Alice Munro: Runaway

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Alice Munro schreibt keine bedeutungsschwangeren, sprachlich und philosophisch aufgeladenen Erzählungen, sie entwirft sie mit der Leichtigkeit, die eine Malerin von Aquarellen auszeichnen würde. Präzise komponiert, aber Farben, die ineinander verlaufen können, wo Bewegung mehr zählt als die Beschreibung eines statischen Zustandes. So wie die Farben eines Aquarells lebendig aus dem Augenblick aufleuchten, gilt das gleiche für ihre Figuren. Sie zeigt sie in einem bestimmten Entwicklungsstadium, in Relation zu einem Schicksalsmoment, der ihr ganzes Leben verändert hat oder verändern wird. In dieser Erzählung ist es die Flucht, das Weglaufen aus unerträglich gewordenen Verhältnissen. Egal ob diese das Elternhaus oder das Liebesleben betreffen.

Was den Aufbau der Erzählung angeht, steckt für mich eine Art “Easter Egg” in der Beschreibung eines alten Teppichbodens, den die Hauptfigur Carla, eine junge Frau, die mit ihrem zukünftigen Ehemann Clark einen Reiterhof betreibt, am liebsten aus ihrem Wohnwagen herausreißen würde. Er besteht aus Quadraten, die mit vier verschiedenen Mustern von Ornamenten versehen sind. Carla muss sich anstrengen, um sie zu erkennen. Auf vier Hauptpersonen ist auch diese Erzählung aufgebaut, einige Nebenrollen kommen noch dazu. Man spricht vom Erzählfaden, von der Erzählstruktur, und so stellt jede Erzählung vielleicht ein Stück Teppich dar, in dem Alice Munro Teile unserer Lebensmuster gewebt hat.

Dem jungen Paar ohne Nachnamen mit dem so lautmalerisch sich ähnelnden Vornamen Carla und Clark steht ein älteres, kinderloses Ehepaar gegenüber, das in der gleichen Straße ein paar Häuser weiter wohnt: Sylvia und Leon Jamieson. Leon ist Dichter, ein Pflegefall und wird bald sterben, seine Frau Sylvia, zwanzig Jahre jünger, ist Lehrerin. Die Erzählung beginnt, fast möchte man sagen wie immer, mit einer Eingangsszene, die wie eine filmische Blende das Licht auf einen einzigen Augenblick wirft, der aber die ganze Dramatik des weiteren Geschehens zugespitzt anreißt. In diesem Fall befürchtet die im Pferdestall stehende Carla, dass die vorbeifahrende Mrs. Jamieson ihrem Lebensgefährten Clark auffällt oder ihm etwas sagen könnte. Dabei wird der Leser geschickt im Unklaren darüber gelassen, was es überhaupt zu verbergen gibt und so seine Neugier geweckt. Aus diesem andeutenden, nur kurz aufleuchtenden Spot heraus, wird dann das ganze Beziehungsgeflecht der zwei Paare entwickelt.

Das personalisierte Erzählen wechselt dabei seinen Fokus ständig zwischen den beiden weiblichen Hauptfiguren. Die Männer werden, was ihre Psychologie und Motivationen betrifft, lediglich von außen beschrieben, sie bleiben Staffage für die inneren Prozesse der beiden Frauen. Da die Erzählperspektive bei Munro fast ausschließlich eine weibliche ist, glaubt man(n) oft, es mit Frauenliteratur zu tun zu haben, weil die Identifikation der Leserinnen mit den Protagonistinnen eben offensichtlich leicht fällt. Was das personalisierte Erzählen angeht, mag das stimmen, aber Männer werden nicht etwa flach und lediglich bösartig aus weiblicher Sicht dargestellt, ihre Motivationen kommen genauso glaubwürdig daher und die Autorin vergisst nie, dass sie letztlich nicht Männer und Frauen getrennt in ihren so unterschiedlich empfundenen Gefühlsgalaxien beschreibt, sondern einen Lebensausschnitt, das Leben selbst, in dem beide Geschlechter nicht umhin können, Glück und Leid zusammen und gegenseitig bedingt zu erleben. Meist allerdings ist das böswilligere, zerstörerische Element auf der Seite der Männer zu finden, so auch in dieser Erzählung.

