Spieglein, Spieglein an der Wand…

Ich betreibe ja keine vergleichende Literaturwissenschaft, aber schon oft ist es mir so ergangen, dass mich eine bestimmte Stelle in einem Buch an die in einem anderen erinnert hat, das ich ebenfalls gelesen habe. Literaturtheorie liegt mir auch eher fern, ich bin Leser und wahrscheinlich ein ziemlich normaler. Manchmal jedoch befallen mich bei der Lektüre grundsätzliche Gedanken über das Verhältnis von Welt, Sprache und Literatur. Neulich, als ich John Banville´s “Im Lichte der Vergangenheit” (Ancient light) las, wo der Autor eine Szene beschreibt, in der ein Junge vom Spiegelbild einer nackten Frau, der Mutter seines Freundes, verführt wird, kam mir ein Vergleich in den Sinn, als ob die beschriebene doppelte Spiegelung einer wiederum mehrfachen Spiegelung genau der imaginäre Ort sei, an der die belletristische Literatur überhaupt zu verorten wäre, sozusagen ihren Wohnsitz hat.
…; was mir jedoch ins Auge fiel, das war ein Spiegel, wie diese Spiegel an den Frisierkommoden in Damenschlafzimmern damals ausgesehen haben: oben abgerundet und mit Flügeln an den Seiten und sogar – kann das stimmen? – mit so dreieckigen kleinen Klappen, die an den beiden Flügeln angebracht waren, und die die Dame, wenn sie vor ihrem Toilettentischchen saß, schräg nach vorne ausziehen konnte, um sich von oben zu betrachten. Noch mehr verwirrte mich indes ein zweiter Spiegel, so ein großer Ankleidespiegel, der offenbar an der Außenseite der nach innen öffnenden Tür befestigt war; in ihm sah ich das Zimmer gespiegelt, in dessen Mitte die Frisierkommode, oder was auch immer, mit ihrem eigenen Spiegel stand, besser gesagt, mit ihren Spiegeln. Was ich also zunächst gesehen hatte, war, genau genommen, nicht das Bade- oder Schlafzimmer selbst, sondern nur seine Spiegelung – und Mrs Gray, die aber keine Spiegelung war, sondern die Spiegelung einer Spiegelung. Wenn sie mir bitte folgen wollen durch das kristallene Labyrinth.
Diese direkte Ansprache des Lesers am Ende lässt bei mir die Idee aufkommen, mit dem “kristallenen Labyrinth” wäre nicht nur die weitere Beschreibung seines Erlebnisses gemeint, sondern der Roman insgesamt. In jedem Roman gibt es eine Stelle, wo der Autor sich wie ein Alchemist über die Schulter sehen lässt. Nicht, dass er den Blick gänzlich frei gäbe, das könnte er auch gar nicht, denn sein eigenes Betriebsgeheimnis ist auch ihm nur zum Teil bewusst, zu seinem Autorenteil eben. Betriebsgeheimnisse von Romanen mögen in ihnen selbst zwar angedeutet werden, jedwede sich nähernde Lösung liegt jedoch beim jeweiligen Leser, soweit man von Lösungen oder Dechiffrierungen überhaupt sprechen kann. Mein Einfall war schlicht: Ist nicht dieses mehrfach gebrochene Bild, das zwischen Welt und Sprache, Autor und Leser so unterschiedlich hin und her oszilliert, der Punkt, an dem sich zwei oder mehrere Spiegelbilder treffen, genau der Ort, wo die fiktive Literatur wohnt? Verwenden unterschiedliche Autoren nicht gerade dieses Motiv, um das versteckt deutlich zu machen? Eine Art Offenbarung des zugrundeliegenden Kompositionsschemas der Fiktion. John Banvilles “Ancient light” ist übrigens der letzte Band einer Romantrilogie, die aus “Sonnenfinsternis” (Eclipse), “Caliban” (Shroud) und eben “Im Lichte der Vergangenheit” besteht. Die beiden ersten Teile habe ich noch nicht gelesen, wohl aber den Roman “Die See”, den ich nur bestens empfehlen kann.
Beim Lesen dieser Textstelle erinnerte ich mich unwillkürlich an ein anderes Beispiel doppelter Spiegelung in Roberto Bolaños “2666” und suchte nach der entsprechenden Stelle. Auf Seite 149f. im “Teil der Kritiker” wurde ich fündig. Wiederum ist eine Frau, die englische Literaturkritikerin Liz Norton, der gespiegelte Gegenstand, die sich hier jedoch beängstigend als eine andere Frau in ihrem eigenen Traum wiedererkennt, eine geisterhafte Erscheinung, die an Gespensterszenen bei Henry James erinnern könnte:
In ihrem Traum sah sich Norton in beiden Spiegeln. In dem einen von vorn und in dem anderen von hinten. Ihr Körper war leicht geneigt. Man hätte nicht mit Bestimmtheit sagen können, ob sie sich vor oder zurück bewegen wollte. Im Zimmer herrschte spärliches, mattes Licht wie während einer englischen Dämmerung. Keine Lampe brannte. Ihr Bild in den Spiegeln zeigte sie ausgehfertig, mit grauem Kostüm und, was seltsam war, da Norton fast nie so etwas trug, mit einem grauen Hütchen, das an Modejournale aus den fünfziger Jahren erinnerte. … Plötzlich stellte Norton fest, dass die Frau im Spiegel nicht sie selbst war. Sie spürte Angst und Neugier und blieb ganz ruhig, um das Spiegelbild nach Möglichkeit noch genauer zu beobachten. … Als sie die Augen öffnete, kreuzten sich der Blick der Frau im Spiegel und ihr Blick an irgendeinem Punkt des Zimmers. Die Augen der Frau waren wie ihre eigenen. Auch die Wangenknochen, die Lippen, die Stirn, die Nase. Norton begann zu weinen oder glaubte, vor Angst oder Schmerz zu weinen. Sie ist wie ich, dachte sie, aber sie ist tot. 
