Der empirische Autor: eine obsolete Instanz?

Gedanken hat jeder, aber muss man sie aufschreiben wollen in einer Welt, in der auch das Wort heute zur Ware verkommen ist? Macht es Sinn, Selbstgespräche in einer Fiktion objektivieren zu wollen, ihnen Handlung, Beschreibung und Wortwahl zukommen zu lassen? Schriftsteller nennen solche Zweifel Schreibpause, Schreibblockade oder Schaffenskrise, um ihren Zustand wiederum selbst in unnützen Worten zementiert zu haben. Dann erfinden sie Figuren, Protagonisten, gar fiktive Autoren, hinter denen ihr eigenes, vielleicht sonst sprachloses Ich gekonnt zurücktreten kann. Schriftstellerinnen und Schriftsteller sprechen nie selbst, sie sprechen durch fiktive Personen, Haupt- und Nebendarsteller, jede noch so periphere Randfigur, hat mit ihnen selbst nichts zu tun. Stimmt das uneingeschränkt? Beinahe sieht es so aus, als gelte es für den Schriftsteller sein Autoren-Ich unsichtbar zu machen und für den Leser bliebe die undankbare Rolle, es doch immer mitdenken zu müssen. Schon Oscar Wilde stellt im Vorwort von “Das Bildnis des Dorian Gray” die These auf:
Die Kunst zu offenbaren und den Künstler zu verhehlen, das ist das Ziel der Kunst.
Der Schriftsteller sublimiert und transzendiert also sein eigenes Ich, indem er einen Text schafft, der fortan die Erhabenheit eines abgeschlossenen Kunstwerks hat, das der Leser völlig unabhängig vom Autor, sei er nun empirisch oder fiktiv,  mit Vernunft und Gefühl rezipiert und in seiner Phantasie zu neuem Leben erweckt. Das hieße, dass er die Fiktion nur innerhalb ihrer selbst hinterfragen dürfte, alles darüber hinaus wäre sozusagen unerlaubt. Meine Leseerfahrung sieht jedoch anders aus. Nicht nur, dass ich in den fiktiven Figuren Parallelen zur Realität mitlese (Schlüsselroman), darüber hinaus lese ich die Vita des angegebenen Autors, so ich etwas über ihn weiß, automatisch mit. Ich müsste mir im Falle Oscar Wildes also verbieten, die spektakuläre Autorenbiographie mitzulesen. Das Problem mit dem “Ich” eines fiktiven, personalen oder auktorialen Erzählers aber bleibt, dass seine Figuren noch in der größten Unkenntlichkeit als Nukleus das empirische Ich des Autors in sich tragen. Selbst das Werk an sich, als genuines Sprachkunstwerk, kann die Stimme des Autors nicht gänzlich auslöschen. Wenn man auch nur einmal den fiktiven Mund aufmacht, hat man sich schon versprochen, vielleicht auch verraten. Das einzige Gegenmittel wäre das Schweigen. Das Schweigen aber sieht nicht besonders interessant aus, obwohl ich gerade das friedliche Bild einer unendlich weiten, leeren Schneefläche im Kopf habe. Das entspräche dann dem mich anstarrenden Weiß eines Blatt Papiers oder dieser mich anleuchtenden noch freien Bildschirmfläche, auf die ich jetzt Buchstaben tippe. Leere ist das Äquivalent zum Schweigen, die Unfähigkeit zur Kommunikation, zur Nähe, das muss schon Bergman mit “Tystnaden” gemeint haben. Der Begriff “Sprache” umfasst ja mehr als nur das Verbale, das geschriebene oder gesprochene Wort, die Empirie aber lehrt auch, dass es etwas gibt, von dem man nur schweigen kann. Ein Schweigen ist oft beredter als Worte und wovon man nicht sprechen kann, sollte man schweigen, behauptete immerhin sogar Wittgenstein. Das Jenseits der Sprache lässt sich also nicht leugnen, nur weil es nicht mitteilbar ist. Ebenso wie sich empirische Realität durch das Internet nicht aufgehoben und verflüchtigt hat.
