“Zellengenossen” oder Ich und meine unbegreiflich wahnsinnigen Frauen

Ein weiterer Bolaño-Text zu einer Erzählung aus Telefongespräche von mir aus dem Jahre 2009. Auf dem Cover der spanischen Originalausgabe sieht der Mann auch über seine Schulter zurück und im Gegensatz zu mir, dem Leser, die Frau von vorn. Ein Motorradfahrer, eine schlanke, geheimnisvolle Frau im fließenden, langen Kleid. Eine Unbekannte, von der man nur den Rücken sieht. So versuchte vielleicht auch der spanische Buchhandel das Interesse literarisch interessierter, spanischer Machos zu wecken. Wer bei Bolaño allerdings nur den männlichen Blick aus seinen Büchern herausliest, hat ihn weit verfehlt. Seine Literatur wendet sich gerade bei allem Realismus und manch drastisch sexueller Darstellung gegen den Missbrauch und für eine gegenseitige Achtung.

Llamadas telefonicasSofia heißt in diesem Fall die spanische, antifranquistische Studentin, die zur gleichen Zeit wie der Erzähler 1973 in Chile in Spanien im Gefängnis sitzt. (Bolaño spielt mit der eigenen Biographie) Jetzt ist sie seine promiskuitive Geliebte. Wir befinden uns im Umfeld eines spanischen Studentenmilieus, in der man Sekundärliteratur über Hegel liest, die die Frauen natürlich nicht verstehen. Sie sind dazu da, beschlafen zu werden, und möglichst nicht immer in der gleichen Stellung. Sofia schläft zur gleichen Zeit mit einem kommunistischen Kommilitonen. Sie war allerdings auch schon mit Emilio verheiratet, man studierte die gleiche Fachrichtung. Gelesen wird Valerie Solanas und Ronald D. Laing. Der Erzähler liest die Sonette des letzteren! (Prosa und Lyrik, was für ein Spannungsverhältnis) Dem Übersetzer Christian Hansen haben wir übrigens das schöne Wort „wüstensonnenuntergangsrot“ (S. 155) zu verdanken. Im Spanischen ein ganzer Nebensatz aus fünf Worten: „un rojo de desierta crepuscular“, und wer würde dabei von uns nicht an die mexikanische Wüste denken („2666“). Sofia hat auch eine Freundin, Nuria, die genau wie Emilio Gymnasiallehrerin ist. Von ihr erfährt der Erzähler den weiteren Lebensverlauf Sofias.
Die Studentenwohngemeinschaft hat sich aufgelöst, der Erzähler bleibt einsam zurück und die Beziehung zu Sofia versickert nachdem man noch gemeinsam nach Portugal trampte und leidenschaftliche Nächte verbrachte. Sofia gleitet in eine Monate andauernde psychische Erkrankung ab. Sie verkraftet ihre Scheidung und ihre gescheiterten Beziehungen nicht. Verstört lebt sie mit einem neuen „Begleiter“ zusammen, dem sie irgendwie hörig zu sein scheint, was den Erzähler schockiert. Sie habe sich von einer unabhängigen, politisch denkenden Studentin in eine abhängige, nichtemanzipierte Frau verwandelt. Er erkennt sie nicht wieder. Von Nuria, wie gesagt, erfährt der Erzähler später die „einfach[e] [und] unbegreiflich[e] Geschichte“ (S. 164) des Mordversuchs Sofias an ihrem Exmann Emilio.
Unbegreiflich sind Bolanos Erzählungen und auch seine Frauenfiguren immer. Das Spiel mit realen und surrealen Versatzstücken macht die Frage nach der Plausibilität überflüssig, vergleichbar etwa mit der Frauenfigur in Stefan Zweigs Meisternovelle „
Brief einer Unbekannten“, die aus heutiger Sicht auch eher unrealistisch und unwahrscheinlich erscheint. Schon der zumindest im Deutschen erste Satz: „Es traf sich…“ (S. 155 spanisch: Coinzidimos…) beginnt wie im Märchen. Sofia hatte also zusammen mit ihrem neuen Begleiter versucht, Emilio umzubringen. Doch der Erzähler besucht die schizophren wirkende Sofia erneut, die in einer merkwürdig leeren, auch von Büchern befreiten, Wohnung lebt. Sie schlafen wieder miteinander, aber Sofia fühlt sich „eiskalt wie eine Tote“ (S. 167) an. Ein Raum in der Wohnung ist verschlossen. Auf die Frage nach dem Verbleib ihres Begleiters antwortet Sofia mit einem vollkommenen Lächeln. Die beiden ziehen sich an und gehen in eine Pizzeria essen.
Bolaño erzählt wie immer spielerisch, Realität und subjektive Erzählebene fließen ineinander. Eine Bemerkung gleich am Anfang wie “Im November 1973, als ich in Chile verhaftet wurde” ist eine erzählerische Spielerei, mit der sich der Autor scheinbar hinter den Erzähler stellt. Damit will zumindest ich mich nicht in die Irre führen lassen, Realität und Erzählebene zu verwechseln. Einen Text lesen heißt, in ihm zu träumen, aber auch gelegentlich aufzuwachen. Liegt der Begleiter tot in dem verschlossenen Raum, die scheinbare Schlusspointe der Erzählung? Warum sind die Frauen bei Bolaño alle psychisch zumindest labil? Warum erfährt der Leser wenig über die Promiskuität oder Nichtpromiskuität des Erzählers? Gerade Erzählungen mit einem offenen Ende werden im Bewusstsein des Lesers um so intensiver weitergeschrieben.

Roberto Bolaño: Telefongespräche. München: dtv 2008.
Orig. Barcelona: Editorial Anagrama 1997. 14 Erzählungen
Erzählung Nr. 11 „Zellengenossen“ S. 155 – 168

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