Völlig einseitiges Lesefutter

Vier neueeworbene Romane

Mit diesen vier Neuerwerbungen demonstriere ich meine nicht nur geschlechtsspezifisch perfekte Einseitigkeit bei der Buchauswahl: Alles Romane, alle nur von männlichen Autoren! Zum Ausgleich werde ich ab und an eine Erzählung von Alice Munro dazwischen schieben. Ob ich nach der Lektüre dieser Romane noch der Gleiche bin? Mein Ich ist so was von bröcklig und mit welchem soll ich nun anfangen. Am besten ich lese immer nur einen Satz aus jedem Buch hintereinander und mache eine Reise durch Buchstaben und Zeit. Ein völlig neues Leseerlebnis. Fangen wir von links an:

Schon Charles Dickens beginnt mit der Erklärung von Identität und Namen seines Ich-Erzählers:

Meines Vaters Name lautet Pirrip, mein Vorname Philip, und aus beiden Namen vermochte meine kindliche Zunge nichts Längeres und Verständlicheres zu bilden als Pip. So kam es, dass ich mich Pip nannte und Pip genannt wurde.

Die Ich-Erzählerin von Aléa Torik plagt anscheinend die Einsamkeit der Großstadt, aber dass es nun ausgerechnet der zehnjährige Jahrestag des 11. September 2011 sein muss, an dem die Erzählerin beginnt, einen Blick auf die Welt zu werfen. Ein wenig viel Symbolik und mit den Grimms ein versteckter Hinweis auf ein Märchen? Das Manuskript auf dem Bildschirm ist natürlich das des Romans, den man gerade liest. Abwarten…

Es ist September, der frühe Morgen des 11. September 2011, und ich sitze im Lesesaal der Zentralbibliothek der Humboldt-Universität, dem Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum, es ist der frühe Morgen eines strahlend schönen Septembertages, den ich durch die Oberlichter sehen kann, ich sitze vor dem Laptop und schaue auf den Bildschirm, auf die erste Seite meines Manuskripts; ich schaue über den Bildschirm hinweg in den riesigen, terrassenförmig angelegten Lesesaal, in dem ich, auch wenn das in einer Stadt mit mehr als drei Millionen Einwohnern, einer Universitätsstadt mit 150 000 Studenten ausgesprochen unwahrscheinlich ist, ganz alleine bin, ich bin vollkommen allein.

Auch Henri Alain Fournier beginnt mit einer nicht ganz so genauen Datumsangabe:

Er kam an einem Sonntag im November des Jahres 189… zu uns, in unser Haus. Immer noch sage ich: unser Haus, obwohl uns das Haus längst nicht mehr gehört. Seit bald fünfzehn Jahren schon haben wir die Gegend verlassen und gehen sicher nie wieder dorthin zurück.

Roberto Bolaño schreibt später diesen Anfang einfach noch einmal in einem anderen seiner Romane ab, Die wilden Detektive. Es geht um das Verhältnis von Lyrik und Prosa und eine geradezu atemberaubende Ironie bei der Kategorisierung von Schriftstellern. Die beiden Namen Amalfitano und Perdilla sind auch bestens bekannt. “2666” und “Gomez Palacio” (siehe die Fußnote bei meiner Übersetzung) lassen grüßen:

Für Padilla, erinnerte sich Amalfitano, gab es heterosexuelle, homosexuelle und bisexuelle Literatur. Romane waren im allgemeinen heterosexuell. Die Lyrik dagegen war durch und durch homosexuell. In ihren ozeanischen Weiten unterschied er mehrere Strömungen: Schwule, Schwuchteln, Schwestern, Tunten, warme Brüder, Trinen, Tucken und Epheben. Die beiden Hauptströmungen waren jedoch die der Schwulen und Schwuchteln. Walt Whitman zum Beispiel war ein schwuler Dichter. Pablo Neruda eine Dichterschwuchtel. William Blake war ohne jeden Zweifel schwul. Octavio Paz eine Schwuchtel.

So, jetzt lese ich lieber allein weiter und hoffe, den einen oder anderen neugierig gemacht zu haben.

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