Weihnachtsgrüße vom Rotkehlchen

Ich bin zerbrechlich wie der Zweig, auf dem ich mich festgekrallt habe. Unten auf der von Bäumen umstandenen Wiesenfläche steht mein Freund der Schneemann, den die Menschen gebaut haben. Er sieht lustig aus von hier oben mit seiner grünen Zipfelmütze und dem blauen Schal. Wem die Sachen wohl gehört haben mögen? Ich hoffe sie halten ihn warm, Bewegung hat er ja nicht viel, wie er da so festgewurzelt und einsam auf seiner schneebedeckten Wiese steht. Mich schützt nur mein aufgeplustertes Gefieder vor der Kälte. Weil mein Hals und meine Brust so rötlich scheinen, haben die Menschen mich Rotkehlchen genannt. Wenn sie doch ihre Welt auch ein wenig wie ich aus dem Himmel heraus sehen könnten, dann wüssten sie vielleicht besser, dass nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Erde, auf der sie herumlaufen, schutzbedürftig ist. Ich werde dem Schneemann ein Weihnachtslied singen, das wärmt ihn und vielleicht auch den ein oder anderen Menschen. Innere Wärme haben sie doch alle am nötigsten, diese nackten Zweibeiner und wenn ich alle sage, dann meine ich auch alle. Heute am Heiligabend hocken die meisten allerdings in ihren warmen Stuben und versuchen sich bei ihren Geschenken gegenseitig an Größe zu übertreffen, als könne man am Umfang des Reichtums und der Berühmtheit irgendetwas ablesen. Sie wissen es nicht besser. Wenn ich Glück habe, kommt aber noch die Frau aus der hinteren Gartentür und wirft etwas Vogelfutter in den Schnee. Schneemänner brauchen das nicht, sie können nur vom Frost nicht genug bekommen, aber ich brauche Nahrung im Winter umso dringender, sonst sterbe ich. Tief in ihnen drin sind die meisten Menschen gar nicht so schlecht, wenn ihr Herz gegen alle Vernunft für so etwas Kleines und Unnützes wie mich schlägt. So will auch ich den Menschen in all ihren Häusern auf der ganzen Welt Frohe Weihnachten wünschen!
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