Literarische Weblogs als Roman? Der fiktive Autor? Eine Spielwiese mit Bruchstelle.

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Immer wieder taucht eine an den Poststrukturalismus und das Postulat des Autorentodes angelehnte Auffassung auf, Literatur sei nicht nur das, was man zwischen zwei Buchdeckeln bisweilen findet oder in elektronischer Form als e-book, sondern ein Weblog, wenn es sich denn mit literarischen Themen beschäftigt und von einem Autor in literarischer Absicht und mit entsprechendem Sprachniveau geschrieben wird, sei selbst bereits Literatur oder ein Roman. Jüngste und aktuelle Vertreter dieser Auffassung, mit denen ich zumindest virtuell Bekanntschaft machen durfte, sind Alban Nikolai Herbst mit seinem Blog “Die Dschungel. Anderswelt” und der Betreiber des Weblogs “Aleatorik”, das von einer literarischen Figur “Alea Torik” betrieben wird und dessen Autor sich zumindest bisher bedeckt hielt. Bei Herbst heißt es ein wenig euphorisch zum Beispiel:

Insofern ist der gegenwärtig modernste Phantastische Raum das Internet, worin sich, zumal fast in Echtzeit, persönlich Reales mit Fiktivem vermischt. Alles wird hier Literatur und der Autor, bzw. die Autorin selbst zur literarischen Figur, die mit anderen, teils realen, teils ebenfalls erfundenen Figuren ein Netzwerk aus avataren Kommunikatoren bildet, um deren Erscheinung im Netz, das ich einen ortlosen Ort nennen möchte, sich ausgeprägte Nester bilden.

Die beiden erwähnten Blogs sind selbstverständlich literarische mit Niveau, aber auch gleichzeitig Mittel literarischer Selbstinszenierung und dienen neben aller Literarizität auch dazu, ganz solipsistisch auf das eigene literarische Werk aufmerksam zu machen, ja letztlich den Bekanntheitsgrad und den eigenen Ruhm zu stärken. Nun könnte man sagen, wer täte das nicht. Berühmt wollen wir doch alle werden. Wenn schon nicht steinreich, dann wenigstens unsterblich. Ich stelle die obige Frage so naiv, weil ich bisher keine wirkliche Diskussion zu diesem Thema gefunden habe. Entweder man bejaht das anscheinend als legitimes Schreibkonzept von Weblogs oder beispielsweise Kommentatoren solcher Blogs begreifen sich gar nicht als literaturbeitragende Avatare, wenn sie dort kommentieren, denn solche würden sie ja zwangsläufig, wenn das Ganze immer schon Literatur und Fiktion war, ist und wird. In Alban Nikolai Herbsts “Anderswelt” haben wir es mit einem realen Autor zu tun, der sein künstlerisches Sein einschließlich des Privatlebens literarisch verarbeitet, ja sogar die Grenzen zwischen einer Buchpublikation und dem Weblog an sich aufhebt, wie man z. B. an der Novelle “Die Fenster der Sainte Chapelle” ablesen kann, der zunächst im Blog erschien. Der reale Autor arbeitet unter offen bekanntem Pseudonym daran, neben dem Werk, auch sein Leben zu Literatur werden zu lassen.

