Roberto Bolaño: Mexikanisches Manifest Teil V

Du musst müde sein, sagte Laura, der Alte ist verrückt anzunehmen, ihr könntet hier miteinander vögeln. Ihre Hand glitt über den Hintern des Jungen. Dieser flüsterte, es sei nicht dessen Schuld, der Arme hätte einfach vergessen, was ein Bett sei. Und wie es ist, saubere Unterhosen zu tragen, fügte Laura hinzu. Es würde ihm besser stehen, nichts anzuhaben. Genau, sagte ich, das ist viel bequemer. Weniger blamabel, sagte der Junge, aber wäre es nicht spitzenmäßig, saubere weiße Höschen zu tragen. Eng, aber nicht kneifend. Laura und ich lachten. Der Junge wies uns sanftmütig zurecht: lacht nicht, das ist durchaus ernst gemeint. Seine Augen wirkten ausgelöscht, graue Augen wie Zement im herab fallenden Regen. Laura griff mit beiden Händen nach seinem Schwanz und ließ ihn wachsen. Soll ich den Dampf abstellen?, hörte ich mich sagen, aber die Stimme klang schwach und weit entfernt. Wo zum Teufel schläft euer Manager?, sagte Laura. Der Junge zuckte mit den Achseln. Du tust mir ein bisschen weh, flüsterte er. Ich hielt Lauras Fußgelenk fest und mit der anderen Hand wischte ich den Schweiß weg, der mir in die Augen geriet. Der Junge reckte sich, damit sein Kollege nicht wach wurde, mit maßvollen Bewegungen, bis er aufrecht saß und Laura küsste. Ich neigte meinen Kopf, um sie besser zu sehen: die dicken Lippen des Jungen saugten an den geschlossenen Lippen Lauras, auf denen sich kaum ein Lächeln andeutete. Ich kniff die Augen zusammen. Ich hatte sie noch nie so friedlich lächeln gesehen.
      Plötzlich hüllte sie der Dampf ein. Ich fühlte eine Art fremden Schrecken. Aus Angst der Dampf würde Laura töten? Als sich die Lippen voneinander lösten, sagte der Junge, dass er nicht wüsste, wo der Alte schliefe. Er hob eine Hand zum Hals und machte die Geste ihn abzuschneiden. Dann streichelte er zärtlich Lauras Hals und zog sie noch näher zu sich heran. Lauras biegsamer Körper passte sich der neuen Haltung an. Ihr Blick blieb starr auf die Wand gerichtet, auf das, was der Dampf ihr davon zu sehen erlaubte, und den Oberkörper nach vorn geneigt, stießen ihre Brüste leicht gegen die Brust des Jungen oder pressten sich mit sanftem Druck dagegen. Der Dampf machte sie zeitweise unsichtbar oder verdeckte sie halb, oder versilberte sie, oder versenkte sie in etwas Ähnlichem wie einen Traum. Schließlich war es für mich unmöglich, sie zu sehen. Zuerst legte sich ein Schatten über einen anderen Schatten. Dann nichts. Der Raum war drauf und dran zu explodieren. Ich wartete einige Sekunden, aber nichts änderte sich, ich hatte im Gegenteil den Eindruck, dass sich der Dampf von Mal zu Mal verdichtete. Eine Hand ausstreckend berührte ich Lauras Rücken, der sich über etwas wölbte, was ich für den Körper des Jungen hielt.
      Ich stand auf, machte zwei Schritte an der Wand entlang und hörte, wie Laura nach mir rief. Eine Laura, die den Mund voll hatte. Was willst du?, sagte ich. Ich ersticke. Ich ging zurück, aber nicht so vorsichtig wie vorher, beugte mich hinunter und tastete mich zu der Stelle vor, von der ich annahm, dass sie dort sein müssten. Die heißen Fliesen waren alles, was ich berührte. Ich glaubte zu träumen oder wahnsinnig zu werden. Ich biss mir in die Hand, um nicht aufzukreischen. Laura?, stöhnte ich. Dicht neben mir ertönte die Stimme des Jungen wie ferner Donner: derjenige, demzufolge Dampf vermischt mit Schweiß unterschiedlich schmeckte. Ich stand wieder auf, dieses Mal bereit, blindlings Fußtritte auszuteilen, aber beherrschte mich. Stell den Dampf ab, sagte Laura von irgendwo her. Stolpernd schaffte ich es, bis zur Bank zu kommen. Beim