Schnelle Eindrücke zu Lispectors “G.H.”

Das schmale Suhrkamp-Taschenbuch, 150 S. sind nicht viel für einen Roman, auch wenn es auf dessen Kompression ankommt, beginnt mit sechs Gedankenstrichen und der Bewusstseinsstrom einer sich selbst ständig reflektierenden Frau, ihr innerer Monolog, ist auch sein Inhalt. Jedes unbenannte und ungezählte Kapitel beginnt wieder mit dem letzten Satz des vorherigen, als würde ein Erzählfaden wieder aufgenommen, an dessen Ende eine Erkenntnis stünde oder eine lebenswichtige Metamorphose dieses weiblichen Ichs. Hier denkt und schreibt jemand aus einer inneren Not heraus, aus einer in der Phantasie so reichen und doch von einer schrecklichen Leere bedrohten Erfahrungswelt. Schreiben als Akt der Sinnsuche und des Überlebens, keine Fiktion, die sich spielerisch selbst genügt.
G. H., die Initialen auf einem Koffer dieser Person, scheint ein Synonym  für das rein äußerliche Leben der Erzählerin zu sein. Die Introspektion ist somit der Versuch, hinter dem Vorhang des bekannten Ichs ein anderes Selbst zu finden, sich selbst, was immer das auch sein sollte. Das “cogito ergo sum” als erzählerische Suchbewegung und Selbstfindung. Die Verbindung von Philosophie und Introspektion als Weg, ein unbekanntes Ich, dass nicht nur ein Bewusstsein von dem durch andere reflektierte hat, also wie man von jenen gesehen wird und wie man sich in Hinblick auf diese Erwartungen verhält, sondern erst in den eigenen Gedanken zu suchen und zu finden wäre. Ein existentialistisches auf sich selbst zurückgeworfen sein, das aber nicht in den Schranken einer vorgegebenen philosophischen Lehre verharren will. Von Lehren, von Vorgegebenem gilt es sich gerade zu befreien.
Clarice Lispector: Die Passion nach G.H. Roman. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Christiane Schrübbers und Sarita Brandt. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1990
Lispector Die Passion nach G H
(Nur ein schneller Eindruck, bin auf dem Sprung zu einer einwöchigen Rhein-Kreuzfahrt, mehr erst wieder in ca. einer Woche. Das Laptop bleibt zuhause. Ahoi, und lesen sie mal zur Abwechslung brasilianische oder kanadische Literatur, um nicht zu sagen Lispector und Munro.)
Advertisements