Der Autor des zweiten Weblogs “Aleatorik” geht nun noch einen Schritt weiter und schreibt seinen Blog, als wäre er ein weibliches Wesen mit Namen Aléa Torik, das wiederum nur eine Figur aus  seinen eigenen Büchern ist. Im neuen Roman “Aléas Ich” wird das Schreiben eines Weblogs ausdrücklich thematisiert und einzelne Beiträge davon erscheinen nun auch im Roman selbst wie bei Herbst.  Bei der in meinem Blog nachzulesenden Vorgeschichte zur vermeintlichen Autorin hege ich natürlich gewisse Ressentiments gegenüber dem Weblogbetreiber und Autor, die ich erst kürzlich in einer ziemlich kritischen, ja sogar mörderischen Persiflage zum Ausdruck gebracht habe. Ich habe das erste seiner(!) Bücher “Das Geräusch des Werdens” ziemlich exzessiv besprochen und war von einigen Kapiteln des Romans sehr angetan. Mein kritisches Hinterfragen spricht sich also nicht gegen das Buch an sich aus, es gilt aber der Schnittstelle der Kommentare, die in dieser Form der literarischen Weblogs als Konzept gewollt sind, um die Selbstpräsentation insgesamt interessanter zu gestalten. Für mich gibt es hier eine Bruchstelle und genau um diese geht es mir. Es geht um das Bewusstsein, in dem ich als Kommentator in einem solchen angeblich romanhaften Blog schreibe. Der obige Ansatz kommt mir so vor, als würde jemand erst nachträglich immer dieses Konzept quasi dem Weblog idealistisch überstülpen, aber meine Erfahrung in diesen kommentierten Blogs besagen genau das Gegenteil. Es ist ja egal, in wie viele Figuren sich da ein Autor literarisch zu zersplittern versteht und sogar mit sich selbst oder diese Figuren dann miteinander reden wie in einem Theaterstück. Nichts kann darüber hinwegtäuschen, dass bei einem Blog in den Kommentaren hinter diesen Figuren reale menschliche Wesen sitzen, die sich auch gerade deshalb des Öfteren gegenseitig beleidigen oder angegriffen fühlen. In einem anonymen Raum darf man sich über ätzende Trolle nicht wundern. Macht es denn Sinn, in einem Blog immer nur als literarische Kunstfigur zu kommentieren, sodass nicht mehr klar erkenntlich ist, wann sich der Autor selbst zu Wort meldet? Der Riss zum eigenen Selbst des tatsächlichen Autors, das sich möglicherweise angegriffen fühlt, muss doch immer künstlich gekittet werden. Was also an einem Weblog ist fiktive Literatur und was nicht? Im immer fiktiven Roman identifiziere ich mich lesend mit ebensolchen fiktiven Figuren, im Weblog dagegen glaubt der Kommentierende, mit einem nichtfiktiven Autor zu kommunizieren.

Tatsache scheint mir zwangsläufig zu sein, dass es auch ein Gefälle im Wissensstand der Beteiligten gibt, d.h. der Blogbetreiber befindet sich automatisch im Vorteil gegenüber Kommentierenden. Sie und vielleicht reale Bekanntschaften und Freunde seines Umkreises, das Nest der Mitwissenden, besitzen den Status von Eingeweihten, was die wahre Identität der Sprechenden betrifft. Der zunächst ahnungslose, nicht eingeweihte Kommentator hat zwar auch das Recht, anonym zu posten, er spricht aber im Zustand einer Blindheit. Aus dieser Unterhaltung von Unbekannten wird dann der Schluss gezogen, auf der Textebene gäbe es keine wahren Identitäten mehr, alles sei ein freies Spiel, neu temperiert wie ein Klavier von John Cage. Dennoch verhalten sich die Spieler und Avatare als säßen hinter ihrer Camouflage echte Menschen und jetzt kommt das Entscheidende bei einem kommentierten Weblog: in diesem speziellen Fall tun sie es im Gegensatz zu einem Roman oder gestalteten Kunstwerk auch wirklich.

Literarisches Happening? Ein Roman, der sich selbst jeweils in Echtzeit schreibt. Wir sind nur noch Wesen der Cyberwelt, die in ihre Avatar-Kostüme schlüpfen, anonyme Chatroom-Besucher sollen Literatur produzieren? Sie produzieren sie, ohne es zu wissen, während das Herrschaftswissen sich auf den Blogbetreiber und einem Kreis von Eingeweihten verlagert hat. Vermintes, oft mit elitärem Anspruch geführtes Cyborg-Gelände der Ungleichheit? Sind wir als Weblog-Kommentierende denn immer nur Schatten unserer selbst? Ist Welt außerhalb des Romans, also z. b. das Weblog, immer nur Fiktion? Warum dann nur ein Weblog als Literatur bezeichnen und nicht gleich die ganze Welt? Ist Welt immer nur Text, in sich abgeschlossene Textur? In der literarischen Fiktion mag das stimmen, obwohl in dem Abbildungscharakter immer auch mehr mitschwingt als nur Buchstaben. Dabei kann die Absicht dahinter durchaus edel gemeint sein, immerhin entblößt sich auch der Blogbetreiber bis zu einem gewissen Grad. Gefährlich wird es immer nur dann, wenn er die Fäden nicht mehr alle in der Hand zu halten scheint, wenn sich Kritik zu lautstark verselbständigt oder gar den Autor hinter seiner Kunstfigur kritisiert.

