“Der kurze Brief zum langen Abschied”

Kunst macht uns zu NarrenMeine Befürchtung hatte sich bewahrheitet, als vor vierzehn Tagen nur ein wenig Honig aus der Medienmaschinerie über das Haupt des doppelgesichtigen Autors Aléa Torik in der Fernsehsendung “Bauerfeind featuring Aléa Torik” geträufelt wurde. So ähnlich hätte sie wohl heißen können. Es sei ihm und seinem weiblichen Schrift-Alter Ego schweren Herzens dennoch gegönnt, wo sie (Plural) und er/sie (Singular) doch mit allen Mitteln versucht haben, sich in der virtuellen Welt attraktiver zu machen.  Auf den Blog “Aleatorik” mit seiner Kommunikationsproblematik und den Fallstricken der Kommentarfunktion wurde in dem nett aufbereiteten, aber harmlosen Filmbeitrag nicht weiter eingegangen. Es wurde lediglich das Bild eines ungerecht behandelten Autors vermittelt, der doch ganz passabel schreibt. Ob er mit seinem Rollenspiel damit weibliche Identität außerhalb der Literatur unberechtigt okkupiert, spielte keine Rolle. Ob er Kommentatorinnen und Kommentatoren des Blogs bewusst täuschte auch nicht. Ganz im Gegenteil wurde das Bild eines bemitleidenswerten Autors vermittelt, der doch verständlicherweise, wenn er keinen Verlag findet, auch zu dem strategischen Mittel greifen darf, sich als attraktive Mitzwanzigerin und Rumäniendeutsche zu vermarkten. Auf die literarische Problematik, die eine solche Vorgehensweise impliziert, nämlich das erzählte Ich, die Romanfigur, gleichzeitig als Autorin auftreten zu lassen und ein Weblog damit zu betreiben, wurde in keiner Weise eingegangen, im Roman “Aléas Ich” selbst übrigens auch nicht. Was aber nicht weiter verwunderlich ist, denn wir haben es ja mit Literatur zu tun und die ist per aleatorischem Postulat völlig eigenständige Spielwiese und in sich ruhend für außerliterarische oder grundsätzliche Kritik geschlossen, obwohl natürlich ständig werdend. Da die Maske nun endgültig gefallen ist, schließt sich jetzt folgerichtig auch das Tor des Weblogs. Der Vorhang fällt, literarischer Budenzauber  und Schmierentheater haben ein Ende gefunden. Mit zwei gleichzeitigen Identitäten kommt man dann anscheinend doch nicht ganz so gut zurecht. Selbst der Abschied wird nun dem “Projekt” gemäß zelebriert und konstruiert. Konstruierte Kommunikation hat dort nämlich in Wahrheit immer Don Quichotte Figurentheaterstattgefunden, eine virtuell schiefe Selbstinszenierung mit Tarnkappe. Dulcinea erwies sich am Ende für mich nicht einmal als hässliche Bäuerin, es gab sie schlicht überhaupt nicht. Es gab nur den spielenden “Ritter von der traurigen Gestalt”. Wenn die Romane nicht wenigstens ein gewisses literarisches Niveau hätten, und das haben sie bei aller Kritik zweifellos weit über einem ansonsten mehr als oft flachen Buchmarkt hinaus, dann würde ich eine Parallele zu einer Veröffentlichung des Modedesigners Harald Glööckler in Betracht ziehen, dessen Hund Billy King gerade ein Buch geschrieben hat: Billy King: Mein Leben mit Harald Glööckler. Nun muss Billy King nur noch ein eigenes Weblog eröffnen und sich natürlich als Hundedame verkaufen, dann steht der Veröffentlichung eines zweiten Nachfolgebandes auch dort nichts mehr im Weg. Aber so verbittert sarkastisch sind wir nur, wenn der Ärger und die Wut uns mal wieder emotional hinwegspülen. Wahrscheinlich leidet der tatsächliche Autor, den es ja nur noch als bürgerlich juristische Person im Hintergrund braucht, aber nur an einem sehr produktiven und in diesem Fall art-ifiziellen, literarischen Münchhausensyndrom und sieht sich in der Nachfolge von Don Quijote. Die Abwehrreaktionen bei jeglicher Kritik und der Erfindungsreichtum zumindest wären passende Symptome. Bei mir selbst stelle ich als krankhaftes Symptom ein mittlerweile ständiges Schwanken zwischen gutmütiger Toleranz und aggressiver Verletzlichkeit fest. Eine sachlich objektive Annäherung an die “Causa Torik” ist mir persönlich durch negative Gefühle versperrt. In diesem “Fall” zugefügte seelische Schmerzen zählen im Web 2.0 nicht allzu viel. Sich selbst in einer öden Schleimspur zu bemitleiden, ist berechtigterweise weit weniger attraktiv, als die Ergebnisse eines experimentellen Projekts. Wo gerupft wird, fallen eben Federn. Es waren doch nur  Schreibfedern. Ausdruck meiner Unentschiedenheit war vor einigen Tagen eine begonnene und nicht abgeschickte Email, die ich hier jetzt als offenen Abschiedsbrief an die altbekannte Kunst- und Romanfigur veröffentliche. Ein wenig Katharsis gönne ich mir jetzt selbst, ach nein, dem Buecherblogger. Der ist schließlich auch nur eine Kunstfigur aus Bits und Bytes und damit jenseits jeglicher moralischer Satisfaktionsfähigkeit. Btw, haben Sie schon mal einer Romanfigur geschrieben, strange, very strange. Demnächst soll sie sozusagen post mortem noch am Rande des Literaturbetriebs gesichtet werden können. Also Augen auf, aber nicht, dass Sie nach einer jungen Dame Ausschau halten: 

