Die Vergeblichkeit der Erinnerung VIII

Ulrich_Mutter_Großmutter

Während der Heimreise im gelben Mercedes gingen Ulrich Gedanken an seine Kindheit durch den Kopf. Als Junge am Schwanenteich hatte er nicht nur auf einem kalten Steintisch gesessen und war am Rande einer Kirmes auf einem Kinderkarussell mit geschwollener Brust Mercedes gefahren, sondern ging danach auch mit Mutter, Großmutter und Tante spazieren. Diesmal hievten sie ihn auf die dicken Balken eines aus Birkenstämmen gefertigten Weidezaunes, der aber auch ein Reitturnierhindernis hätte sein können, und stellten sich dann jede auf eine Seite daneben. Das minimierte den Größenunterschied für die fotografierende Tante und der kleine Steppke, der kurz davor eine süße Waffel bekommen hatte, meinte seinem Gesichtsausdruck zufolge nun stolz zu wissen, was für ein Gefühl es wäre, erwachsen zu sein. Er war der Mittelpunkt zwischen den beiden Frauen und hatte nicht nur diese, sondern gleich die ganze Welt im Griff. Allein schon die Höhe der Augen beeinflusste sein Selbstwertgefühl, von dem er jedoch noch gar keinen rechten Begriff hatte. Vielleicht erschien ihm von hier oben alles, was auf dem Boden kroch, irgendwie minderwertig und gerade weil dem kleinen Wesen ein festes, genaues Wertesystem noch ziemlich fremd war, funktionierte die kindliche Psyche beneidenswert instinktiv und automatisch.
Ulrich grübelte mit einer Hand am Lenkrad vor sich hin. Er erinnerte sich aber auch an weniger fröhliche Tage als Babyface, wie jener beim Friseur, als er todtraurig und erschüttert über die Verfügungsgewalt der Erwachsenen jedem einzelnen verlorenem Haar nachgeweint hatte. Die Aversion gegen das Haareschneiden, diese als selbstverständlich vorausgesetzte Bürgerpflicht, zu der ihn sein Vater Jahre später als pubertierender Jugendlicher mit seiner “Beatles-Frisur” fast hin prügeln würde, hatte womöglich an diesem Tag, der fotografisch festgehalten wurde, seinen Anfang genommen. Ulrich entsann sich, das schon diese Kindertage für ihn einen traurig stimmenden Sog aus Fragen beinhaltet hatten: Trugen Träume wie vertrocknete Blumen den Staub von gestern in ein bodenlos blühendes Morgen. Tropften damals Tränen aus Wasserhähnen? Tropften sie auf Worte, die man findet, bevor man erblindet? Fragte der Teddybär den stummen Fisch, warum sagst du nichts? War morgen nicht schon gestern? Fiel der Zinnsoldat über seine Zündhölzer? Brannte der Hexenbaum und seine Rauchschwaden färbten den Himmel dunkel? Schwankten und schaukelten alle Pferde? Fielen selbst die stolzesten Ritter am Ende über ihre Lanzen? Fragen über Fragen, waren sie doch damals alle mehr oder weniger spurlos durch das bei den Befragten hinterlassene Loch im Bauch verschwunden, ohne eine wirklich befriedigende Antwort zu hinterlassen. Er hatte die Erwachsenen in Verdacht gehabt, die Metapher vom Loch im Bauch nur deshalb erfunden zu haben, weil sie selbst auch keine endgültigen Antworten wussten.
Der Vater hatte ihm einmal erzählt, dass dessen jüngere Schwester, also Ulrichs Tante, von den Eltern in ihrer Berufsausbildung bevorzugt worden wäre. Sie hätte die Handelsschule abgeschlossen, während aus ihm ein geknechteter Schusterlehrling geworden sei, den man sogar mit der unattraktiven Tochter des Meisters gegen seinen Willen hatte verkuppeln wollen. Als aus der ersten Liebe der Schwester nichts geworden sei, hätte diese beschlossen, vom Leben in Deutschland enttäuscht, sich ihrer besten Freundin anzuschließen, die nach Amerika auswandern wollte. Dort hätte sie sich später erneut verliebt, diesmal in einen Amerikaner tschechischer Abstammung. In der Zeit, von der der Vater erzählte, gab es noch das gemeinsame Land Tschechoslowakei für Tschechen und Slowaken und nach seiner Meinung, sowie der ganzen zurückgebliebenen Familie, hatte es die Tante zu weit getrieben mit ihrer frühen Privatemigration. Als sie diesen Mann da drüben jenseits des großen Wassers sogar heiratete, hielt man das für ziemlich befremdlich. Ulrich indes profitierte später von diesem Entschluss seiner Tante, denn sie hatte ihren gesamten Bestand an Romanen des Bertelsmann Leserings in ihrer alten Heimat zurückgelassen. Mag sein, dass sein späterer Hang zum Genre des Romans in diesem kleinen, vererbten Bestand seinen Ursprung hatte. 
Überhaupt schien es eine Angewohnheit von Tanten, Eltern und Großeltern zu sein, zu Geburtstagen, Ostern oder Weihnachten, neben anderem auch Bücher zu schenken. Sicher wollten sie etwas zur Bildung des Kleinen beitragen. Mit Andersens Märchen, den schönsten griechischen Helden- und Rittersagen, Sindbad, dem Seefahrer, Captain Hornblowers Seeabenteuern und den mutigen, berittenen Texas Rangers war endlich der Grundstein gelegt, um sich der Belletristik zuzuwenden, wenn auch zunächst nur dieser leicht konsumierbaren. Schön, traurig, spannend, abenteuerlich, am besten von allem etwas, Hauptsache seine innere Gefühlswelt wurde angeregt und aufgewühlt. Erst das Erzählte schuf schließlich den Raum für seine Kinderphantasie, sich von der Plattitüde des rein Realen lösen zu können. Nur der Tod seiner Oma mütterlicherseits, seine erste Tote überhaupt, auf deren Schulter er noch so selbstverständlich seinen linken Arm auf dem Birkenstamm sitzend gelegt hatte, erschien ihm auch ohne Bücher damals phantastisch genug. 
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