Die Vergeblichkeit der Erinnerung II

Zauberberg_UebersetzungDer Fußweg neben der asphaltierten Auffahrtsstraße des Krankenhauses stieg leicht an. Die gelblichen, massiven Backsteinbauten entstammten mit ihren roten Ziegeldächern einer längst vergangenen Architektur, als Stahl und Glas noch weniger en vogue waren und man selbst Zweckbauten so etwas wie dauerhafte Persönlichkeit verlieh. Das flache Gebäude links von ihm, an dem er gerade  vorbei ging, beherbergte die Pathologie, wie man ihm erzählt hatte. Hier endete man also als sezierte Leiche. Die kleine, aber doch ziemlich schwere Reisetasche mit dem Nötigsten in der Hand, lief er auf ein großes langgestrecktes, etwa sechs Stockwerke hohes Gebäude zu, dessen Fassade mit Balkonen für die Patienten ausgestattet war. Von einem solchen winkte der zurückgebliebene Kranke ein letztes Mal dem entlassenen Bettnachbarn nach und später seinen neuankommenden Besuchern zu. Man trat auch auf sie hinaus, um einen Blick über die Stadt zu werfen und die frische Luft vermittelte einen letzten Hauch von Freiheit, den man im Zimmer selbst schnell verloren hatte. Kein Fluchtimpuls half ihm jetzt mehr, keine Sehnsucht nach der Wärme eines weiblichen Körpers zu Haus, der Termin in der Medizinischen Klinik I Station M3 war unabänderlich. Schon jetzt hasste er den Moment, die Straßenkleidung mit dem Schlafanzug vertauschen zu müssen und anschließend brav unter die sterilen, dünnen Bettlaken zu kriechen.

Er musste das Treppenhaus benutzen, so etwas wie einen Fahrstuhl gab es nicht. Den Weg kannte er noch von früheren Kontrollen und dem Halbjahresaufenthalt. In Gedanken sah er schon das dunkelblonde Haar der Stationsschwester aufleuchten, die ihn rechts von der Gangmitte im Schwesternzimmer als altbekanntes Gesicht wiedererkennen würde. Nach ein paar witzigen Begrüßungsfloskeln, die seine Anspannung besiegen helfen sollten, würde man ihn mitsamt seinem leichten Gepäck eine Zimmernummer zuweisen, die etwas von einer Strafgefangenennummer hatte, die man den Patienten für die Dauer ihres Aufenthaltes zwar nicht auf den Arm tätowierte, aber trotzdem zu einem für alle sichtbaren Erkennungszeichen werden würde. Schlimmstenfalls war man dann die Gallenblase von Zimmer 10, die schrumpfende Leber von Zimmer 7 oder der Katheter von der 14. Jetzt öffnete sich gerade die große Glastür der Station vor ihm, als von links ein älterer Mann mit dunklen Haaren und gelbem Gesicht in einem schlabbrigen, grauen Bademantel aus seiner Zimmertür trat und über den spiegelnden Linoleumfußboden stapfte. In diesem Augenblick löste sich der Gürtel seines Mantels ein klein wenig und gab einen riesigen, vorgewölbten Bauch zu erkennen. Er schaute unwillkürlich noch einmal in sein Gesicht, um sich seiner Geschlechtszugehörigkeit zu versichern, so sehr erinnerte ihn diese Erscheinung an die Bilder von kugelbauchigen Schwangeren. Der Anblick verstörte, ja entsetzte ihn und traf unvorbereitet mitten ins Mark seiner Seele. Das Gesicht schaute verdrießlich und aufgedunsen wie der Bauch, war aber eindeutig männlich. Sein Erschrecken steigerte sich auch deshalb so grenzenlos, weil er nur vage Vorstellungen von den Ursachen und medizinischen Hintergründen dieses Anblickes hatte. Erst viel später sollte er die lateinische Bezeichnung für Bauchwassersucht und deren Folgen erfahren. Jetzt assoziierte er den Mann mit jemanden, der unwiderruflich dem Tode geweiht war, ja dessen leibhaftig gewordene Inkarnation selbst darstellte. Die Angst, das eigene Schicksal in dem seinen zu erkennen, schnürte ihm für einen Augenblick die Kehle zu.

