Hildesheimer II: “Der kleine Silbersaal des Grand-Hotel Majéstic”

Hildesheimer_Paradies der falschen VoegelDie Ironie Wolfgang Hildesheimers bei der Darstellung einer Dichterlesung (S. 116 – 118) streifte schon vor sechzig Jahren die Thematik schriftstellerischer Abhängigkeiten. Der Silbersaal kam mir als Silberturm (vgl. ANH: Die Fenster von Sainte Chapelle) bekannt vor und das Grand-Hotel Majéstic hat den gleichen Namen wie ein portugiesisches Café in Porto. Das Weblog eines unlängst nach Lissabon Reisenden bezeichnet sich gelegentlich als Grandhotel Abgrund. Alles schon mal dagewesen, möchte man ausrufen, aber solange auch falsche, schreibende Vögel weiter im Dämmerlicht der elektrischen Kerzen ihre Federn zücken, die nur noch Tastaturen sind, wird es auch alten Wein in neuen Schläuchen geben. Aber lauschen wir dieser paradiesischen Beschreibung einer Lesung des “arbeitslosen Werbetexters Hans Hamilkar Bühl”, die selbstverständlich keinerlei Konnotation zu dieser aufweist:

Der kleine Silbersaal des Grand-Hotel Majéstic et de la Paix war gut besucht, aber keineswegs ausverkauft. Die ersten zwei Sesselreihen waren leer, in der dritten saßen die halbwüchsigen Jünglinge, und dann folgten, weiter hinten, einige zwanglos verteilte Gruppen. Ich ließ mich an der Seite nieder, um den Dichter zwar zu sehen, aber von ihm nicht erkannt zu werden; denn Dichter haben die Angewohnheit während des Vortrages um sich zu blicken, entweder suchend und seherisch, oder um den Eindruck des Vortrages auf die Zuhörer zu prüfen, oder beides in einer Bewegung vereinend.
     Langsam erlosch das Licht im Saal bis auf das Lämpchen auf dem Vortragspult, eine Wachskerze, auf der eine elektrische Birne in Form einer Flamme saß. Da betrat eine ältere Dame den Silbersaal nahm in der Mitte der ersten Reihe Platz, lächelte dem Dichter, welcher nun zwischen dem Vorhang heraustrat, ermutigend zu: es war Tante Lydia.
     Und nun erst rückte die Veranstaltung für mich ins rechte Licht. Tante Lydia also war es, die sich des Dichters und Aphoristikers Hans Hamilkar Bühl angenommen hatte, nachdem dieser – vielleicht gar mit erfundenen Empfehlungen von Onkel Robert – sich um ein Mäzenat bei ihr beworben hatte.
     Ja, gewiß war es so. Bühl, dessen – in seinem Falle peinliche – Zuneigung der halbwüchsigen Jugend galt, hatte sich der alternden Dame mit goldenen Aphorismen genähert und war daraufhin der nichtswürdige Nachfolger von Philipp Roskol geworden. Und sie war es, ohne Zweifel, die für ihn die Silbersäle öffentlicher Anerkennung mietete, welche Räume den Vortragenden, wer sie auch seien, stets ein gewisses Prestige verleihen. denn selbstverständlich betrachtete man eine solche Darbietung als die von der Kurdirektion veranstaltete Würdigung eines berühmten Gastes: kein Mensch hätte einen Vortragsabend besucht, dessen Unkosten von dem Vortragenden oder gar von dessen Mäzen bestritten wurde.
     Bühls Gedichte hatten sich geändert. Bei den Fleischtöpfen Tante Lydias hatten sie inzwischen jenen quälenden Tenor angenommen, welcher den vor den Toren stehenden Weltuntergang, verursacht durch Verhärtung der menschlichen Seele, verkündet. Diesem anhaltenden Ton resignierter Anklage, ab und zu von einem apokalyptischen Bild beleuchtet, folgte ich in einer Art aufmerksamer Trance, aus welcher ich nur hin und wieder durch die Erscheinung des Bademeisters aufgeschreckt wurde, dieses sinistren Akteurs in Weiß, der nicht davor zurückschreckte, auch musische Regionen zu betreten, um seine Opfer daran zu erinnern, daß ihr Badestündchen geschlagen habe, und, nachdem die Unglücklichen aufgestanden waren, hinter ihnen her zum Tatort – wahrscheinlich zur Unterwasserstrahlmassage oder einer anderen Erfindung Dantes – zu schreiten. In diesem Raume erschien er gleich einem Rufer aus dem Jenseits, welcher das Vorgetragene auf schöne und stilgerechte Weise illustrierte.
     Anders die Aphorismen. Kein Bademeister hätte sie agieren, kein Sterblicher sie nur soviel wie verstehen können, weshalb es auch mir unmöglich ist, ihre Thematik anzudeuten, geschweige denn wiederzugeben. Über diese Schwierigkeiten einer eventuellen Deutung war sich ihr Verfasser sehr wohl im klaren: und so vereinfachte er den Vortrag durch tiefe Gongschläge, welche jeweils am Ende eines Aphorismus ertönten, so daß man wisse, wann ein Gedanke endete und der nächste begann. Der Gong wurde von einem der Jünglinge bedient, der wahrscheinlich in mühsamer Arbeit den gesamten Wortlaut auswendig gelernt hatte.
     Tante Lydia mußte nicht zu Bade gehen. Sie saß auf ihrem Sessel, einen Pelz locker um die Schultern gelegt, und folgte hingegeben den – ihr gewiß bereits bekannten – Bühlschen Gedanken, von apokalyptischen Bildern bis zu den Bemerkungen über Gott, Zeit, Ewigkeit und Schuld.
     Und als ich sie später abends am Arme Bühls durch die Hotelhalle schreiten sah, ihr weißviolettes Haar hoch aufgetürmt, zwei nasenlose Pekinesen an einer Doppelleine vor sich hertreibend, da durchfuhr mich ein Schauer des Mitleids: ihr war die Gnade, mit Würde zu altern, versagt geblieben.
     Ich habe weder sie noch Hans Hamilkar Bühl wiedergesehen.

Der Schlusssatz könnte beinahe aus einer der Erzählungen von Roberto Bolanos Telefongesprächen (z. B. aus Clara) stammen.

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