Zum Versteckspiel des Autors in seinen Figuren fällt mir gerade mal wieder Roberto Bolaño ein, dessen Romane oft von einem rätselhaften Schriftsteller handeln, der gesucht wird, und die in dieser Figur nur dokumentieren, dass er selbst gern dieses Rätsel wäre, nach dem er gleichzeitig seine Figuren und den Leser detektivisch suchen lässt. Was die bisherige Rezeption seiner Werke und die Spekulationen über sein Leben betrifft, ist ihm die biographische Mystifikation durchaus gelungen. Überall Komplizenschaft: Der Autor wird zum Komplizen seiner fiktiven Figuren und wir Leser gehen eine Komplizenschaft ein, indem wir selbst zu suchenden Detektiven des Textes werden. Wenn ein Medium, also ein Buch, ein Film oder ein jegliches Kunstwerk versucht, die Welt abzubilden, wird es genauso rätselhaft wie diese selbst. Kann Kunst sich weigern abzubilden, sich mit der eigenen Fiktion begnügen oder ist das auch nur eine Illusion des Künstlers selbst, der unerkannt vor der Welt fliehen will, um sich sein eigenes ungeschorenes Reich zu schaffen? Immer bleibt doch die Wechselwirkung Welt, Wahrnehmung, medialer Ausdruck. Auch die fiktivste Phantasie ist Reaktion, letztlich empirisches Sublimat. Selbst in Tolkiens “Herr der Ringe” soll eine Reaktion auf den Nationalsozialismus stecken. Der Abbildung von Welt kann Kunst sich gar nicht verweigern, das bliebe ein absurdes Unterfangen, denn selbst in der Weigerung würde man ex negativo durch die Auslassung abbilden.
Den Autor wegdenken zu wollen, bleibt ein Taschenspielertrick, der sich selbst betrügt. Ein fiktiver Autor oder eine fiktive Autorin kann andererseits durch kreative Selbstsuggestion, ein erzählerisches Coming out sein und den Schreibimpuls positiv beeinflussen, der empirische Autor wird damit aber noch lange nicht überflüssig und interessant würde es doch, was sein Werk betrifft, nur dann, wenn sich auch der empirische Autor dazu äußern würde und nicht nur das selbst erfundene virtuelle Sprachrohr. Sonst müsste man dem empirischen Autor ob dieser Weigerung unterstellen, das der Hund in Wahrheit gar nicht sprechen könnte.
Es mag für die temporäre Analyse des Textes selbst von Nutzen sein, nicht ständig auf Biographisches außerhalb zu rekurrieren. Loslösen lässt sich ein Text jedoch weder vom Autor, noch von der Welt, selbst wenn ihre Abbildung gar nicht beabsichtigt wird. Jedes Individuum und jeder Text ist Teil eines gesellschaftlichen Ganzen. Da dieses Ganze zu einem medialen Chaos der Kontingenz zerronnen zu sein scheint, in dem nur noch digitale Stellvertreter des eigentlichen Ichs überhaupt miteinander kommunizieren können, schafft man gesellschaftliche Realität und empirisches Autoren-Ich gleich mit ab. Nicht mehr die Größe eines tatsächlichen Ichs ist gefragt, sondern mediale Marktgröße, Steigerung des Wahrnehmungswertes, letztlich Absatz von allem, was man nicht ist. So erscheint der größte Fehler eines Schriftstellers, sich selbst zu meinen und ein authentisches Ich ist gleichsam genauso inexistent, wie eine physische Realität, Authentizität wird zum Schimpfwort. Nur als sich abgrenzendes “l´art pour l´art”, das sich in seiner Kunstfertigkeit selbst erschafft und seinen Manierismus als Abwehr gegen eine absurde Welt feiert, als Tanz um das goldene Kalb der künstlichen Selbstgenügsamkeit, will der Künstler seine Bedeutung steigern und bewundernde Anerkennung finden. Selbst der fiktive Autor ist keine Insel, er wähnt sich nur auf einer, auf der Insel der Fiktion, aber auch er hat seine Wurzeln im empirischen Ich des tatsächlich Schreibenden. Was auch immer geschrieben wurde, hat eine Hand geschrieben, ein menschlicher Geist erdacht, von der stümperhaften, maschinellen Pseudoschüttelpoesie einmal abgesehen.
