Joachim Meyerhoff: Ich brauche das Buch

Ich habe mir heute nur die beiden ersten Lesungen beim diesjährigen Bachmannpreis auf 3sat angesehen, mehr Vorlesekost auf einmal benebelt eigentlich das ohnehin schon überstrapazierte Multimedia-Matsch-Gehirn des Literaturinteressierten. Diese beiden ersten Vorträge haben mir aber, so verschieden sie auch in ihrer Thematik waren, recht gut gefallen. Wobei der erste Text von Larissa Boehning mir der von seiner Zugänglichkeit her kompliziertere erschien. Setzte dieser erste auf makabre Verstörung und latente “Kapitalismuskritik”, indem sich ein ungleiches Paar gegenseitig hinters Licht zu führen versucht, der männliche Part, ein Erbschleicher, ist abgebrüht auf Pekunia aus, während die ältere Frau in einem Puppenwolkenkuckucksheim deftige bayrische Gerichte auffährt und ihren jüngeren Lustbreiter damit an sich und ihr eigenes Großbürgerheim zu ketten versucht, erzählt der zweite Text zunächst einmal unspektakulär von einem Buch. Das so ein Buch aber auch eine ganze Welt in sich tragen kann, das bewies der Wiener Schauspieler Joachim Meyerhoff gekonnt mit seinem Text und vor allem durch den unwahrscheinlichen Drive seiner Stimme und die Art seines Vortrages. Manchmal muss man sogar stehlen, um sich eine solche Welt zwischen den Buchdeckeln zu erobern. Als dann die üblichen, unvermeidlich wie immer fest vorgesehenen Jurykritiken einsetzten, kam mir bei deren meist sehr klugen Analysen der schlichte Gedanke, dass mir das Vorlesen an sich gefällt, aber nur so lange ich nicht ständig auf Werten, Abwägen und eventuelle Preiswürdigkeiten achten müsste. Es geht doch um Erzähltes und dieses könnte eigentlich ganz ohne Hierarchie nebeneinander bestehen. Was mir schon immer, und ich glaube auch den teilnehmenden Autoren und Autorinnen selbst suspekt bleibt, ist das Bewertungskorsett. Es hat etwas Pädagogisches, etwas in der Art Noten zu vergeben. In Wahrheit braucht die Literatur aber keine Noten, sondern Zuhörer. Wer einen Vortrag weniger gern hört, hat das Recht einzuschlafen. Was die Autor(inn)en aber bräuchten ist eine aufbauende Kritik, eine, an der man wachsen könnte. Die Wertung aber und das Verbot einer Kommunikation zwischen Vortragendem und der Jury verhindert gerade diese konstruktive Art eines Austausches. Das erste Highlight der 37. TDDL war deshalb auch für mich der kurze Dialog Joachim Meyerhoffs mit den Juroren und sein Beitrag “Ich brauche das Buch”. Allein der Titel ist in seinem Pragmatismus ein Postulat für diesen Gegenstand aus Papier schlechthin. Hier der Text und der Link auf seine heutige Lesung. Ich bin gespannt, was die weiteren zwei Vorlesetage noch so bringen.
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