Clark ist ein gutaussehender Reitlehrer, ein Frauenschwarm, mit dem Carla ganz einfach aus der einengenden Atmosphäre des Elternhauses durchgebrannt ist. Der gutaussehende Tennislehrer wäre ein vergleichbares soziomaskulines Klischee eines Frauenwunschobjekts. Für Carla wird er dann auch mit dem Zigeuner eines alten irischen Folksongs verglichen, dem “Gypsy Rover”. Der zwar attraktive, aber charakterlich deformierte und dem dominanten Machoklischee ziemlich deckungsgleiche Clark hat einen perfiden Plan. Carla soll behaupten, vom verstorbenen Mr. Jamieson zu sexuellen Handlungen am Krankenbett gezwungen worden zu sein, und damit will er die Witwe finanziell erpressen. Dieses aus Carlas Sicht unmoralische, lügnerische Vorgehen ist der Tropfen, der das Fass ihrer Gefühle, sich in der Beziehung zu Clark instrumentalisiert und genauso eingeengt vorzukommen wie damals im Elternhaus, zum Überlaufen bringt. Sie fühlt sich von Clark nicht mehr geliebt, sondern in ihrer weiblichen Empfindsamkeit gehasst. Das äußert sich auch in ihrem Verhältnis zu den Tieren des Reiterhofes, insbesondere zu einer Ziege. Ihre Empathie in Bezug auf diese Tiere stellt ein weibliches Unterscheidungsmerkmal zur eher grobgestrickten Psyche Clarks dar. Für Carla sind einige Tiere durchaus eigene Persönlichkeiten, die auch mit Namen bedacht werden. Eine Stute heißt Lizzie, die eine Bibliothekarin scherzhaft Lizzie Borden nennt. Die größte Nähe aber empfindet sie zur gerade weggelaufenen Ziege Flora. Für Clark scheinen das mehr brauchbare Objekte, die entweder die Kasse klingeln lassen und für oder gegen ihn sind. Clark schickt Carla mit seinem Erpressungsplan zur gerade aus Griechenland zurückgekommenen Witwe Mrs. Jamieson, der sie nach dem Tod ihres Mannes beim Aufräumen helfen soll. Anstatt seinen Plan umzusetzen, schüttet Carla der älteren Lehrerin ihr Herz aus, wie unglücklich sie in ihrem Leben mit Clark ist. Die kinderlose Sylvia hat eine Schwäche für Carla, in der sie eine Art Tochterersatz sieht, aber auch ganz leise Anklänge lesbischer Begierde las ich aus den Zeilen ihres emotionalen Aufeinandertreffens heraus. Sylvia rät der jungen Carla, Clark zu verlassen und einfach wie die verschwundene Ziege zu fliehen. Sie vermittelt ihr die Adresse einer Bekannten. Clark soll sie einen Abschiedsbrief schreiben. Clara “Runaway” aber besinnt sich im Bus plötzlich anders, ihr kommt das bevorstehende Leben ohne Clark nun doch ziemlich öde und leer vor und sie verwirft ihren Fluchtplan wie schon den der Erpressung, kehrt quasi reumütig zu Clark zurück. Der aber hat ihren Abschiedsbrief  bereits bekommen und ist wutentbrannt zur Anstifterin der Flucht unterwegs. Vor der Tür von Mrs. Jamieson kommt es nun zu einem sich eskalierenden Streitgespräch, in dem Clark seinen männlichen Besitzanspruch in Bezug auf Carla vehement deutlich macht. An dieser Stelle der Erzählung kommt es zu einer fast surrealen Erscheinung der entlaufenen Ziege Flora, dieWeiße Ziege mögliche handgreifliche Gewaltanwendungen mit ihrem überraschenden Auftritt verhindert. Clark bezeichnet sie als “goat from outer space” und scheint in der Ziege nun so etwas wie das aufmüpfige weibliche Wesen schlechthin zu sehen. Anstatt die Ziege nun Clara zurückzubringen, bestraft er indirekt auch sie, indem er die Ziege im Wald anbindet und ihrem Schicksal überlässt, wo sie von Geiern gefressen wird. Clara findet auf einem Spaziergang nur noch ihre Knochen, ein Symbol auch für ihre gescheiterte Flucht und die Befreiung aus der patriarchal strukturierten Beziehung. Munro zeichnet den zu jener Zeit hoffnungslosen Versuch einer jungen Frau, sich aus männlich dominierten gesellschaftlichen Strukturen zu befreien. Ihr erotisches Liebesverlangen und der Wunsch nach Geborgenheit sind bei Carla aber emotional stärker als der Freiheitsdrang. Selbst die Schilderung des trockenen Sommerwetters nach langen Regenfällen korrespondiert mit der wieder hergestellten Beziehungssituation zwischen Clark und Carla. Anscheinend ist alles wieder in Ordnung, ihre Flucht eine nur temporäre Störung, eine kleine, überwundene Beziehungskrise. Ein Brief von Mrs. Jamieson aber deckt Clarks Lüge, die Ziege Flora wäre immer noch verschwunden, auf. Mrs. Jamieson beschreibt den unheimlichen Moment, als die kleine Friedensstifterin zwischen ihr und Clark auftauchte und geht davon aus, Clark hätte das Tier wohlbehalten zurückgebracht. Carla erkennt zwar die vermutete Grausamkeit Clarks, aber die Geschichte endet damit, dass sie diese Erkenntnis wohl ihr Leben lang zugunsten der Aufrechterhaltung ihrer Ehe unterdrücken und leugnen wird. Ihre Flucht war ein in Resignation endendes, letztes Aufbäumen der Freiheit gegenüber dem Ehehafen. Mit Flora werden gleichzeitig symbolisch auch ihre Frauenrechte begraben, auf die sie in Zukunft mehr oder weniger verzichten muss. Glück und Freiheit erscheinen als schwer zu vereinbarende Antagonisten.

