“Enrique Martin” oder Der Dichter, seine Konkurrenz und sein Leiden

lasteveningson earthLast evenings on earth” nach der gleichnamigen Erzählung war der Gesamttitel eines amerikanischen Erzählbandes, der 2006 mit insgesamt 19 übersetzten Kurzgeschichten aus den spanischen Bänden “Llamadas telefonicas” und  “Putas asesinas” erschien. Der englische Wikipedia-Eintrag einer Bolaño-Bibliographie listet über 50 Erzählungen auf, von denen mir ca. die Hälfte noch nicht ins Deutsche übersetzt scheinen. Die Erzählung “Enrique Martin” aus “Llamadas telefonicas” war auch in dieser englischsprachigen Ausgabe enthalten. Englischsprachige Übersetzungen findet man dagegen vereinzelt frei zugänglich im “The New Yorker”, wie etwa diese oder auch hier. Der Titel schien mir irgendwie zum Versuch des fiktiven Schriftstellers Enrique Martin zu passen, ein Science-Fiction-Magazin herauszugeben, nachdem das literarische kläglich scheiterte. Allerdings wird es auch für ihn einen letzten Abend auf der Erde geben, denn er scheitert nicht nur mit seinen literarischen Bemühungen und Gedichten, sondern mit dem Leben selbst, das mit seinem Selbstmord endet. “Enrique Martin” war die dritte und letzte Erzählung, die ich 2009 sehr zeitnah zur Lektüre besprochen habe und die ich jetzt noch einmal leicht überarbeitet wieder veröffentliche.

INHALT

Der 22jährige, chilenische Schriftsteller Arturo Belano, der Ich-Erzähler, lernt mit 22 Jahren in Barcelona den spanischen Schriftsteller Enrique Martin kennen. Er betrachtet ihn als zweitrangigen Dichter, der schlechte Lyrik schreibt und es nur schafft, eine einzige Ausgabe des literarischen „fanzine“ „Blanker Strick“ herauszugeben. Belanos Stolz wird verletzt, weil Enrique Martin seine Gedichte nicht in dieser ersten Ausgabe des neuen Literaturmagazins veröffentlichen will. Man verliert sich zunächst aus den Augen und bei einem erneuten Treffen vermeidet er, dem Schriftstellerkollegen seine wahre, abschätzige Meinung über dessen Arbeit zu sagen. Enrique Martin lädt den Erzähler und seine mexikanische Freundin, sowie seine eigene Lebensgefährtin in ein Restaurant ein. Der Erzähler ist entsetzt über eine jetzt von dem Paar betriebene Zeitschrift, die sich mit Parapsychologie und Ufos beschäftigt und auch sprachlich lächerlich schlecht ist. Wieder hört man lange Zeit nichts voneinander, bis der Erzähler merkwürdige Briefe erhält, die in einer kryptischen Zahlenreihe den Ort einer Buchpräsentation beschreiben, zu der der Erzähler gar nicht erschienen ist. Später besucht Enrique Martin den Erzähler Belano und übergibt ihm ein Paket, das er für ihn aufbewahren soll. Enriques Zustand zeigt Anzeichen einer Psychose. Der Erzähler erfährt zwei Jahre später, dass Enrique geschieden ist und mit seiner Exfrau befreundet noch eine Buchhandlung betreibt. Ein weiterer Brief zeugt von der sich verschlechternden Psychose Enrique Martins. Von dessen Selbstmord, er hat sich erhängt, erfährt Belano eher beiläufig. Beim Öffnen des ihm hinterlassenen Pakets, finden sich darin 50 Seiten Gedichte. Der Erzähler schläft schlecht und glaubt fliehen zu müssen.

INTERPRETATION

Schon der erste Satz: „Ein Dichter kann alles ertragen“ (S. 39) birgt Ironie, aber auch fast ein religiöses Postulat, von dem uns Bolaño vielleicht letztlich überzeugen will: alle Schriftsteller seien auf ihre Art Helden. Bolaño widmet diese Erzählung einem spanischen, befreundeten Schriftstellerkollegen, Enrique Vila-Matas, dessen Romane er nach eigenem Bekunden für gut hielt. [1] Vielleicht ist der Titel selbst auch wiederum eine Referenz an den peruanischen Schriftsteller Enrique Congrains Martin, der 2009 starb. Zur vollständigen Verrätselung gibt Bolaño dem wohl doch fiktiven Enrique der Erzählung sein eigenes Geburtsjahr. Das Spiel der Vermischung fiktiver Identitäten mit Anklängen an tatsächliche Autoren ist ein gut bekanntes, integrales Bestandteil seines ganzen Werkes, ebenso seine eigenen alter Egos wie Belano oder schlicht B.

