Roberto Bolaño: Mexikanisches Manifest Teil II

Die Bäder waren abends  um 19 Uhr, 19:30 und 20 Uhr am besten besucht. Auf dem Bürgersteig vor dem Eingang standen dann Jugendliche Wache und unterhielten sich über Baseball und Popsongs. Die Flure hallten von üblen Scherzen der frisch aus den Fabriken und Werkstätten kommenden Arbeiter wider. Im Foyer grüßten alte Schwuchteln, Zugvögeln gleich, die Empfangsdamen und die in den Sesseln die Zeit totschlagenden mit ihren Vor- oder Spitznamen. In den Fluren verloren sich die in kleinen Dosen verabreichten Gerüchte, jede Prise davon hörte nicht auf, hochinformativ zu sein. Die offenen und halboffenen Türen glichen Erdrutschen und Erdbebenrissen. Sie boten dem glücklichen Zuschauer gewöhnlich so etwas wie lebende Bilder: nackte Männergruppen, deren Handlungen und Bewegungen sich nur im Dampf abzeichneten; Jugendliche, verloren wie Jaguare in einem Labyrinth aus Duschen; kleine aber schreckliche Gesten von Athleten, Bodybuildern und Einzelgängern; die aufgehängte Kleidung eines Leprakranken und Cocktails trinkende alte Männer, die lächelnd an der Holztür des Türkischen Bades lehnten. Es war leicht Freundschaften zu schließen und wir taten es. Paare, die sich einige Male über den Weg gelaufen waren, glaubten sich verpflichtet einander zu grüßen. Das war einer Art heterosexueller Solidarität geschuldet, denn Frauen waren in vielen öffentlichen Bädern eine absolute Minderheit und man hörte nicht selten extravagante Geschichten von Angriffen und Belästigungen, obwohl diese Geschichten in Wahrheit nicht besonders zuverlässig waren.
     Freundschaften dieser Art gingen über ein Bier oder einen Drink an der Bar nicht hinaus. In den Bädern grüßten wir uns, nahmen aber sonst höchstens benachbarte Saunen. Nach einer Weile klopften die zuerst Fertigen an die Tür des befreundeten Paares, und ohne eine Antwort zu erwarten, wiesen sie darauf hin, in diesem oder jenem Restaurant nach ihnen Ausschau zu halten. Wenn dann die anderen herauskamen, gingen sie zu dem Restaurant, nahmen einige Drinks und verabschiedeten sich bis zum nächsten Mal. Manchmal zog so ein Paar die Frau oder den Mann ins Vertrauen, vor allem wenn sie verheiratet waren, aber nicht miteinander; sie erzählten ihr Leben und einem blieb nichts anderes übrig als zuzustimmen und zu behaupten, das sei Liebe, das sei eine Strafe, das sei Schicksal, so seien eben Kinder. Mitfühlend aber gelangweilt. Die anderen aufregenderen Freundschaften waren jene, die deine privat gebuchten Räume aufsuchten. Diese konnten genauso langweilig sein wie die ersten, aber ein Vielfaches gefährlicher. Sie erschienen ohne Ankündigung, klopften einfach an die Tür mit einem befremdlichen und schnellen Klopfen und forderten: Macht auf. Nur wenige Male waren sie allein, fast immer zu dritt, zwei Männer und eine Frau oder drei Männer. Die Gründe, die sie für derartige Besuche anführten, waren üblicherweise wenig glaubhaft oder dümmlich: ein bisschen Gras rauchen, weil sie das in den Gruppensaunen nicht könnten oder sie verkauften, was ihnen gerade so herausrutschte. Laura ließ sie immer herein. Die ersten Male spürte ich eine solche Anspannung, dass ich mich zum Kampf bereit blutbefleckt auf die Fliesen des Privatraumes fallen sah. Ich dachte das Logischste wäre, dass sie eindrangen um uns zu berauben oder Laura zu vergewaltigen und mir ebenfalls Gewalt anzutun; meine Nerven lagen blank. Auf irgendeine Art wussten das die Besucher und sie wendeten sich nur an mich, wenn die Notwendigkeit dazu bestand oder die guten Manieren es unerlässlich machten.
     Alle Vorschläge, Abmachungen und Tuscheleien richteten sich an Laura. Sie war es, die ihnen öffnete, sie war es, die fragte, was zur Hölle sie zu bieten hatten, sie war es, die sie zum Raum mit dem Diwan durchließ. (Ich hörte aus dem Dampf heraus, wie sie sich hinsetzten, erst der eine, dann der andere, dann der nächste, und Lauras regloser Rücken schien durch die Milchglasscheiben, die den Dampf vom Vorraum abhielten, der sich sofort in ein Geheimnis verwandelte.) Schließlich würde ich aufstehen, mir ein Handtuch um die Taille wickeln und hineingehen. Der Besuch bestände aus zwei Männern und einer Frau. Oder einem Mann, einem Jungen und einem Mädchen, die noch unentschlossen winkten, wenn sie mich sahen, als ob sie ohne jeglichen Hinweis von Anfang an wegen Laura gekommen wären und nicht wegen uns beiden, als ob sie hofften, nur ihr etwas abzugewinnen. Auf dem Diwan sitzend, verpassten ihre finsteren Augen nicht eine von Lauras Gesten, während ihre Hände, als ob sie ein Eigenleben führten, die Joints rollten.

S. 3/4 von 10, Fortsetzung folgt

(Nichtkommerzielle, nur  für den Privatgebrauch angefertigte Übersetzung der Erzählung „Manifiesto Mexicano“ von Roberto Bolaño, mithilfe der englischen Übersetzung von Laura Healy in “The New Yorker, April 2013 und dem spanischen Originaltext.)

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