“Les Intermittences du Cœur”. Auf der Suche nach dem ultimativen Titel.

Der Schlafende spannt in einem Kreise um sich den Ablauf der Stunden, die Ordnung der Jahre und der Welten aus. Beim Erwachen orientiert er sich dann nach dem Gefühl an ihnen, er liest in einer Sekunde daraus ab, an welchem Punkt der Erde er sich befindet, wieviel Zeit bis zu seinem Wachsein verflossen ist; doch diese Systeme können sich verwirren und überschneiden.
Marcel Proust: Combray. Suhrkamp 1953 S. 3
Mein Französisch ist auch nicht mehr das beste, denn als ich diese von Proust korrigierte Druckfahne mit dem Haupttitel “Les Intermittences du Coeur” las, übersetzte ich mir “intermittences” zunächst spontan mit Interferenzen, also Überlagerungen, Überschneidungen und neigte dazu über die Bedeutung Konflikte dann Gefühlsverwirrungen hineinzudeuten. Nun ist eine “intermittence” aber keine “interférence”, sondern meint in diesem Fall natürlich die unwillkürlichen Erinnerungen, die so plötzlich auftreten können wie ein Herzstillstand. So unpassend kommt mir diese medizinische Bedeutung dann auch gar nicht vor, denn der Roman versucht doch nicht nur, die verlorene Zeit wiederzufinden, sondern sie in dem Roman als Kunstwerk auch stillstehen zu lassen, sie darin in gewisser Weise aufzuheben.
Auch wenn dieser ursprüngliche Titel der “Recherche” verworfen wurde, so wird niemand leugnen, dass vielfältige Gefühlsverwirrungen (Interferenzen) des Herzens eine große Rolle im Roman spielen. Nicht zuletzt was das so verwundbare Herz des Erzählers betrifft, ob er nun Mutter und Großmutter liebt und verliert oder Albert(tine) und Gilbert(e) bis hin zum revidierten Bild des Baron de Charlus oder dem changierenden von Charles Swann. Man lernt, dass die Wechselfälle der Liebe bei weitem nicht nur an eine Form der Geschlechtsbeziehungen gebunden sind, gerade weil sie sich, was ihre Struktur und Psychologie betrifft, oft bemerkenswert ähneln. Männer lieben Männer, Frauen lieben Frauen, nur prozentual überlegen lieben sich die Geschlechter auch gegenseitig und auf allen Seiten sind einige lediglich in ihr Spiegelbild verliebt. Ob die “Recherche” mit dem Wort “Herz” im Titel eine so glorreiche Rezeptionsgeschichte hingelegt hätte, bleibt zu bezweifeln. Vermutlich wäre sie noch mehr als ohnehin von mancher Verlegerseite, dem Verdacht ausgesetzt worden, nur der romantische Liebesroman eines verzärtelten Bonvivants der Jahrhundertwende zu sein. Die angedachten, aber durchgestrichenen, alternativen Gesamttitel für den ersten Band “Le temps perdu” und “Charles Swann” waren zwar unbeständig, aber schon Vorstufen, die leicht abgewandelt dann ihren tatsächlichen Platz im Gesamttitel und den beiden ersten Teilen des ersten Bandes gefunden haben. Am Ende stand das heute gar nicht mehr anders denkbare “A la recherche du temps perdu” für das Gesamtwerk und “Combray”, gefolgt von “Du côté de chez Swann” für die ersten beiden Teile des dreiteiligen ersten Bandes.
Den Anstoß für diese kurzen Überlegungen, die Titelsuche betreffend, gab ein neues Übersetzungsprojekt, das letztes Jahr im Reclam-Verlag von Bernd-Jürgen Fischer gestartet wurde und auf dessen vor kurzem erschienenen dritten Band “Der Weg nach Guermantes” ich mehr oder weniger per Zufall stieß. Leider gehöre ich auch zu jener Spezies, die Prousts Hauptwerk bereits mit sechszehn in der auch nach meiner Meinung bis heute unübertroffenen Übersetzung von Eva Rechel-Mertens lasen, und dann immer nur noch ausschnitthaft. Eine neue Übersetzung habe ich seitdem oft mit der Hoffnung verbunden, mich noch einmal zu einer gesamten Lektüre aufraffen zu können. Bedauerlicherweise lese ich aber in die Neuübersetzungen, Keller, Kleeberg und jetzt Fischer auch nur noch sporadisch hinein, um nach kurzer Zeit festzustellen, dass einige Passagen gar nicht so übel sind, andere mir aber überhaupt nicht zusagen. Das anscheinend allgemein übliche Anpassen an eine zeitgenössische sprachliche Modernität lässt mich oft eine in sich konsistente Erzählerstimme vermissen. So findet auch der neueste Übersetzungsversuch ein eher negatives, geteiltes Echo und den zwei Bänden von Michael Kleeberg ergeht es nicht unbedingt besser. Kritik an den grundsätzlichen Leistungen dieser Übersetzer steht mir natürlich nicht zu, noch dazu, wo es bei Fischer einen ausgezeichneten Apparat und Anmerkungsteil geben soll. Aber vergleichen Sie chronologisch aufgereiht einmal selbst:
“Vielleicht beziehen die Dinge um uns ihre Unbeweglichkeit nur aus unserer Gewißheit, daß sie es sind und keine anderen, aus der Starrheit des Denkens, mit der wir ihnen begegnen. Wenn ich jedenfalls in dieser Weise erwachte und mein Geist geschäftig und erfolglos zu ermitteln versuchte, wo ich war, kreiste in der Finsternis alles um mich her, die Dinge, die Länder, die Jahre.”