Auch hier geht es nicht um eine normale, lediglich abbildende Spiegelung, sondern der sich kreuzende Blick, die Linien dieser Sichtachsen treffen sich an einem Punkt, der von zwei Spiegeln verursacht wird. Banville hat sicher “2666” gelesen, aber so weit, dass er sich von den beiden Spiegeln Bolaños hat beeinflussen lassen, würde ich nicht gehen. Jedoch fiel mir eine weitere Parallele auf. Beide schmücken ihre Romane mit Giacomo Leopardis Gesängen: Bolaño (2666, S. 525f) und Banville (Ancient light, S. 283), was einer Verneigung vor der Poesie und ihrer ganz eigenen Sprachkunst darstellen mag.
Das Spiegelmotiv ist sicher eines der ältesten in der Literatur, aber mein Gedanke richtete sich nicht auf so etwas wie den “Sachsenspiegel”, andere mittelalterliche Sammlungen oder neuere Namensvettern journalistischer Weltabbildungsversuche, sondern auf das Selbstverständnis des Autors, sein Blick auf Welt und Werk, eine Art universelle Bezüglichkeit, jede Form von Intertextualität eingeschlossen. Es ging mir auch nicht um die psychologische Seite der Spiegelung des eigenen Ichs und damit verbundenen Identitätskrisen in Romanen. Früher mag man literaturtheoretisch gedacht haben, ein Roman könne schlicht auf seine individuelle Weise die Welt beschreiben, eine Eins-zu-Eins-Abbildung. Heute jedoch sind die Referenzen, die eine Fiktion schon bei der Entstehung durch den Autor und in der Rezeption des Lesers aufreißt, so vielfältig und zersplittert, dass wenn man den virtuellen Raum des Internets hinzunähme, sich ein unendliches Kaleidoskop von sich bedingenden Abhängigkeiten auftäte, eine Welt aus sich gegenseitig spiegelnden Spiegeln. Der Autor, der Leser, die Welt, die Sprache, das Buch, die ganze Literatur in der Mitte eines “kristallenen Labyrinths”.
Ein drittes literarisches Beispiel soll noch folgen. In dem Band “Tagundnachtgleiche” aus Dieter Fortes “Tetralogie der Erinnerung” wird ebenfalls eine “Spiegelwelt” beschworen, in deren Beschreibung sich das Konzept der Romane selbst verstecken könnte, wieder beginnt es mit dem Spiegelbild einer Frau:
Marias Kopf spiegelte sich dann durch die offene Schlafzimmertür in den drei Spiegeln der Frisierkommode, was ein vierfaches Bild ergab. Der Junge verstellte die Spiegel, verschob sie so lange gegeneinander, bis Marias Spiegelbild nur das vervielfachte Spiegelbild eines Spiegelbildes war, für den Jungen ein Spiel aus Erstaunen und Verwunderung, mit dem er so schnell nicht zu Ende war. aus einem Bild entstanden auf diese Weise viele Bilder, aber all die vielen Bilder waren doch nur das Bild einer Person, die sich in jeder Spiegelung anders zeigte. Für den Jungen, der inzwischen schon mit mehreren Handspiegeln vor dem dreiteiligen Frisierspiegel arbeitete, war klar, dass, wenn er einmal tausend Spiegel hätte, er aus einer Person auch tausend Bilder machen könnte, und alle diese Bilder wären nur das Bild eines einzigen Menschen. Der Junge verspiegelte so seine Welt, schob mit den Spiegeln Tisch, Schrank, Ofen, Nähmaschine ineinander, vergrößerte die Räume ins Unendliche, vervielfachte die Gegenstände, holte die Fenster des Nachbarhauses mit dem sich darin spiegelnden Himmel in die Wohnung, den Kirchturm der Josefskirche, bis dieser Irrgarten eine in sich geschlossene Spiegelwelt von innen und außen war, die Nähmaschine in den Wolken trieb, der Ofen auf einem Balkon stand.
Die Reihe an Textzitaten von doppelten oder mehrfachen Spiegelungen ließe sich wahrscheinlich noch ziemlich erweitern. Bevor mein eigener Gedankenspiegel droht blind zu werden, schließe ich mit einem schon vor längerer Zeit gefundenen Zitat, das ebenfalls zum Thema zu passen scheint:
Und in der Tat wirkt dieses Buch. Es ist ja auch ein Zeitbild und zwar zugleich des Jetzt und des Früher, eine doppelte Spiegelung vielleicht, sicher eine doppelte Fiktion, weil ja jeder Roman über Vergangenes sowohl schon in sich Fiktion ist, als auch die Fiktion doppelt, weil er Nachschau ist.
                                            Leander Sukov über Jutta Pievecka: “Punk Pygmalion
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