Plauderei über gelesene Bücher und virtuelle Fundsachen

Vielleicht genügt als eine Art Wiedereinstieg ganz einfach eine kurze Aufzählung der wenigen Bücher, die ich dieses oder bereits letztes Jahr gelesen habe, denn vom mehr Lesen oder gar Rezensieren hat mich ein ziemlich großer Umzug abgehalten. In meinem recht kleinen “Office” und im Schlafzimmer des neuen Hauses im kleinen Dorf reiht sich nun eine Galerie von Edward-Hopper-Replikationen an den Wänden entlang. Nicht “Summer in the city” oder “Office in a small city” hätte es bei mir in den letzten Monaten heißen müssen, sondern vielleicht ein frei erfundenes “small office in a summer village”. Zu Edward Hopper werde ich unten noch zwei Video-Links aufführen, die mir besonders gefallen haben. Im Grunde ist das Licht das einzige, was die Melancholie in Hoppers Bildern aufheitern könnte und die Geradlinigkeit seiner Flächen, aber gewollt wäre es sicher nicht. Hoppers Bilder feiern die universelle Einsamkeit des Menschen.
Ein Sachbuch, das zwar schon etwas älter ist, bleibt ein vorzüglich geschriebener Streifzug durch die Geschichte des Romans mit Ausflügen in die Literaturtheorie: Dieter Wellershoff: “Der Roman und die Erfahrbarkeit der Welt”. Dann erinnere ich mich gern an John Banville: “Im Lichte der Vergangenheit” (Ancient light). Diesen Roman streifte ich schon an anderer Stelle.
Natürlich las ich auch die neuesten, übersetzten Erzählungen vom langsam in Vergessenheit geratenen Roberto Bolaño: “Mörderische Huren”. Der zumindest bisher jährlich erscheinende Bolaño-Band aus dem Hause Hanser war wie immer in einen schönen Leineneinband gebunden, und das dunkle Trapez zwischen den übereinander geschlagenen, von groben, schwarzen Netzstrümpfen bedeckten Frauenbeine, harmoniert mit der schwarzen Schrift des Autorennamens. Aber vielleicht sind es auch gar nicht die Beine einer Frau, vielleicht sind es die eines schwulen Transvestiten. Würde das an der Wirkung einen Unterschied machen, an dem Spinnennetz dunkler Geheimnisse? Die leicht angeraute, körnige Struktur dieses Covers fühlt sich fast selbst wie eine Feinstrumpfhose an. Soviel zur Phantasieauslösung der äußeren Haptik. Bolaño erzählt, als ob er einen imaginären Film, eine fortlaufende Vision in seinem Kopf beschreibt, nie eine Handlung an sich als abgebildete Wirklichkeit, sondern alles erscheint surreal geträumt. Die Sätze mögen zwar ein äußeres Geschehen wiedergeben, aber quasi nicht das Geschehen selbst, vielmehr dessen filmartige Reflektion, Kino im Kopf. Als säße der Autor, einziger Zuschauer seiner Erinnerungen und Phantasien, wie die “wahren Cineasten” in der fünften Reihe, ziemlich nah vor der übergroßen Leinwand, und würde diesen Film, an den er sich manchmal gleichzeitig hellsichtig und dann wiederum nur vage geträumt erinnert, und an den er deshalb nur relativistisch glauben kann, unablässig in Worte transferieren. Großzügig wird die ganze erste Erzählung “El Ojo Silva” vom Hanser Verlag als Leseprobe angeboten, im Original findet man sie hier.
Im Rahmen meiner Büchergilde-Mitgliedschaft bevorzugte ich in letzter Zeit die Reihe der Klassiker. Erstens trifft man hier immer das, was den Namen Weltliteratur wirklich verdient, und zweitens sind die Bände vorzüglich gestaltet und ediert. Ich las die Romane von zwei wahren Sprachstilisten, beinahe könnte man die Handlung ob der Meisterschaft ihrer Wortwahl glatt vergessen: Gustave Flaubert: Madame Bovary und Henry James: Washington Square. Henry James ist einfach sprachlicher Genuss und “Die Drehung der Schraube” habe ich gleich anschließend noch dazu verschlungen. Ab und zu schiebe ich bei aller Belletristik auch mal wie oben der “Wellershoff” ein Sachbuch zur Literatur ein. Alberto Manguel´s “Eine Geschichte des Lesens” ist ein wahrer Wissensschatz, ein akribisch geschriebenes, umfassendes Kompendium und reichlich illustriert. Ein doppelseitiges Foto der 1940 zerstörten Bibliothek des Holland House lässt an die Unzerstörbarkeit von Leser und Buch glauben. Ich habe es auch wirklich noch geschafft, die ersten drei Bände der “Tetralogie der Erinnerung” von Dieter Forte zu lesen. Den letzten:  “Auf der anderen Seite der Welt” kannte ich ja schon und habe ihn auch damals besprochen. Manchmal lasse ich mir auch von anderen Bücher empfehlen und eine wirkliche Entdeckung für mich war der im Literaturclub vom Januar von der, man könnte ja sagen umstrittenen, Elke Heidenreich empfohlene James Salter mit seinem Erstling “Jäger”. Alles was sie in dem kurzen Filmausschnitt dazu sagt, kann ich uneingeschränkt bestätigen. Ein guter Roman weckt die Neugier auf das weitere Schaffen eines Autors und so bestellte ich mir auch seinen nun letzten Roman “Alles, was ist”, denn Salter ist im Alter von 90 Jahren im Juni verstorben. Hier ein kurzes Interview mit ihm:
