Ein surrealistischer Gedichtband bei Bolaño

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Die aufgeschlagene Seite mit Pierre Unik rechts oben

 

“Dann schaut B sich um und sein Blick fällt auf das Buch, das auf dem Tisch liegt. Es ist ein Gedichtband, eine Anthologie von französischen, surrealistischen Dichtern, ins Spanische übersetzt von dem argentinischen Surrealisten Aldo Pellegrini. B hat das Buch zwei Tage lang gelesen. Es gefällt ihm. Er mag die Fotos von den Dichtern. Das Foto von Unik, das von Desnos, die Fotos von Artaud und Crevel. Das Buch ist dick und mit durchsichtiger Plastikfolie bedeckt. Es ist nicht von B damit überzogen worden (B schlägt seine Bücher nie ein), aber von einem besonders peniblen Freund. B öffnet das Buch an einer zufälligen Stelle und sieht sich von Angesicht zu Angesicht Gui Rosey gegenüber – dem Foto von Gui Rosey und seinen Gedichten – und als er wieder aufschaut, ist der Kopf seines Vaters verschwunden.”

Dieses Zitat stammt aus der Erzählung “Últimos Atardeceres en la Tierra”, zuerst 2001 in dem Erzählband “Putas asesinas” erschienen und 2006 auf Englisch als “Last evenings on earth”. Ich würde den Titel mit “Letzte Abenddämmerungen [oder Sonnenuntergänge] auf Erden” übersetzen, aber bisher gibt es keine deutsche Übersetzung. Bereits 2005 erschien diese Erzählung im “The New Yorker” und den englischen Text dort habe ich einfach als Übersetzungsvorlage für den obigen kleinen Absatz genommen. Er reizte mich auf unterschiedliche Weise: ein lakonisch, trockener Tonfall, kurze, feststellende, beinahe nichtssagende Sätze. Sie erinnern mich an den Stil des “Lumpenromans”, die räumliche Situation in einem Restaurant auch an das Frühstück mit der Direktorin in der Erzählung “Gomez Palacio”. B hat mit seinem Vater auf der Fahrt in die Ferien nach Acapulco zum Essen Halt gemacht. Sie essen ebenfalls surrealistisch exotisch: “iguanas” (Leguane).

An dem Buchzitat ist interessant, dass der Surrealismus innerhalb des zitierten Buches auf die Atmosphäre außerhalb, nämlich die des geschilderten Essens in dem Restaurant übergreift, ja eigentlich den ganzen Erzählstil der Geschichte kennzeichnet. Gerade mit dem kurzatmigen Stil gelingt Bolaño es vortrefflich, eine irritierende, undurchsichtige Atmosphäre zu erzeugen. Der Leser könnte sich selbst in einem surrealistischen Gemälde oder einem Gedicht wiederfinden, wenn er diese Erzählung liest. Insofern ist das fast absichtslos auf dem Tisch liegende Buch geradezu eine Art Schlüssel und der Name Gui Rosey darüberhinaus so etwas wie ein von der Novelle her bekannter “Falke”. Der junge, 22jährige Mann, der mit B. bezeichnet wird, liest auch immer mal wieder im Verlauf der Ereignisse darin.

Die Ereignisse selbst sind relativ unspektakulär, auch ähnlich wie in “Gomez Palacio”, zumindest so erzählt, als betrachte der Erzähler diese Figur aus weiter Ferne, gar von einem anderen Planeten. Ein protokollartiges Festhalten der inneren und äußeren Wahrnehmungswelt des jungen B., personalisiertes Erzählen in einem diesmal ungewohnt akribisch eingehaltenen Präsens. Dieser B. zeigt viele biographische Ähnlichkeiten mit Bolaño selbst, Chilene, wohl 1953 geboren, Anfang der siebziger Jahre in Mexiko-Stadt lebend und der Vater Léon Bolaño war auch Boxer im Halbschwergewicht, wie der Vater in der Erzählung. Dennoch ist natürlich auch dieses Ich ein verschriftlichtes, das ein reales nur zum Ausgangspunkt nimmt. Das Verhältnis zu diesem Vater ist im Text mehr als gespannt. Der Gedichte lesende langhaarig, schlaksige Sohn passt so gar nicht zum einfachen, zupackenden Vater, und so gewinnt die Erzählung durch diesen ständigen Kontrast des fast noch jugendlichen Innenlebens mit der realen, harten, unverrückbar scheinenden Außenwelt des Vaters ihren Reiz. Dennoch ist das Verhältnis zum Vater auch in einem positiven Sinne ambivalent, denn die Eindeutigkeit und Stärke der Persönlichkeit des Vaters faszinieren auf der anderen Seite und wie die meisten aus eigener Erfahrung wissen, gelingt das Loslösen von einer Vaterfigur selten ganz. Die Familie bleibt meist ein nicht auszuklammerndes Band. Die Urlaubszeit in Acapulco verbringen die beiden in einem Touristenhotel mit Pool, treffen einen der dort bekannten Ex-Felsentaucher, mit dem sie nicht nur Essen gehen, sondern am Ende auch ein Bordell besuchen, in dem das übliche passiert und angeboten wird: Blow Jobs, Hinterhofficks und illegales Kartenspiel. Der junge B. scheint bei diesem Anlass seine ersten käuflichen, sexuellen Erfahrungen zu machen, wobei offen bleibt, ob er sich nur wegen des Alkoholgenusses oder der geschlechtlichen Einlassungen letztlich übergeben muss. Die Erzählung endet mit einem gewalttätigen Streit über den Spielgewinn des Vaters mit fremden Mitspielern, wobei der Ausgang des Kampfes offen gelassen wird, denn der letzte Satz lautet: Und dann beginnt der Kampf.”  Der Mut des Vaters, trotz zerrüttetem Vater-Sohn-Verhältnis, bleibt eine gegen die absurde, sinnlos und kalt erscheinende Welt aufrechterhaltene Tugend.

Die eigentlich zentrale Metapher, nämlich die des immer gegenwärtigen Todes, findet sich aber in der Figur Gui Roseys aus dem Gedichtband. In einem kurzen, ebenfalls im Präsens erzählten Absatz, schildert Bolaño das plötzliche Verschwinden des surrealistischen Dichters auf der Flucht mit anderen Surrealisten vor den Nazis  in Marseille während des Zweiten Weltkrieges. Einmal mehr weist die Verknüpfung mit diesem verschwundenen Poeten auf den labilen Status des eigenen, wie von einem immer mitgedachten Ende aus gesehenen, Schreibens bei Bolaño selbst hin.

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