Alice Munros Figuren wirken in ihren Handlungen und ihrer Psychologie, ob nun männlich oder weiblich, zu jedem Zeitpunkt menschlich. Sie gibt ihnen einen familiären Background, der in Form von Rückblenden eingeschoben wird. Sie agieren psychologisch plausibel in ihrem sozialen Umfeld. Zu keinem Zeitpunkt hat man den Eindruck, es mit blutleeren Prototypen einer Weltanschauungsliteratur zu tun zu haben. Das Erzählgewebe ist darin überaus fein gestrickt: ausgezeichnete Dialoge, die manchmal als erinnerte innere Monologe wiedergegeben werden, wechseln mit Briefen, Naturbeschreibungen, Gedichtzitaten und zahlreichen literarisch-künstlerischen Verweisen. Der verstorbene Dichter Leon nannte seine Frau zum Beispiel Dorothy Wordsworth oder es wird einfach auf den Song der Beatles “She´s leaving home” angespielt. In der Figur des Dichters Leon klingt eine Art reziproke Selbstspiegelung Munros mit, die so weit ich weiß, nie Gedichte geschrieben hat. es klingt wehmütig, wen sie über Leon schreibt:

(There was no accumulation of papers and notebooks to be attended to, as you might have expected with a writer, no unfinished work or scribbled drafts. He had told her, months before, that he had pitched everything. And no regrets.)

An anderer Stelle erinnert sich seine Witwe Sylvia an die Bergziegen in Griechenland, die ausgesehen hätten, als ob sie Lorbeerkränze auf dem Kopf trügen. Ein offensichtlicher, bildhafter Vergleich mit dem “poeta laureatus” und auch Leon erhielt eine unbeachtet gebliebene dichterische Auszeichnung fünf Jahre vor seinem Tod. So tritt die Ziege in dieser Erzählung als bildhafte Chiffre in mehrfacher Funktion auf: als Symbol des Freiheitsanspruches weiblichen Psyche und der Freiheit dichterischen Schaffens. Allerdings verbindet Munro damit keinen oberflächlichen Symbolismus, sondern bleibt bei ihrem realistischen Erzählanspruch. Als Auszeichnung wenige Jahre wohl vor ihrem eigenen Tod käme nur noch eine in Frage.

Der rätselhafte Kern ihrer Erzählungen bleibt der des Lebens selbst. Eins jedoch hatte Alice Munro noch nie nötig: Sie brauchte keine Lolita, in deren Namen sie ihre Texte schrieb, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Das gelang ihr von Anfang an schon ganz allein durch ihre unnachahmliche Art, eine Geschichte zu erzählen. “Runaway” im englischen Original gibt es hier und auf Deutsch in dem Erzählungsband “Tricks”. Ich empfehle, durchaus einmal beides zu lesen. Das englische Original ist von einer noch frecheren Leichtigkeit geprägt.

Alice Munro_Tricks

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