Vom Vorwort zu Roman und Autor: ein Rätsel

Die Verfilmung ist grauslich, das Buch eine Art Autobiographie, die, wenn sie gut ist, aus dem Leben einen Roman macht, und das hier zitierte Vorwort soll etwas chiffriert ein Rätsel für den “wohlwollenden” Leser dieses Blogs sein, um welchen Autor und um welches Buch es sich denn handeln könnte? Ich glaube zwar, dass es zu einfach ist, aber dieses “Geleitwort zur illustrierten Ausgabe” gefiel mir beim erneuten Lesen doch recht gut.
“Ich möchte, dass irgendein wohlwollender Leser dieses Buches mir erklären würde, weshalb “…” ein “Bestseller” in 28 Sprachen ist. Ich habe vielen Lesern und Kritikern diese Frage vorgelegt, aber bisher vergebens. Niemand scheint mehr darüber zu wissen als ich, das Rätsel bleibt bis auf weiteres ungelöst.

Die einzigen Erklärungsversuche, die mir bisher begegnet sind, besagen ungefähr dies: “Das Buch ist anders als irgendein Buch, das ich bisher gelesen habe”, oder: “Dieser Mann ist ganz anders als alle Leute, die ich bisher getroffen habe.” Ein überschlauer amerikanischer Kritiker hat versucht, sich aus der Affäre zu ziehen, indem er die Theorie aufstellte: “… existiert überhaupt nicht.” Ich muss zugeben, dass diese Hypothese mich zu scharfem Nachdenken veranlasst hat. Ich empfehle sie aufs wärmste der wohlwollenden Erwägung von Interviewern, Photographen, Autogrammjägern, Chiromanten, Agenten für Filmgesellschaften und Vortragsreisenden in Amerika sowie allen Heldenverehrern um jeden Preis. Auch rate ich Ihnen, einen wenig bekannten Brief Petrarcas zu lesen aus seinen “Epistolae familiares”, in dem er sagt, dass die gelehrten Leute seiner Zeit meist wenig von den Schriften eines Mannes hielten, sobald sie ihn auch nur ein einziges Mal gesehen hätten. Weshalb so viel Wesens um mich machen? Was sollte heute aus mir werden, wenn mir in meinem alten Kopf nicht genug Sinn für Humor geblieben wäre, um zu sehen, dass das Ganze ein Scherz ist? Ach, das kam alles zu spät! Ich bin zu alt, um eitel, zu alt, um ein “Bestseller” zu sein. Nur ein wundersames Abenteuer mehr auf meinem Wege durchs Leben, vor dem großen Abenteuer am Ende der Fahrt, dem wundersamsten von allen! Eine Enttäuschung mehr auf der langen Liste, noch ein Fiasko vor dem Ziel, ein zerbrochenes Spielzeug mehr vom verwelkten Weihnachtsbaum des Lebens in der Hand des vom Schicksal verwöhnten Kindes! Sieht sie es denn nicht, die launische Göttin, dass ich zu alt bin für Spielzeug, zu alt, um betört zu werden? Weiß sie nicht, dass ich zu viele “Bestseller” in die Ecke warf, um nicht gelernt zu haben, wie wenig sie wiegen: dass ich längst entdeckt habe, dass der starke Absatz eines Buches kein besserer Anhalt für seine Beurteilung ist, als die Zahl der Patienten für die Bewertung eines Doktors, und dass es in keinem dieser Fälle genügt, sich nur auf das Zeugnis der Lebenden zu verlassen… Es bedarf einer weiteren Generation von Lesern und Kritikern, um den Wert eines Buches festzustellen, und dann mag sich Gott erbarmen über uns “Bestseller für einen Tag”!

Ich bin kein Bücherschreiber und hoffe, nie einer zu werden. “…” (Das Buch) war das Ergebnis eines unvorhergesehenen Zwischenfalls, während ich mich im zunehmenden Dunkel unter Hämmern und Zahnrädern zurechttastete, um in harter Arbeit das Maschinenschreiben zu lernen; man hatte mich ermahnt, es sei die höchste Zeit. Ich war viel zu emsig beim Überwachen der Akrobatik meiner zehn täppischen Finger, um auf das launische Versteckspiel zwischen Wort und Gedanken dort hinten in meinem Kopfe viel zu achten. “Ich habe nie über das Denken gedacht”, sagte Goethe. Aber dann und wann hörte ich zwischen den Hammerschlägen den Schlag meines Herzens.