Selbstironie kennzeichnet dann auch gleich die Beschreibung und Erwähnung des nach Meinung des Ich-Erzählers guten spanischen Lieblingsdichters Enriques Miguel Hernández: “Hernández schreibt über den Schmerz und ausgehend vom Schmerz, und die schlechten Dichter leiden in der Regel wie Tiere im Versuchslabor, vor allem in ihrer langen Jugendzeit.” Humor und manchmal Sarkasmus begleiten das Stochern Bolaños im eigenen Schriftstellermilieu ständig. Eine oft anzutreffende überhebliche Grundhaltung gegenüber vermeintlich schlechteren Schriftstellern schimmert als Bestandteil der Ironisierung und Charakterisierung des Milieus an sich immer durch. Trotz der mitfühlenden Beschreibung des gescheiterten Lebens auch dieses bestenfalls mittelmäßigen Lyrikers, der psychisch erkrankt Selbstmord begeht. Später wird auch “2666” mit einer Art Parodie aus Schriftsteller- und Büchersumpf beginnen, den man sich auch vorlesen lassen kann. Das Verhältnis von Schriftstellern untereinander ist notgedrungen komplex. Es reicht von Neid, Missgunst und offenen Feindschaften bis zur unterwürfigen Verherrlichung. Die Erzählung hier zeigt gerade die Diskrepanz auf, die zwischen den rein menschlichen Beziehungen und dem Habitus als Autor mit seinen Werken selbst besteht. Daraus hervor geht auch bei dem Alter Ego Belano ein wie auch immer entstandenes schlechtes Gewissen. Einen aus seiner Sicht wenig begabten katalanischen Lyriker, der sich auch noch bei einer pseudowissenschaftlichen Zeitschrift sein Brot verdiente und ihn bei der Herausgabe der einzigen Nummer der Literaturzeitschrift „Blanker Strick“ überging, gilt sein Versuch einer posthumen Wiedergutmachung, denn der „Kollege“ begeht Selbstmord, wie man schon unschwer nach zwei Seiten am „prophetischen Titel“ (S. 41) der Zeitschrift ahnen kann. Der Erzähler fühlt sich von diesem Lyriker und gescheiterten Journalisten zwar am Ende verehrt aber auch verfolgt und findet zu seinem Erstaunen keine kryptischen Zahlenspiele eines psychisch Erkrankten, sondern Gedichte in dem Stapel Papiere, den ihm Enrique Martin zur Verwahrung schon früher übergab. Vielleicht auch in der Hoffnung auf eine zu spät kommende Anerkennung durch den bewunderten Erzähler. Das Sujet des Literaturbetriebes birgt auch die Gefahr, den Leser auf Dauer als Beschäftigung mit sich selbst zu langweilen. Wenn aber die Selbstreflexivität und Darstellung der Mechanismen des Literaturbetriebes in der ironischen Verarbeitung so meisterhaft karikiert werden, verzeiht man die ansonsten chronische Selbstüberschätzung der Schreiberzunft. Ja, sie wird selbst Bestandteil der erzählerischen Ironie.

Bolaño hatte eine entschiedene Meinung über den Stellenwert eines Schriftstellers.[2] Schreibt er stilistisch gekonnte Prosa über vermeintlich schlechte Dichter und begibt sich aber bei aller Betroffenheit doch in die Position eines Richters? Das wäre ein Manko der Literatur außerhalb und innerhalb ihrer selbst. Die Ambivalenz eines Schriftstellerlebens ist hier das Thema, und Bolaño wusste sicher selbst, dass der Himmel der Literatur nicht nur schwarz oder weiß ist. Eine Hierarchie bleibt letztlich eine des persönlichen Geschmacks. Aber ich weiß auch, dass dies nicht die Meinung der intellektuell beflissenen Literaturkritik ist. Wer kennt sie nicht, die schleimige Spur der Kritik, die das Herzblut der Schriftsteller in die rationale Welt ihres Literaturverständnisses glaubt transponieren zu müssen. Muss ich allerdings als Leser den amerikanischen Lyriker Frank O´Hara (S. 42) kennen um eine Anspielung in Klammern (der Kommentar in Klammern ist ein erzählerisches Element bei Bolaño) überhaupt zu verstehen? Gedichte sind eher Bestandteil des Frühwerks Bolaños, in seinen Erzählungen meidet er sie. Das Entblößende der Lyrik hat ihm wohl zu viel Gefühl und stört beim narrativen, spielerisch ironischen Versteckspiel. Der Leser soll auf der Fährte bleiben, nicht vom Gefühl überwältigt werden. Man muss neidvoll anerkennen, dass Bolaño dies auf höchstem Niveau gelingt und ich fange an, diese Erzählungen zu lieben, weil man sich so schön an ihnen reiben muss. Selbst der Tod Enriques hält den Erzähler nicht von einem ironischen Urteil über seine Lyrik ab. Enrique schrieb nur „im Stil von Miguel Hernández“. Die Wahrheit des literarischen Horizonts steckt in der Beschreibung des Augenblicks, als beide Schriftsteller merken, dass sie nicht in der Lage sind, ehrlich zueinander zu sein. Ein persönliches Problem, kein literarisches! Das Verhältnis von Schriftstellern zueinander ist oft ein prekäres. Es schwankt zwischen Verletzlichkeiten und der Sucht nach unsterblichem Ruhm. Fiktion und Leben sind eben doch zwei unterschiedliche Dinge. Auch die gekonnte Mischung hebt diesen Widerspruch nicht auf. Ihn zu beschreiben, gelingt Bolaño allerdings immer. Eine meisterlich erzählte Étude, ein Klavierstück über „zweitklassige Revolverhelden“ (s. 40).

ZITATE

„Folglich seien alle Lebewesen des Planeten Erde Exilanten“ (S. 52)

„Die Mexikanerin (die purer Sprengstoff war)“ (S. 44)

„Seine Beharrlichkeit (eine blinde unkritische Beharrlichkeit wie bei den zweitklassigen Revolverhelden, die unter den Kugeln des echten Helden sterben wie die Fliegen, aber in selbstmörderischer Manier ihr Ziel verfolgen) machte ihn letztlich sympathisch, umgab ihn mit einer Art literarischem Heiligenschein, den nur junge Dichter und alte Huren zu schätzen wissen.“

[1] Roberto Bolaño: „Exil im Niemandsland“. Stern in der Ferne S. 138 ff.

[2] Stern in der Ferne. Interview im gleichen Band

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