Die “Recherche” feiert 100. Geburtstag

Du côté de chez Swann Umschlag 1913

Am 13. November 1913 erschien bei Bernard Grasset in Paris der erste Band eines später mehrere tausend Seiten langen Romans, über 4000 in den deutschen Übersetzungen. Der Autor musste die 1750 gedruckten Exemplare des ersten Bandes “Du côté de chez Swann” selbst finanzieren, denn der in der Lektoratsjury bei Gallimard sitzende André Gide hatte, wie einige der anderen Verlage auch, das Manuskript abgelehnt, vermutlich nicht einmal ganz gelesen. Erst vierzehn Jahre später, 1927, fünf Jahre nach Prousts Tod, sollte der letzte Band seines Lebenswerkes “A la recherche du temps perdu” mittlerweile doch bei Gallimard erscheinen und den Romanzyklus abschließen.
Wenn man mir lediglich gestatten würde, einen einzigen Roman wohin auch immer mitnehmen zu dürfen und nie wieder etwas anderes zu lesen, ich würde mich für die “Recherche” entscheiden. Der Roman scheint mir in seiner Durchdringung menschlicher Gefühle und Beziehungen bei gleichzeitiger Darstellung des ganzen Gesellschaftspanoramas seiner Epoche an Tiefe unübertroffen. Ich bin bei weitem kein Proustianer, aber was uns in der Jugend bereits so nachdrücklich begeistert hat und vor dessen Werk man sich kleiner als eine Kirchenmaus fühlte, dessen Einfühlungsvermögen bei der Beschreibung seiner Charaktere ungläubiges Staunen hervorrief, dessen Werk sich dem eigenen Leben unbemerkt assimiliert hat, der bleibt ein Bewunderer, so unzulänglich sein Verständnis dieses Jahrhundertromans auch bleiben mag. Vier Schriftstellernamen hatten, schon bevor ich zwanzig Jahre alt war, einen unwiderstehlichen Klang: Proust, Musil, Joyce und Kafka. Die erste Dissertation, an die ich mich wagte, noch nicht einmal auf der Uni, war eine komparatistische von Gerhard R. Kaiser: Proust, Musil, Joyce: zum Verhältnis von Literatur und Gesellschaft am Paradigma des Zitats. Ich verstand beim Inhaltsverzeichnis schon nur die Hälfte, aber gleichzeitig verspürte ich einen heimlichen Stolz, bereits mit dem Vorsatz der Lektüre einer Dissertation eine gewisse Stufe der akribischen Befassung mit einem Werk erreicht zu haben. Eigentlich interessierte mich vor allem der Proust-Teil darin. Dass man sich an einem so geringen Teilaspekt wie dem Zitat abarbeitete und verschiedene “Birnen- und Apfelsorten” darin verglich, war mir eher unverständlich. Die große Literatur galt mir im eigenen Bewusstsein wie ein riesiger Berg, den man nur erklimmen musste. Bei meiner ersten Lektüre der sieben Bände lag ich 1971 sechs Wochen in einem Kreiskrankenhaus und die sieben weißen Brocken in der Übersetzung von Eva Rechel-Mertens wurden mir nacheinander von Familienmitgliedern wie dem Großvater aus der Kreisbücherei in billigen Plastiktüten ans Bett gebracht. Über die Faszination des Lesens schreibt Proust auf S. 130 in “Unterwegs zu Swann”:
“Das Interesse der Lektüre, die so magisch wirkte wie ein tiefer Schlaf, hatte meine halluzinierten Ohren abgelenkt und den goldenen Glockenton auf der azurnen Fläche des Schweigens einfach ausgelöscht. Schöne Sonntagnachmittage unter dem Kastanienbaum im Garten von Combray, aus denen ich für meinen Gebrauch so sorgfältig alle mittelmäßigen Züge meiner persönlichen Existenz herausgenommen und durch ein Leben reich an Abenteuern und voll merkwürdiger Unternehmungen inmitten einer von lebendigen Wassern durchströmten Landschaft ersetzt hatte, ihr macht noch einmal diese Vergangenheit lebendig für mich, wenn ich an euch denke, und ihr enthaltet sie ja auch wirklich, da ihr sie – während ich in meiner Lektüre fortfuhr und die Hitze des Tages langsam ermattete – nach und nach umfaßt und in das ständig fortschreitende, langsam sich wandelnde, laubdurchzitterte Kristall eurer schweigenden, klingenden, duftenden, durchscheinenden Stunden eingeschlossen habt.”