Er sah sich, von seinen eigenen Gedanken in Verlegenheit gebracht, schnell nach einer Tür mit der  Zahl zehn um, die man ihm als sein vorübergehendes Zuhause zugedacht hatte. Hoffentlich war der Bettnachbar auch dieses Mal erträglich. Doch die besondere Situation des Krankenhausaufenthaltes, dass sie auf die Defizite des eigenen Körpers zurückgeworfen wurden, hatte fast jeden aus der langen Reihe der so unterschiedlichen Leidensgenossen, die er bisher kennengelernt hatte, zu sympathischen Menschen gemacht. Das hoffentlich nur temporäre Leid machte sie für den Augenblick demütig und damit umgänglicher. Später würden sie ohnehin zu Schatten seines porösen Gedächtnisses verkümmern. Als die schwere Zimmertür sich vor ihm öffnete, sah er einen ziemlich sportlich aussehenden Mann mittleren Alters im Bett am Fenster liegen. Er stellte sich kurz mit seinem Namen vor und machte sich mit einem Gefühl der Beklommenheit daran, seine Utensilien auf dem Rollwagen neben dem Bett und in der kleinen Waschecke zu verteilen. Etwas später im Schlafanzug kroch er unter die sauberen Laken und spürte die ungewohnte Härte des Bettes. In Erwartung der ersten Untersuchung schweiften seine Gedanken wieder drei Jahre zurück, als er die bisher längste Durststrecke hier verbringen musste. Er erinnerte sich, irgendwie gleichzeitig in Annette und Marie verliebt gewesen und sich zärtliche Vorstellungen von ihren Körpern gemacht zu haben. Die Wärme des Bettes war der Nährboden einer Flucht in geradezu phantastische Liebesvorstellungen. Diese vermischten sich beim Lesen des “Zauberbergs”, sodass er seinen eigenen Bleistift kaum noch von dem Symbol im Roman unterscheiden konnte und das Gesicht Clawdia Chauchats abwechselnd mit dem von Annette oder Marie verschmolz. Die “heiße Katze”, was für eine vordergründige Namensgebung, hatte nicht nur den Romanhelden zu schwülstigen Tiraden auf den Körper verleitet. Der Autor war ins Französische ausgewichen und er hatte sich damals die Mühe gemacht, das auf neunzehn Seiten zu übersetzen.

“Laß mich die Atmung deiner Poren spüren und deinen Flaum befühlen, menschliches Bild aus Wasser und Eiweiß, das für die Anatomie des Grabes bestimmt ist, und laß mich zugrunde gehen, meine Lippen auf den deinen!”

Krankheit, Tod und Liebe waren damals ein viel zu großes Dreigestirn für seine spätpubertären Anwandlungen gewesen. Seine erotischen Vorstellungen hatten ihn einerseits in phantastisch zarte Sphären und anderseits in das schummrige Licht von zwielichtigen kleinen Pornokinos geführt. Dort saß er dann verschämt und wunderte sich über das Auseinanderklaffen von körperlichem Bedürfnis und seiner überbordenden Gefühlswelt. Das grelle Licht, in das man hinterher hinaustrat, war ein in seiner Nüchternheit erniedrigender Moment. Er machte deutlich, dass falsche Erwartungen hier niemals befriedigt werden konnten. Das war geradezu so, als warte man in einem dieser Pornofilme auf das Erscheinen der Liebe, die darin aber schon konstitutiv nicht vorgesehen war. Die Triebe vernebelten das Gehirn und ließen einen glauben, allein ihre Befriedigung sei schon die Erfüllung aller Sehnsüchte.

Sein Bettnachbar las beharrlich in einer Illustrierten, was er als Signal auffasste, jetzt nicht mit dem sonst üblichen Austausch von Krankengeschichten zu beginnen. Er selbst hatte sich dieses Mal einen schmaleren Band mitgenommen als damals die schwere Kost des “Zauberbergs”, den “Malte Laurids Brigge”. Der Anfangssatz darin, Paris und Hospitäler betreffend, wollte ihm einfach nicht aus dem Kopf gehen. Man wusste eben nie, ob man zum Weiterleben oder zum Sterben in das Krankenhaus einer Stadt kam. Selbst wenn man es schaffen sollte, vom “Zauberberg” noch einmal herunter zu kommen, beendete womöglich ein Krieg das körperliche Dasein. Warum plagten ihn diese depressiven Gedanken, obwohl er doch noch verhältnismäßig jung war? Im Frühling dieses Jahres, 1979, war er gerademal 26 geworden. Doch im Kranhausbett fühlte er sich manchmal schon wie ein alter Mann. Über dessen Bett würden sich nachts zwei Schwestern beugen, die Musik ihrer Walkmans im Ohr, die man leise mithörte und er wäre nichts als ein altes Wrack, an dem man die überlebensnotwendigen Verrichtungen vollführte. Ein schlechter, ungewollter Schwanengesang beim Fall in den Abgrund.

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