Liebe Aléa Torik,

vor langer Zeit fiel mir diese Anrede, egal ob ich früh schlafen ging oder nicht, leicht. Jetzt kostet sie mich Überwindung und macht mir mehr als Schwierigkeiten. Schwierigkeiten, ja boshaften Streit, haben wir nun schon genauso lang, wie mir diese Anrede falsch vorkommt, aber wir haben uns auch schon einmal Sorgen umeinander gemacht, doch das Wasser jener Gläser ist längst verschüttet. Es stimmt, dass ich enttäuscht und auch verletzt war, als Sie eine, zumindest für mich, beinahe kafkaeske Verwandlung vollzogen. S i e sind dagegen immer die gleiche geblieben, zumindest das glaubt der „ältere Herr“ verstanden zu haben, Sie kennen schließlich auch nur ihr eigenes Ich. Sie haben es sogar zum Titel Ihres zweiten Romans gemacht, in Wirklichkeit war damit natürlich nur ein universell philosophisches gemeint. Sie können gar nicht anders, als Ihr Buch und selbstverständlich auch ihr Ich zu verteidigen. Wer täte das nicht. Nun haben Sie beschlossen, sich von Ihrem Blog oder besser Aléa/Julia-Balkon ein letztes mal freundlich winkend endgültig zu verabschieden. Ein paar Romeos kriechen schließlich immer noch wie Tarzan am emporrankenden Pflanzengeflecht hinauf. Auch das eine künstliche  Haltung, eine Attitüde. Attitüde und Spiegelfechterei war alles, was Sie mit Worten dort betrieben haben, zugegeben manchmal auch recht unterhaltsam und literarisch informativ.

Wenn wir uns vor den Spiegel stellen, dann sehen Sie eine attraktive Studentin und ich jetzt immer diesen Mann mit etwas wenig Haarwuchs auf dem Kopf. Mittlerweile trage auch ich ein glänzendes Surfbrett da oben und kann das Spiegelbild, das ich sehe, manchmal ganz gut und manchmal weniger verstehen. W i r verstehen uns allerdings überhaupt nicht mehr und ich wollte nur sagen, das muss schließlich auch so sein, weil jeder von uns immer etwas anderes sieht. Aber warum ist es jetzt wohl immer gleich das Schlechteste?