Doch die Hauptschwierigkeit beim Schreiben dieses Buches war das Stillsitzen, ich schien immer unterwegs von einem Ort zum anderen. “Meine Gedanken schlafen ein, wenn sie und ich nicht wandern”, schrieb Montaigne. Wie oft musste ich mitten in einem Kapitel über etwas ganz anderes flugs nach Lappland aufbrechen, ein paar Trolle und Wichtelmänner besuchen oder einen Bären interviewen – im nächsten Satz durch die Blaue Grotte schwimmen – nach dem armen J. sehen, dem kranken Gorilla in Paris – zwischen zwei Kommas von den Eishängen des Montblanc herunterrollen – und mir dann und wann den Gaumen kühlen mit einem Glas Vino Vecchio unter der Pergola von … Während ich noch oben im Mondschein der schönen Gräfin in ihrem Schloß in der Touraine den Hof machte, gelang es mir, die beiden Särge im Heidelberger Zuge zu vertauschen, die Nonne im Kloster der Sepolte Vive im choleraverseuchten Neapel zu küssen, ehe ich im verschütteten Messina auf der Matratze meines Busenfreundes A. einschlief, der acht Menschen ermordet und mir fünfhundert Lire geliehen hatte. Die Nacht war unruhig, im Traum war ich wieder in der Avenue Villiers, angstbebend vor der furchtbaren Mamsell A.
Mitten in meinen Irrfahrten, auf der suche nach Inspiration von der Schreibmaschine aufblickend sah ich plötzlich zu meiner Verwunderung das ganze Zimmer voller Leute, Straßenfeger und Drehorgelmänner aus dem Quartier Montparnasse, heruntergekommene Straßenmädchen aus Pariser Vorstädten, Totengräber vom protestantischen Friedrof in Rom, stöckerige Alte aus dem Asyl der “Kleinen Schwestern der Armen”, schäbige Mönche und fromme Brüder, Straßensänger, blinde Bettler, Idioten, Krüppel und allerlei arme Tröpfe aus den Armenvierteln Neapels. Einer wischt sich eine Träne, ein anderer reißt einen Witz, ganz wie in alten Tagen. Sie sagten, sie seien alle tot, aber es sei besser so. Sie hätten nun reichlich zu essen, nichts zu tun den lieben langen Tag und könnten sich herumtreiben, wie sie wollten, wie es Tote so zu tun pflegen.
So wollten sie denn für einen Augenblick hereinschauen, um mir bei meinem Buche zu helfen. Sie wollten doch einen Freund aus alten Tagen nicht im Stich lassen. Sie meinten. ich solle diesen kümmerlichen Planeten ohne viel Aufschub verlassen und mit ihnen in ihr neues Quartier kommen. Kein Grund, sich zu beunruhigen, die Reise sei ganz leicht. Sie hätten allen Anlass, zu glauben, dass ein Wort der Empfehlung von einem der Ihren mir sehr nützlich sein würde bei den Passbehörden, die übrigens viel nachsichtiger und gemütlicher seien als ihr Ruf – solange man kein Geld bei sich trüge. Ich dankte ihnen herzlich für diese Mitteilung und hämmerte weiter auf meiner Schreibmaschine, rascher als zuvor. Plötzlich wurde es um mich her finstere Nacht, alle waren verschwunden, und ich war allein mit meiner Furcht. Ich streckte die Hand aus, da kam mein alter Hund und legte seinen Kopf auf mein Knie. Ich summte Schuberts “An die Musik” vor mich hin, um so zu tun, als hätte ich keine Angst – und begann das nächste Kapitel des … (Das Buch).

Als mir schließlich das lange Manuskript vorgelesen wurde, fiel mir der alte Doge von Venedig ein, der beim Anblick von Tintorettos Fresken, die seine vielen Taten und Siege verherrlichten, mit ehrlichem Staunen fragte, ob das wirklich er gewesen sei, der alles dies vollbracht habe. Aber als ich diese krausen Aufzeichnungen bis zu ihrem bitteren Ende zum ersten Mal im kritischen Licht meiner eigenen Augen las, überkam mich das unbehagliche Gefühl, dass ich in diesem Buch als ein viel besserer Mann erscheine, als ich es im Leben gewesen bin. Ich möchte den Leser warnen, dass er nicht all die schönen Dinge glauben soll, die ich da über mich selbst mit sehr unenglischem Wortschwall vorgetragen habe. Ich bin mir nicht bewusst, meinen Lesern glatte Lügen erzählt zu haben. Wo ich sie getäuscht habe, bin ich selbst getäuscht worden von dem besseren Menschen, der ich hätte sein können.
In einer Hinsicht wenigstens kann ich mit reinem Gewissen sagen, dass ich meine Leser nicht getäuscht habe – in meiner Liebe zu den Tieren. Ich habe sie geliebt und mit ihnen gelitten mein Leben lang. Ich habe sie weit mehr geliebt, als ich je meine Mitmenschen geliebt habe. Alles das, was das Beste in mir ist, habe ich ihnen gegeben, und ich gedenke, ihnen bis zuletzt beizustehen und ihr Los zu teilen, was es auch sein mag. Wenn es wahr ist, dass es für sie keinen Friedenshafen geben wird, wenn ihre Leiden hier zu Ende sind, will ich für mein Teil um einen Himmel für mich nicht markten. Ohne Furcht werde ich ihnen folgen, wohin sie gehen, und Seite an Seite mit meinen Brüdern und Schwestern aus Wald und Feld, aus Luft und Meer mich niederlegen zu barmherzigem Verlöschen in ihrer geheimnisvollen Unterwelt, gefeit gegen alle Qualen, die Gott oder Menschen verhängen mögen, gefeit gegen alle schweren Träume der Ewigkeit.
Es wird dunkle Nacht sein ohne Sterne und ohne Hoffnung auf ein Morgenrot, aber ich bin schon im Dunkel gewesen. Es wird einsam sein, aber es kann nicht viel einsamer sein als im Leben.

     (Angabe von Ort und Zeit)
Advertisements