Ein früher Fall von korrumpierter Kommunikation

Vorgestern am Sonntagmorgen auf 3sat lief schon früh um 6.55 Uhr der Thementag “Sagenhaft”. (Depuis) “longtemps je me” (lève) “de bonne heure”, und so hatte mich der erste Film mit dem Titel “Die missbrauchten Liebesbriefe” nach Gottfried Kellers gleichnamiger Novelle neugierig gemacht. Ohne Neugierde ist der Mensch bekanntlich so gut wie tot und das Faible für alte Schwarz-Weiß-Filme tat ein Übriges. Liebesbriefe waren schon immer ein beliebtes und weit gestreutes Sujet auch in der Literatur. Was erinnere ich spontan an Briefromanen? Choderlos de Laclos, Abaelard und Héloise, Stefan Zweigs “Brief einer Unbekannten” und natürlich ganz frisch im Gedächtnis, aber leider noch nicht frisch gedruckt: “Punk Pygmalion”. So muss auch dieser Film mit seiner ausgeprägten Erzählstruktur eben eine von Kellers Erzählungen des Novellenzyklus “Die Leute von Seldwyla” zur Vorlage haben. Der große Schweizer Dichter des 19. Jahrhunderts erinnert mich auch an meine frühe obligatorische Schullektüre, die aus den Reclam-Heftchen von Storms “Schimmelreiter”, Fontanes “Unterm Birnbaum” oder Jeremias Gotthelfs “Die schwarze Spinne” bestand, nicht zu vergessen “Das Fräulein von Scuderi” von E. T. A. Hoffmann. Mit dieser Auswahl könnte man beinahe allein seine Generationszugehörigkeit beweisen. Wäre man doch so zeitlos wie die “große” Literatur. Nun aber zum frühen Film mit dem raffinierten Missbrauch.

Paul Hubschmid     Anne-Marie Blanc

Der Kaufmann und hochtrabende Möchtegern-Schriftsteller Viggi schreibt seiner Frau Gritli von einer Geschäftsreise erbauliche Liebesbriefe, damit diese bei der Beantwortung ihr eigenes Schreiben und das Verständnis für (seine) Literatur schulen soll. Den verbalen Ergüssen ihres Ehegatten steht die eher praktische Ehefrau hilflos gegenüber. Sie schreibt die Briefe Viggis ab und schickt sie als ihre eigenen dem schüchternen Lehrer Wilhelm. Der entbrennt nun seinerseits für Gritli und schreibt ihr ehrliche Liebesbriefe von ganzem Herzen, die Gritli nun wiederum als die ihren an ihren Ehemann Viggi schickt. Ein Dreiecksverhältnis, dessen Schriftfäden die Ehefrau zwar zunächst noch in der Hand behält, jedoch nicht ohne auch Gefühle für den sympathischen und bescheidenen Wilhelm zu entwickeln.
Ein Kommunikationsstrang, wo gleich zweimal die Geschlechtszugehörigkeit vertauscht wird, da fragt man sich, ob Text wirklich so korrumpierbar ist, dass niemand etwas davon merkt. Ich würde diese Frage nach jüngster Erfahrung mit einem eindeutigen Ja beantworten. Texte sind leeres Rohmaterial und werden erst durch die Phantasie wieder lebendig. Eigentlich tröstlich zu wissen, dass die kommunikative Täuschung keine Erfindung des digitalen Internetzeitalters mit seinen Fallstricken der Anonymität ist. Schon im analogen Briefverkehr gab es Rollentausch und Mann oder Frau konnte dem Geschriebenen ein neues Geschlecht zuweisen. Manche gehen schlicht soweit zu sagen, jede Kommunikation sei notwendig Täuschung und es käme lediglich zum Austausch reziproker Projektionen des jeweils anderen. Möglicherweise gehört doch so etwas wie eine nonverbale Komponente wie gegenseitiges Vertrauen dazu, die Bindung an etwas Außerschriftliches wie Informationen über einen Autor, um eine der wahren Urheberschaft nicht verpflichtete Absicht des Erzählens zu erkennen. Aus der Botschaft allein ließen sich nur logische Schlüsse ob ihrer Integrität ableiten, und dass Wahrheit allein an ihrer Logik gemessen werden kann, wage ich zu bezweifeln.
Dieser alte, charmante Schweizer, man möchte fast sagen Heimatfilm, von Leopold Lindtberg aus dem Jahre 1940, mal Komödie, dann wieder Liebesgeschichte, und zwischendurch viel Ironie über den aufgeplusterten Literaturbetrieb mit seinen überheblichen Zirkeln voll nationalem Standesdünkel, ist jedenfalls eine gelungene Literaturverfilmung. Bei allem Zeitkolorit und Kitsch überzeugt vor allem die Regie und die ausgezeichnete Kameraarbeit mit vielen, recht künstlerisch in Szene gesetzten, Schwarz-Weiß-Kontrasten.
Mittlerweile brütet draußen die Sonne bei 30° und ich schreibe über alte “Schmachtfetzen”, aber diese anderthalb Stunden am frühen Sonntagmorgen bereue ich nicht. Dies ist sicher nur ein Hinweis für Filmnostalgiker, aber falls er mal wieder im Fernsehen läuft, es lohnt sich durchaus.
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