Sie können natürlich nicht wissen und wollen das auch unter keinen Umständen, dass da jemand hinter Ihnen steht und Sie mit Worten durch große Romane führt, die Sie dann sogar glauben ganz allein geschrieben zu haben. Auch das kann ich verstehen. Ich kann es sogar verstehen, dass Sie keine Lust mehr haben bei soviel Unverständnis um Sie herum, überhaupt noch einen neuen Roman zu schreiben. Aber nicht zu schreiben, wäre definitiv Ihr Tod, das wissen S i e so viel besser als I c h! Erfinden Sie doch einfach einen neuen Avatar, ein neues Kostüm, Lügen lassen sich beliebig wiederholen. Lange Beine sollen sie auch haben, schauen Sie doch mal kurz an sich herunter. Wenn keine Zeile mehr aus Ihnen herausfällt, fallen Sie nicht nur durch die Decke einer großen Bibliothek, Sie verschwinden im Nirwana, futsch für immer. Nein, in den Himmel kommen Sie nicht, habe ich  spontan beschlossen, da kommen nur die dummen Ehrlichen hinein. Zu denen gehöre ich allerdings auch nicht. Keine Missverständnisse in Bezug auf mein Selbstverständnis bitte. Nur Ihre beiden Romane, die Sie ja glauben ganz allein geschrieben zu haben, werden so einsam zurückbleiben. Sie werden tot sein, wie Ihre Freundin und Mitbewohnerin Olga. Noch ein fiktives Alter Ego.

Auch wenn Sie  glauben, ich würde Sie hassen, Ihren Tod habe ich mir nie gewünscht. Einmal habe ich versucht, ihn mit beißendem Spott als Totschlag zu Papier zu bringen. Aber dass war nur ein weiterer Versuch, Sie irgendwie aus meinem Inneren zu vertreiben, das auch kein Paradies zum Zentrum hat. Ach, diese beiden Wörter werden Ihnen bekannt vorkommen. Ich weiß sogar, dass Sie diesen Brief ganz scheußlich finden werden, aber er ist auch mein allerletzter. Ich habe sicher keine Bitte bei Ihnen frei, aber wenn ich sie hätte, dann würde ich mir wünschen, Sie schrieben trotz allem Ihre Romane weiter. Vielleicht aber ausnahmsweise doch mit einer kleinen Prise mehr Authentizität, als in den schon recht gut gelungenen beiden bisherigen Soap Operas. Aber ich vergaß, das war noch nie ein ernst zu nehmendes Kriterium Ihres künstlerischen Schaffens. Nehmen Sie einfach in Zukunft keine Notiz mehr von mir und von dem verfluchten Literaturbetrieb gleich mit. Was Sie auf Ihre Art wahrscheinlich schon genauso lange versuchen, wie ich ohne richtigen Erfolg bei Ihnen. Glauben Sie mir, Ihre zukünftigen Worte werden andere Leser finden. Leser, die Sie viel besser verstehen, als ich es je wieder könnte. Ich bin da organisch beschränkt, nie mehr, auch körperlich nicht, nur i c h ganz allein. Auch mich hat man vor einiger Zeit nicht nur sprachlich neu konstruieren müssen.

Eine schon wiederum vor langer Zeit verstorbene Tante von mir pflegte den alten Brauch, ein Tischgebet mit folgendem Satz im Konjunktiv zu beginnen: “Möge der Herrgott geben…”, was immer sehr zur familiären Belustigung beitrug, von ihr aber gläubig und bitterernst gemeint war. In diesem Sinne wollen wir doch unsere Seelen Frieden finden lassen, und seien es nur die erzählten. Nicht erst irgendwann einmal wie für alle unabänderlich an den Hängen mit den weißen Kreuzen, sondern jetzt, in diesem Augenblick, der wie immer nur ein blinder sein kann.


Leben Sie wohl und antworten Sie nie.


Der Buecherblogger

PS:  Am 17. Dezember 2010 um 21:43 Uhr, als die Welt noch so heil war, wie sie es nur in Illusionen sein kann und nie wirklich ist, schrieb ich in Ihrem Blog als notdürftigen Titelvorschlag für “DGDW” etwas, mit dem ich mich im Nachhinein geradezu hellsichtig selbst kennzeichnete: “Ein gewisses Maß an Blindheit”.

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