“… dass ein Buch ein Labyrinth und eine Wüste war.”

Roberto Bolaño

Und was lernten Amalfitanos Studenten? Sie lernten, laut zu rezitieren. Sie lernten die zwei oder drei Gedichte auswendig, die sie am meisten liebten, um sie bei passender Gelegenheit anzubringen: Bei Begräbnissen, Hochzeiten, Trauerfeiern. Sie begriffen, dass ein Buch ein Labyrinth und eine Wüste war. Dass Lesen und Reisen wichtiger war als alles andere auf der Welt, vielleicht sogar ein und dasselbe, und man damit nie aufhören durfte. Dass die Schriftsteller, die gelesen wurden, die Seele der Steine verließen, wo sie nach dem Tod lebten, und sich in der Seele der Leser wie in einem weichen Gefängnis niederließen, dass dieses Gefängnis sich aber dann blähte und explodierte. Dass jedes System einer Schreibweise ein Verrat ist. Dass die wahre Poesie zwischen Abgrund und Unglück zu Hause ist und dass dicht an ihrem Haus Marcabrus1 Königsweg der Willkürtaten, der Eleganz der Augen und des Glückes vorbeiführte. Dass die wichtigste Lektion der Literatur die Tapferkeit war, eine seltene Tapferkeit, wie ein steinerner Brunnen inmitten einer Seelandschaft, eine Tapferkeit, vergleichbar einem Strudel und einem Spiegel. Dass Lesen nicht bequemer war als Schreiben. Dass man durch Lesen zweifeln und erinnern lernt. Dass die Erinnerung die Liebe war.

Roberto Bolaño: Die Nöte des wahren Polizisten. München Hanser 2013. Teil II Amalfitano und Padilla. Kapitel 25, S. 118)

1 Marcabru: französischer Dichter des 12. Jh., („brauner [Leber-?]Fleck“), was eine merkwürdige Korrelation zu Bolaños Todesursache darstellt.

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