass er manchmal glaubte, auch gleich im Wörterbuch selbst weiterlesen zu können. Viel war ihm von dieser längsten stationär verbrachten Krankenhauszeit nicht in Erinnerung geblieben und das wenige verschwamm wie ein langsam ausbleichendes Foto. Jetzt, wo er einmal mehr allein durch die Stadt hinauf zum Krankenhaus fuhr, dachte er an damalige Bettnachbarn. Die Straßen waren noch morgendlich leer, die Häuserwände mausgrau, was zu seinem ernüchterten Gefühl des Ausgeliefertseins passte. Seit fast zehn Jahren diktierte die Krankheit nun seinen Lebensablauf und hielt ihn in einer Art Würgegriff. Sie forderte unablässig den ihr eigenen Tribut, auch den der regelmäßig stattfindenden Kontrollen, deren unbekannte Ergebnisse im voraus eine beklemmende Angst schürten. Er fuhr durch die steinerne Einfahrt des Krankenhauskomplexes als passierte er ein Gefängnistor und parkte den Wagen auf dem dafür vorgeschriebenen Areal. Das Aussteigen zögerte er noch einen kleinen Moment hinaus und warf dann einen letzten Blick in dem Bewusstsein über die Schulter zurück, das Auto mindestens eine Woche lang nicht mehr zu benötigen. Was in seinen Knochen steckte und in seinem Bauch würde ihn auf keinem Öl- oder Kalvarienberg der Welt wie ein Vogel davonfliegen lassen.

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