Es ist ja durchaus ein zu lobender und idealistischer Ansatz, der dahinter steckt, das literarische Weblog als Roman aufzufassen, als literarisches Happening, in dem nur Projektionen aufeinanderprallen, der neue Raum der literarischen  Post-Postmoderne. Die Frage bleibt, ob ein Weblog dies wirklich leisten kann. Was die Kommentarfunktion angeht sicher keineswegs schmerzfrei. Ein elitärer Ansatz, eine etwas hochmütig anmutende Differenz, scheint mir schon deshalb gegeben, weil der Informationshorizont innerhalb der sich bildenden Community, des sich bildenden Nestes aus Avataren, kaum unterschiedlicher sein könnte. Es bleibt ein Geruch undemokratischer Inszenierung, die nur den akzeptieren will, der die einmal aufgestellten Spielregeln akzeptiert. In gewisser Weise führt es sich damit selbst ad absurdum, denn es beschneidet den Raum des Sprechens, den es gerade literarisch zu öffnen versucht.

Jede Interaktion im Kommentarstrang lässt sich nachträglich wenn nötig irgendwie als Fiktion wegerklären. Schließlich hätten sich nur Avatare gestritten, vielleicht nur eine Person mit sich selbst. Der Hauptvorwurf aber bleibt die Ungleichheit, der verschleierte Status des Autors gegenüber seinen Kommentierenden. Alle hängen an der Hauptfigur, dem Blogbetreiber, eine Art “deus ex fiktionalis”. Es ist letztlich nur seine Welt, die literarisch überhöht wird. Weblogs degenerieren zu Inszenierungen, die nur noch auf Zustimmung lauern oder auf Kritik, an der sie sich selbst noch einmal in Szene setzen können.

Literarische Weblogs sind eine besondere Form in der Blogosphäre und der Autor oder die Autorin setzten darauf, das der Mitlesende und gelegentliche Kommentator sein kunstästhetisches Interesse auch in einer sprachsensitiven, literarischen Form äußert. Vom idealen Leser ist des Öfteren die Rede, dessen Beiträge selbst künstlerischen Charakter trügen. In einem Weblog aber, das lediglich ein fiktiver Autor betreibt, der eine erfundene Figur seiner Romane für sich sprechen lässt, wird dieser wohlwollende, ideale Leser zum manipulierten Claqueur degradiert, denn er durchschaut das täuschende Spiel nicht, das ihn benutzt, um die Popularität des sich hinter seiner Kunstfigur versteckenden Autors zu steigern. Auf den fiktionalen Charakter der Autorschaft wird bewusst als Täuschung nicht hingewiesen, lediglich darauf, dass alle Beiträge dokumentiert werden und dazu gäbe man ohne weiteres Zutun seine Zustimmung. Der Kommentierende sitzt also in der ihm gestellten Falle, wenn er sich nicht per se selbst auch als fiktiv versteht, wird er quasi als literarischer Dilettant verhöhnt, der die fiktionale Spielstruktur nicht verstanden hätte. Der tatsächliche Autor wähnt sich auf der Seite einer elitären Kunst, die vom gemeinen Volk nicht verstanden wird und will sich für eine vorsätzliche Täuschung auch noch feiern lassen.

Woraus aber sollte nun die Alternative für diese verschiedenen Formen des fiktionalen Weblogs bestehen. Zumindest müsste es eine Plattform sein, die demokratischer und transparenter wäre, vielleicht ein gemeinsames Forum mit gleichberechtigten, eingeladenen Gästen. Gemeinsame Schreibprojekte mit gleichberechtigt Schreibenden. Die geschlechtlichen Identitäten zumindest sollten, ohne Verletzung der jeweiligen Privatsphäre selbstverständlich, allen bekannt sein. Wenn jemand anonym bleibt, hat er etwas zu verbergen. Das ist sein Recht, aber andere in eine ausschließlich täuschende Verborgenheit hinein zu ziehen, sollte man unterlassen. Die im Roman notwendige und funktionierende Fiktion ist auf ein kommentiertes, literarisches Weblog nicht übertragbar! Auch nur ein kleiner, sanfter Hinweis darauf, das man sich nicht mit dem wirklichen Autor, sondern auch mit seinen erfundenen Figuren unterhält, wäre eine doch legitime Forderung. Vor allem aber, wenn es sich beim wirklichen Blogbetreiber auch um einen Vertreter des jeweiligen anderen Geschlechts handelt, in dessen Namen er vorgibt, seine Meinung zu äußern. Sonst ist das schlicht eine täuschende, selbstüberhebliche Okkupation der tatsächlichen Sprachidentität des anderen Geschlechts im öffentlichen Raum. Man(n) maßt sich z. B. eine feministisch ausgerichtete Rollenidentität an, die ihm einfach an dieser Stelle nicht zusteht. 

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