Früher Text: Jugend, Sex und Idealismus

Warum nicht wenigstens den Traum davon festhalten, wie ich es mir vorstelle, mit ihr zu schlafen. Wenn nur nicht diese Sprache, diese Wortwahl wäre, die immer genau das korrumpiert, was ich ausdrücken möchte. Mal ist sie zu grob, mal zu sentimental romantisch, mal beschönigend ungenau, dann wieder zu präzise im falschen Moment. Aber da setzt sich wohl nur ein allgemeines Dilemma fort, vielleicht spiegelt die Sprache nur die Schwierigkeit, Liebe und Sexualität zu verbinden. Kann man zärtlich sein, verträumt und gleichzeitig gierig vor Lust? Geilheit und ein zärtliches Gefühl, wie oft schließen sie sich aus, wie oft empfindet man sie nur fein säuberlich hintereinander. Es muss eine alte Utopie sein, Traum und Realität miteinander zu vereinigen. Die romantische Liebe scheint immer so sehr von der körperlichen getrennt und doch ist nur das Grenzen auflösende, zusammenfließende Erleben die einzig wesentliche Erfahrung. Erotik ist undenkbar, ohne der sexuellen Komponente das Gefühl, die Persönlichkeit hinzuzufügen. Sie hebt die Grenze zwischen Körper und Seele, zwischen reiner Lust und liebendem Gefühl auf, überschreitet sie zumindest als das, was den Reiz, die Atmosphäre einer Situation ausmacht, sie lässt uns die Möglichkeit zu träumen. Pornographie entpersönlicht den Menschen, macht ihn zum plumpen Lustobjekt, zu einer sexuellen Maschine. Ich aber wollte sie anders lieben, grenzenloser und doch nicht weniger geil.

Der Mensch ist eine merkwürdige Mischung. Seine Träume sind das Sprungbrett des Unmöglichen, Wirklichkeit zu werden. Der Traum aber ist ein bunter Schmetterling, auf den tausend Kescher warten, ihn einzufangen, tausend Füße, ihn zu zertreten, tausend Nadeln, ihn aufzuspießen. Was für ein bitterer Geschmack, ihn zu verlieren, ein stummer, trockener Mund. Ich sehne mich nach der Zeit, als die kleinste Berührung eine so unendlich große Bedeutung hatte, eine Spur von Wahrheit in ihr lag und immer noch möchte ich meinen Kopf ganz sanft auf ihren Bauch legen; aber ich möchte ihr auch die Augen verbinden, ihren nackten Hintern in meinen Händen halten, ihren Nacken küssen, nichts als ein aufregendes Spiel, eine Inszenierung meiner Wünsche. Vielleicht geht sie irgendwann einmal vor mir die Treppe hinauf ins Schlafzimmer und wie immer werden mich die Bewegungen ihres Hinterns faszinieren. Oben angekommen ziehe ich sie langsam aus. Das Aufknöpfen ihrer Bluse, das Öffnen ihres Büstenhalters, die Lust auf die Haut unter dem Stoff, ungeduldige Finger, deren Hast man zügeln muss. Wenn sie vollkommen nackt ist, verbinde ich ihr mit einem Tuch die Augen. Ich beginne ihren Nacken und ihr Ohr zu küssen, umschließe die ganze Ohrmuschel mit meinen Lippen, während meine Zunge darin umher fährt bis alles nass ist. Sie muss sich im Bett auf den Bauch legen und die Beine weit auseinanderspreizen. Meine Lippen fahren ihren Rücken hinab, ich küsse ihre Pobacken und ziehe sie mit den Händen leicht auseinander. Ich lasse meine Zungenspitze immer wieder über ihre empfindlichste Stelle gleiten und wiederhole dieses Umspielen mehrere Male bis die Schamhaare zwischen ihren Beinen von Schweiß und Speichel feucht sind. Möglicherweise haben wir uns geeinigt, dass niemand ein Wort sprechen darf und erst, wenn ich sicher bin, wie erregt auch sie inzwischen geworden ist, ziehe auch ich meine Hose aus und lege mich auf sie. Ob wir uns hinterher zulächeln würden, weil es schön war?

In der Phantasie ist alles leicht, nicht dass wir den anderen zu einem willenlosen Objekt degradieren können, aber er ist ein Teil der eigenen Gedanken. Es ist wie eine Ebene, auf der man voraussetzt, wir könnten gegenseitig unsere Gedanken lesen, unsere Hemmungen vergessen, die Gewissheit haben, wie sehr uns jemand wirklich liebt, und dass jede Unzulänglichkeit unserer Körper aufgehoben wäre durch ein miteinander verschmelzendes Gefühl, sich einfach zu verstehen. In jener Welt könnte man auf jeder Wiese miteinander schlafen, während unzählige Spaziergänger auf den Fußwegen vorübergingen.

Dann träume ich, in ein schwarzes, unendlich tiefes Loch zu fallen. Das Fallen dauert schon eine Ewigkeit und es ist keine Frage, dass ich beim Aufprall wohl sterben werde. Aber solange ich falle, habe ich den wahnwitzigen Gedanken, es könnte eine Möglichkeit geben, dem Tod zu entrinnen. Wenn dort unten der Mensch stünde, den ich liebe und mich auffangen würde. Die Angst ist so schrecklich und die Zweifel rasen hoffnungslos durch meinen Kopf. Alles scheint sinnlos, aber als ich erwache, fühle ich, dass ich in ihren Armen liege und sie lächelt mich an und sagt: “Hast du wirklich geglaubt, ich würde nicht da sein?”

(ca. 1977)

PS:

Dann schreibt 30 Jahre später ein anderer den Satz:

Angeblich verraten Träume, in denen wir fliegen oder fallen (oder in der Öffentlichkeit nackt sind) Bedürfnisse, die dann im Ausdrucksgeschehen je auch ihre Angstaspekte enthüllen.

Rainer Rabowski: Perversionen (2007). Prosatext aus dem Band “Haltestellen”: Mirabilis 2013. S. 18

Da treffen sich dann verspätet die naiv-spätpubertären Wunschvorstellungen mit einer sich sprachlich kühl präzisierenden Selbstbeobachtung.

Billy Joel: “She is always a woman” aus dem Album “The Stranger”(1977)
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