James Salter: “Alles, was ist”
Wenn ich mir die beiden Amerikaner James Salter und Edward Hopper anschaue, so sind beide echte amerikanische Urgesteine. Eine Parallele ist der Bezug zu europäischer Kunst und europäischen Metropolen, die sie irgendwann in ihrem Leben besucht haben, was mich auch an Henry James erinnert. Um bei Europa zu bleiben, ich warf auch einen literarischen Blick nach England und Frankreich. Mehr als ein halbes Dutzend Romane habe ich schon von Ian McEwan gelesen. Mit “Unschuldige” (1990) fing es an und hörte jetzt bei “Kindeswohl” (2014) auf. Den Vorläufer “Honig” (2013), ein raffiniert komponierter Spionageroman, kann ich ebenfalls empfehlen. Das intellektuelle Schreibniveau der englischen Literatur ist meist sehr gut, ich denke dabei auch an Julian Barnes und den Iren John Banville. Ich hatte noch nichts vom neuen Nobelpreisträger Patrick Modiano gelesen und fing mit zwei kurzen Romanen an: “Im Café der verlorenen Jugend” und “Gräser der Nacht”. So sehr die Atmosphäre eines Paris der sechziger Jahre auch faszinieren kann, ich war vor allem von “Gräser der Nacht” doch etwas enttäuscht, denn die ständige Wiederholung des Sujets “Älterer Mann erinnert sich an Beziehung zu junger Frau”, die noch dazu Züge eines Phantoms zeigt, ist auf die Dauer ermüdend. Außerdem kennt die französische Literatur dieses Thema bereits seit André Bretons “Nadja”. Die Erzählkunst Modianos will ich dadurch nicht schmälern, aber diese beiden Romane sind sich doch allzu ähnlich.
Da nun meine Wände mit Hoppers Gemälden bedeckt sind, suchte ich nach neuen Filmen über ihn. Zwei davon gefielen mir besonders. Der erste läuft gerade noch auf arte+7 und stellt acht Szenen seiner Bilder in acht Kurzfilmen mit kleinen amüsanten schauspielerischen Episoden nach: Hopper revisited. Der zweite ist eine umfassendere Dokumentation auf YouTube: Edward Hopper and the Blank Canvas. Das Gemälde ganz am Anfang, “Railroad Sunset” (1929) hängt jetzt großformatig als Druck im Flur.
Dann stolperte ich beim Surfen auch noch über jenen Satz, der mich an alte, leidige Zeiten und Auseinandersetzungen mit der fiktiven Schriftstellerin Aléa Torik erinnerte.
Seit einiger Zeit ruht der Blog aleatorik.eu. Aléa Torik wurde auf eine unangenehme Art geoutet: Ein Mann, der sich aufgrund der Blogbeiträge in diese Kunstfigur verliebt hatte, fühlte sich vom Autor betrogen und setzte ihm im Internet zu.
So unkritisch übernimmt kürzlich die Journalistin Sieglinde Geisel eine vom Schriftsteller Claus Heck (*13.6.1966) und seinem “SemiheterogynonymAléa Torik (*01.05.1983) postulierte Version seiner Autorengenese und dem angeblich bedauernswerten Ende seiner fiktiven Autorenidentität und seines nun leider “ruhenden Blogs” in einer Radiosendung des Deutschlandradios Kultur. Eigentlich sollte es mir egal sein, was ein Autor im fernen Berlin weiterhin als seine Version eines zwar literarischen, doch andere Menschen und Blogger auch täuschenden Projektes so von sich gibt. Wie er sich in den Medien einmal mehr als bedauernswertes Opfer und Unschuldslamm präsentiert und andere zu den Bösen stilisiert, die ihn geoutet haben. Der Blog Aleatorik ist mittlerweile ohnehin nichts anderes mehr als eine penetrante Werbeplattform, mit der sich der Autor Claus Heck immer noch selbst beweihräuchert und permanent selbstreferenziert, völlig außer acht lassend, das Eigenlob irgendwann anfängt zu stinken. Es geht eben nicht immer ausschließlich um den eigenen Ruhm, die eigene philosophische und intellektuelle grandiose Selbstdarstellung, die sich dann zwecks künstlerischer Verwirklichung jeder zwischenmenschlichen Verantwortung entheben darf. Keine Kunst kann es rechtfertigen, andere reale Menschen zu willkommenen Werbeträgern zu degradieren und sie wie blinde Schafe zu behandeln. “Geoutet”, wie böse das klingt. Es gibt immer zwei Seiten einer Geschichte, das sollte der “berühmte” Berliner Autor am besten wissen. Aber ein profilierungssüchtiger Egomane setzt seine künstlerische Sensibilität eben als gezieltes Manöver ein. Jeder Andersdenkende wird zum störenden Angreifer der eigenen Geltungssucht und als intellektuell minderwertig abgekanzelt. Da fallen mir noch andere Blogs im Berliner Umfeld ein, die sich ähnlich gebärden. Eingebildete Größe ist das Maß, an dem sie sich alle messen. Genug davon.
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