Bücken, um nach dem Haupthahn zu suchen, hörte ich beinahe an meinem Ohr klebend das Schnarchen des Alten. Noch lebt er, dachte ich, und drehte den Dampf ab. Zuerst passierte gar nichts. Dann, bevor die Silhouetten ihre Sichtbarkeit zurück erlangten, öffnete jemand die Tür und verließ den Saunaraum. Ich wartete ab, wer immer es sein mochte in dem anderen Raum, er machte ziemlichen Lärm. Laura, rief ich ganz ruhig. Niemand antwortete. Schließlich konnte ich sehen, dass der Alte weiter schlief. Auf dem Boden, der eine in der Position eines Fötus, der andere ausgestreckt, lagen die beiden Akteure. Der bisher Schlaflose schien wirklich zu schlafen. Ich sprang über sie hinweg. In dem Raum mit dem Diwan hatte Laura sich bereits angezogen. Sie warf mir meine Kleidung zu, ohne ein Wort zu sagen. Was ist passiert, sagte ich. Lass uns gehen, sagte Laura.
     Wir kehrten einige Male zurück und trafen dieses Trio wieder, einmal in denselben Saunaräumen, ein anderes Mal in denen von Azcapotzalco, Bäder der Hölle, wie sie Laura nannte, aber die Dinge waren nie mehr die gleichen. Letztendlich rauchten wir eine Zigarette zusammen und Tschüss. Lange Zeit blieben wir dabei, diese Orte regelmäßig zu besuchen. Wir hätten auch an anderen Orten miteinander schlafen können, aber es gab etwas auf unserer Tour durch die öffentlichen Bäder, was uns magnetisch anzog. Es mangelte logischerweise nicht an Zwischenfällen anderer Art: über die Flure rasende, von Verzweiflung besessene Typen, ein Vergewaltigungsversuch, eine Razzia, der wir mit Glück und Gerissenheit entgehen konnten. Gerissenheit, Lauras Gerissenheit; Glück, die bronzene Verbundenheit der Badenden. Aus der gesamten Summe aller Badehäuser, jetzt nur noch ein Gemisch, das sich mit dem lächelnden Gesicht Lauras vermengt, bezogen wir die Sicherheit unserer Liebe. Das Schönste von allen, vielleicht, weil wir es dort zum ersten Mal machten, war Montezumas Fitness-Center, in das wir immer wieder zurückkehrten. Das Schlechteste ein Ort in Casas Alemán, bezeichnenderweise “Der fliegende Holländer” genannt, derjenige, der einem Leichenschauhaus am ähnlichsten sah. Ein dreifaches Leichenschauhaus, was Hygiene, proletarisches Publikum und die Körper betraf. Keinesfalls die Lust.
     Zwei Erinnerungen sind mir aus jenen Tagen einfach unauslöschlich haften geblieben. Die erste ist eine Abfolge von Bildern, auf denen Laura nackt ist (auf der Bank sitzend, in meinen Armen, unter der Dusche, auf den Diwan hingeworfen, in Gedanken versunken), bis dass der stufenweise ansteigende Dampf sie vollkommen verschwinden lässt. Schluss. Leeres Bild. Die zweite ist die Wand im Fitness-Center Montezuma. Montezumas Augen. Unergründlich. Montezumas Hals, wie er über der Oberfläche des Schwimmbeckens hängt. Die Höflinge (oder vielleicht waren es keine Höflinge), die lachend und plaudernd mit all ihrer Kraft zu ignorieren versuchten, was immer es war, das der Kaiser sah. Die Vogelscharen und die Wolken, die sich im Hintergrund verloren. Die Farbe der Steine im Schwimmbecken, ohne Zweifel die traurigste Farbe, die ich auf unseren langen Expeditionen gesehen habe, nur vergleichbar mit dem gelegentlichen Anblick der Arbeiter auf den Fluren, an die ich mich nicht mehr erinnere, die aber mit Sicherheit da waren.

S. 9/10 von 10

(Nichtkommerzielle, nur  für den Privatgebrauch angefertigte Übersetzung der Erzählung „Manifiesto Mexicano“ von Roberto Bolaño, mithilfe der englischen Übersetzung von Laura Healy in “The New Yorker, April 2013 und dem spanischen Originaltext.)

Den gesamten Text zum Download als PDF-Datei.

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