Nun, einen Kastanienbaum gab es bei mir nicht, ich hätte ihn ohnehin nur draußen im Krankenhausgarten durch die Scheiben blickend sehen können, denn ich lag damals in Quarantäne. Diese aber tat wiederum meinem Lesepensum in der Recherche nur gut. Ich meine mich dennoch zu erinnern, nur die ersten drei Bände bettlägerig gelesen zu haben, den Rest dann später. Auf nur drei Bände hin war “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” auch 1913 noch von Proust intendiert. Mindestens 700 Seiten sollte ein jeder umfassen und Jean Yves Tadié schreibt dazu in seiner Proust-Biographie, in der sich allein sieben Seiten mit der Entstehungsgeschichte der Ersterscheinung befassen:
“Es stellt sich das Problem der Länge. Louis de Robert drängt ihn, zu kürzen: “Das wird jedoch schrecklich sein”, antwortet Proust, “Mein Buch ist ein Gemälde”; an anderer Stelle kommt das Bild vom Wandteppich vor, den man nicht zerreißen darf. Als Lauris* ihm zu kleinen Bänden rät, will er nicht unter 500 Seiten gehen, trauert aber den 700 Seiten nach, die einen Band ausmachten, der doch “so gut ging”. Ebenso wehrt er sich gegen jede Kürzung aus moralischen Gründen: “(…) ich gehorche einer allgemeinen Wahrheit”. Schließlich ist es ein Band von 537 Seiten, der im November 1913 erscheint.”
Recherche Ersterscheinung TitelblattKurios ist auch andererseits, dass im Gegensatz zum Umschlag, der die römische Jahreszahl MCMXIII als Erscheinungsjahr trägt, auf dem Titelblatt selbst schon 1914 erscheinen wird. Neben dem erwähnten Georges de Lauris gibt es ein ganze Reihe von illustren Persönlichkeiten, die Widmungsexemplare der ersten Ausgaben erhalten. Diese “wurden den Empfängern von einer neuen Teilzeitbediensteten namens Céleste Albaret direkt ins Haus gebracht, schreibt Tadié. Wie bekannt, wurde diese junge Frau seine Haushälterin, die ihn bis zu seinem Tod versorgte. Vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges wurden immerhin ca. 2800 Bände verkauft. Es wird nun bis 1918 dauern, ehe der zweite Teil unter dem ornamentalen Titel “À l´ombre des jeunes filles en fleurs” bei Gallimard erscheint. 1919 gibt es dafür endlich auch die erste nationale Anerkennung in Form des Prix Goncourt. Oft habe ich mir vorgenommen, die schon im Titel eher sachlich klingende Übersetzung Walter Benjamins von 1927 dieses zweiten Bandes  “Im Schatten junger Mädchen” im Vergleich mit den bekannten zu lesen, leider ist das bis heute ein nicht verwirklichtes Vorhaben geblieben.
Man sollte gar nicht erst versuchen, andere Leser vom Lesen der “Recherche” überzeugen zu wollen. Viele scheitern schon beim Hineinlesen an dem wurmfortsatzartigen Satzbau oder der ausufernden Beschreibung nicht enden wollender Details. Proust ist immer eine Herausforderung, allerdings eine, die es unter jeden Umständen wert ist, angenommen zu werden. Einer, der ebenfalls neben Gide ablehnenden Lektoren mokierte sich über den Autor, er bräuchte gleich zu Anfang 30 Seiten für die Beschreibung, sich im Bett von einer Seite zur anderen zu drehen. Ich würde ihm erwidern, bräuchte er 3000 Seiten für einen einzigen Wimpernschlag, ich würde mich süchtig auf sie stürzen.
* Marquis de Lauris, Georges (1876-1963). Autor und Kritiker. Enger Freund von André Gide und Marcel Proust. Das Ehepaar de Lauris diente Proust als Vorbild für Robert de Saint-Loup und Gilberte in der “Recherche”.
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