Zugeben muss man allerdings, dass die Einbeziehung von Aspekten des empirischen Autors in die Analyse eines von diesem eingesetzten Erzählers eine Desillusionierung des Lesers und des Textes gleichermaßen ist. Sie steht der Fiktion diametral entgegen, also auch der von ihr intendierten Illusion. Ich kenne das Unbehagen an literaturwissenschaftlichen Texten, die das gesamte Umfeld über den Text hinaus einbeziehen und in einer unpoetischen Sprache seine Fiktion quasi totschlagen, ein Einbruch von Realität in den Traum. Das Kunstwerk aber ist schon bei seiner Entstehung alles andere als ein autonomes. Es ist in einem wechselwirkenden System entstanden und bleibt auch während der Rezeption durch den Leser darin verankert. Die Phantasieleistung, die es auf beiden Seiten hervorbringt, ist nämlich vom jeweiligen Gesellschaftssystem, den Zeitumständen und dem individuellen empirischen Autor und Leser umschlossen. Sein offener Charakter ist lediglich die unendliche Interpretationsmöglichkeit seiner Zeichen.
Wenn es jenseits der Fiktion keine Realität mehr gäbe, auf die diese sich bezieht, würde die Fiktion selbst von vornherein sinnlos werden oder nichts als ein sich selbst perpetuierendes Wahnsystem sein. Nur noch ein Schmuckkasten der Sprache, in dem man möglichst elegante Reden schwingt. Die Leser werden zu Vergnügungsreisenden im virtuellen Raum, der sich selbst genügt. Das Netz als Chambre séparée für Maskenträger und Schaumschläger, die an nichts anderem interessiert sind, als ihre eigene Legende fortzuspinnen. Wer das Netz nur als Spielwiese und Einladung zur Täuschung versteht, betrügt sich und seine Leser. Die sicher vorhandene Differenz zwischen empirischem und virtuellem Ich (Der “Buecherblogger” ist natürlich nicht zu hundert Prozent identisch mit der Person Dietmar Hillebrandt) ist kein Grund für eine betrügerische Maskerade. Eine syrische Studentin, die live aus Damaskus in ihrem Blog berichtet und hinter der sich ein älterer amerikanischer Journalist verbirgt, bietet außerhalb seiner scheinauthentischen Texte keine tatsächliche Auseinandersetzung mit seiner erlebten Wirklichkeit an, i h r e Sätze mögen auch noch so schön sein und in der Formulierung ihre eigene Ästhetik besitzen. Es ist eine maßlose Überschätzung des virtuellen Raumes Internet, wenn jemand glaubt, damit empirische Realität außer Kraft setzen oder gar abschaffen zu können. Der empirische Autor wird nicht durch einen imaginären Höllen- oder Fenstersturz sterben, sondern durch einen schmerzlich empirisch selbst erlebten. Es kann nicht Sinn der Literatur sein, nur sich selbst zu spiegeln und die Plattform für letztlich egozentrische Scheinexistenzen zu sein.
Dieser Beitrag versteht sich ausdrücklich nicht als literaturwissenschaftlicher, schon gar nicht als ein literaturtheoretischer. Andernorts werden z. B. dualistische Autorenmodelle wie Ecos empirischer  und experimenteller Autor diskutiert, was von dekonstruktiven Ansätzen als inkonsequent gebrandmarkt wird, weil sie alles als Text auffassen und somit jede künstlerische Äußerung nur am Endprodukt des fertigen Textes selbst messen wollen. Mir dagegen, wie schon gesagt, erschiene ein Interpretationsmodell plausibel, dass Produkt und Autor, Leser und Gesellschaft gleichermaßen umfasst, also weder Autor, Text oder Rezeption isoliert betrachtet. Wenn schon Netz, dann gilt die Vernetzung für alles. Zum bloßen Editor degenerierte Autoren sind mir genauso suspekt, wie Texte, die sich angeblich von einer  göttlichen oder literarischen Inspiration beseelt selbst schreiben. Vereinfacht gesagt, jedes Ding hat seine Ursache und seinen Kontext und somit steht auch auch hinter jedem fiktiven Autor ein empirischer und selbst die ganze Welt als Text verstanden ist keine Insel. Sowohl die Bücher, als auch fiktive oder empirische Autoren sind keine Inseln, sie sind durch sich selbst und andere determinierte Kommunikationsformen zu jeder Phase ihres Entstehens oder ihrer Vollendung eingebunden in die Umstände ihrer Zeit. Daran ändert auch ein virtueller Raum wie das Internet nichts, es vereinfacht nur möglicherweise Kommunikationsformen mit täuschender Absicht.
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