Ein Morgen mit dem älteren Herrn und einem unvollendeten Abschiedsbrief

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Jeder Morgen ist ein neuer Anfang, denkt der ältere Herr, der jetzt regelmäßig von zwei Katzen geweckt wird, die ihm unmissverständlich zu verstehen geben, er solle sich kümmern. Die verführerischen Wesen stehen morgens vor seinem Bett oder liegen dickfellig darauf (welch schöne Doppelbedeutung). Sie sind immer ganz bei sich selbst, was er nicht unbedingt auch für sich beanspruchen würde. Die Verhaltensbiologen und die rationalen Katzenhaarhasser werden behaupten, sie würden gefüttert werden wollen. Er behauptet, sie würden ihn so sehr mögen, dass sie ihn auf die sanfteste Art zu wecken verstehen, die ihnen ihre Zuneigung diktiert.

Nachdem der ältere Herr das Frühstück in der geräumigen Küche vorbereitet hat, ein unabänderliches Ritual aus immer gleichen Handgriffen, holt er sich die Tageszeitung aus dem Briefkasten und begibt sich an seinen Schreibtisch. Da ist er von den beiden Dingen umgeben, die ihn unablässig zu beschäftigen scheinen, Bücher und Rechenmaschinen. Der ältere Herr denkt gerade an einen Fernsehfilm, den er abends sah: Tödliche Versuchung.” Mit Versuchungen sieht es bei ihm inzwischen ziemlich mau aus. Manchmal versucht ihn noch ein Titel in einem Buchkatalog wie “Der Roman und die Erfahrbarkeit der Welt”. Was den Film betrifft, denkt der ältere Herr, dass ziemlich viel christliche Mythologie da verarbeitet wurde. Die verführerische Frau, die der Versuchung der Schlange verfällt, das Kain-und Abel-Prinzip im Erschlagen des Nebenbuhlers, das Paradies des Bio-Bauernhofes, der Sexualtrieb als ungelöstes Problem. Das bleibt er für Religionen wohl sowieso immer, denkt der ältere Herr, und kratzt sich da weiter unten beiläufig, aber bei weitem nicht mit einer so aufreizenden Geste wie Michael Jackson. Der Film “Tödliche Versuchung” transponierte “Schuld und Sühne” in die moderne Welt und der ältere Herr fand das einen Fernsehabend lang ganz unterhaltsam. Dann sammelt er auf dem eingeschalteten PC ein paar Dokumente zu einer Erzählung, über die er etwas schreiben will, und die von einer Mathematikerin und Schriftstellerin handelt. Wie immer dann ein kurzer Morgenblick auf SPON und FAZ. Da läuft in den Kommentaren zu einer Steuerhinterziehung der Lagerwahlkampf um ein Steuergesetz, dass als einzige Funktion das anonyme Freikaufen von reichen Steuerbetrügern hat und damit ein Arbeitsbeschaffungsprogramm für ebenfalls reiche Fachrechtsanwälte des Steuerrechts zum Beispiel in Schleswig-Holstein ist. Ein Gesetz, dass einen doppelten Zweck erfüllt, kann man nicht einfach abschaffen, auch wenn die “kleinen Leute” es nicht brauchen. Was d i e meinen, spielt in einer echten Demokratie sowieso keine Rolle. Aber was heißt schon echte oder parlamentarische Demokratie, wirtschaftslobbyistische Scheindemokratie wäre wohl zutreffender.

Verdammt, denkt der ältere Herr, bei den Büchern wollte er doch bleiben, auf alle Fälle im Gebiet der Kultur und jetzt ist er doch in die Unkultur gerutscht. Aber auf dem Feld der Literatur liegt der ältere Herr auch schon quälend lange mit jemand im Clinch. Gestern hatte er eine Email an diesen Jemand oder war es eine Jemandin, schon geschrieben und sie dann doch nicht abgeschickt. Die stockte wie Eier im Wasserbad und verhakte sich im  Entwurfsordner. Löschen mochte er sie auch nicht, obwohl das für den älteren Herrn sicher die bessere Lösung gewesen wäre. Heute zögert er weiter und spielt mit dem Gedanken, sie als offenen Brief zu veröffentlichen. Er zögert und zögert, aber dann denkt er sich, mehr als den Kopf kann mir niemand abreißen und kopiert die Textdatei erst einmal vorläufig in seinen Blogeditor: wieder als Entwurf selbstverständlich. Er konserviert für später möglichen Gebrauch. Wir konservieren und archivieren immer, wir geben uns der Illusion hin, etwas hinterlassen zu können, obwohl wir wissen, dass wir einmal nichts, aber auch überhaupt nichts mitnehmen werden. Wir glauben fest daran, dass man etwas von uns finden könnte, selbst dann, wenn es absolut nichts mehr von uns zu finden geben wird. Der intendiert offene Brief begann in etwa so:

Liebe …. …..,

vor langer Zeit fiel mir diese Anrede, egal ob ich früh schlafen ging oder nicht, leicht. Jetzt kostet sie mich Überwindung und macht mir mehr als Schwierigkeiten…

So ähnlich muss der Anfang ausgesehen haben, aber wo blieb der Rest? Mittlerweile ist der ältere Herr sogar unsicher, ob er ihn überhaupt weiter geschrieben hat. Sicherheit gibt es erst, wenn man sie nicht mehr braucht, denkt der ältere Herr, und zweifelt still in sich hinein. 

Bevor Sie, werte Leserin, werter Leser, spekulieren und projizieren, warum hier jemand die Tätigkeiten eines älteren Herrn beschreibt. Der ältere Herr hier ist reiner Text, und möchte auch als solcher behandelt werden. Dieser Text ist sowieso konfus und nur etwas für Spinner, die gleichzeitig Johann Peter Hebels “Kannitverstan” und Niklas Luhmanns und Jürgen Habermas´ scheinbar völlig veraltetes Buch “Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie” wieder lesen. Geht´s noch? Mit so einem will i c h, als Text wohlgemerkt, nichts zu tun haben. Dieses hervorgehobene Wort aus drei Buchstaben steht hier ausnahmsweise sowieso nur, um auf sein sonstiges Fehlen aufmerksam zu machen.  Nun glauben Sie bloß nicht, dieser alte Knacker hätte irgendetwas mit mir, also dem Text an sich, zu tun. Wenn Sie sich jetzt fragen, wer und warum hier jemand was oder wie geschrieben hat, dann fragen Sie sich das bitte ganz für sich allein, denn ich, also der Text, frage mich, als Text, den Sie gerade gelesen haben, das nicht mehr, capice? Ach so, was den Brief betrifft, vielleicht erscheint er noch so um den ersten Mai herum, als “kurzer Brief zum langen Abschied”, vielleicht auch nicht, der ältere Herr ist immer noch unentschieden.

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