Vom künstlichen Leben

“So geschah es, dass ich meine ersten Schritte ins Nichts tat. Meine ersten zögernden Schritte in Richtung Leben, und dabei mein Leben verlassend. Ich setzte den Fuß in die Luft und betrat das Paradies oder die Hölle: den Mittelpunkt.

Alles hier ist die elegante, ironische und geistvolle Replik eines Lebens, das niemals irgendwo existiert hat: mein Haus ist eine rein künstliche Schöpfung.
In der Tat bezieht sich hier alles auf ein Leben, das, wäre es wirklich, mir nichts nützen würde. Was also ist die Vorlage? Wäre es wirklich, würde ich es nicht verstehen, aber das Duplikat liebe und verstehe ich. Eine Kopie ist immer hübsch. Die Tatsache, dass ich von Menschen umgeben bin, die sich teilweise oder ganz der Kunst widmen, hätte mich jedoch dazu bringen müssen, Kopien nicht diesen Wert beizumessen: aber scheinbar habe ich immer die Parodie vorgezogen, sie war es, die mir nützte. Ein Leben zu kopieren gab mir wahrscheinlich – oder gibt mir noch? wie sehr ist die Harmonie meiner Vergangenheit zerstört? – ein Leben zu kopieren gab mir wahrscheinlich nur deshalb Sicherheit, weil dieses Leben eben nicht meins war: es zwang mich nicht zur Verantwortlichkeit.”

aus: Clarice Lispector: Die Passion nach G.H. Roman. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Christiane Schrübbers und Sarita Brandt. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1990. (Originalausgabe 1964)
Edith Werner: Radikal subjektiv – Clarice Lispector. die horen 240 / 2010
Video vom Schweizer Literaturclub über “Nahe dem wilden Herzen” mit Lesung
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