Eva Rechel Mertens (1953)

“Vielleicht wird die Unbeweglichkeit der Dinge um uns diesen durch die Unbeweglichkeit unseres Denkens ihnen gegenüber aufgezwungen, durch unsere Gewißheit, daß sie es sind und keine anderen. Jedenfalls, wenn ich in dieser Weise erwachte und mein Geist erfolglos herauszufinden suchte, wo ich mich befand, kreiste in der Dunkelheit alles um mich herum, die Dinge, die Länder, die Jahre.”

Luzius Keller (1994)

“Vielleicht wird die Starrheit der uns umgebenden Dinge ihnen von unserer Gewißheit aufgezwungen, daß eben sie gemeint sind und nicht andere, von der Starrheit unseres Bewußtseins von ihnen. Wie auch immer, wenn ich auf diese Art und Weise erwachte und mein Geist sich erfolglos bemühte, herauszubekommen, wo ich mich befand, kreiste um mich herum alles durch die Dunkelheit, die Dinge, die Länder, die Jahre.”

Michael Kleeberg (2002)

“Vielleicht ist den Dingen um uns her die Unbeweglichkeit nur aufgezwungen durch unsere Gewissheit, dass sie sie selber seien und nichts anderes, durch die Unbeweglichkeit unserer Vorstellung von ihnen. Wenn ich wieder erwachte, war es jedenfalls so, dass sich alles, noch während mein Geist erfolglos damit beschäftigt war, herauszufinden, wer ich sei, um mich im Dunkel zu drehen begann, die Dinge, die Länder, die Jahre.”

Bernd-Jürgen Fischer (2013)

Das Diffuse des Geisteszustands beim Übergang vom Schlaf zum Wachsein und umgekehrt steht nicht umsonst am Anfang der “Recherche”. Es zeigt bei aller Verwirrung, dass der menschliche Geist weder durch Ort noch Zeit, noch durch seine Identität daran gehindert werden kann, alles zu durchreisen, nicht nur “Dinge, Länder und Jahre”, auch andere Menschen, Tiere, und sei es auch nur als Ahnung sogar die Zukunft. Im Grunde besteht darin der fundamentale Widerspruch des menschlichen Wesens, im eigenen Geist und Körper gefangen und dennoch mit den Tentakeln für eine Reise in die Unendlichkeit ausgestattet zu sein. Proust hat das Statische dieses ersten Titels, den “Herzstillstand” aufgegeben zugunsten eines Prozesses der Bewegung, des Entstehens, der unabgeschlossenen Suche, und damit bereits im Titel das eigene wachsende Werk mit einbegriffen.
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