Mein Lesejahr 2016. Ein Blick zurück

Rückblicke erinnern mich an das Ende von Roberto Bolaños Erzählung „Gomez Palacio“, als der Erzähler in einen Bus steigt und eine Frau durch das Heckfenster verschwinden sieht.

Das einzige, woran ich mich zuletzt vage erinnere, ist ihre dort stehende Gestalt, wie sie den Bus ansah oder vielleicht auf ihre Armbanduhr schaute. … Als ich wieder hinaussah, war sie nicht mehr da.

Das Gleiche (und ich habe schon einmal darauf hingewiesen) passiert auch in dem empfehlenswerten Film „In ihren Augen“, dort allerdings am Anfang und der Bus hat sich in einen Zug verwandelt. Bahnsteige sind immer ein beliebtes Motiv für Abschiede. Den Blick zurück über die eigene Schulter begleitet auch der ewige Versuch, Vergangenheit schriftlich oder bildlich festzuhalten, wohingegen die Vernunft weiß, dass außer ein paar atomarer Partikel von allem, was ein Mensch jemals geschaffen hat, nichts übrigbleiben wird. Auch ein scheintotes Weblog wie dieses weckt ein Verlangen nach Archivierung, obwohl es doch über den Zustand dahindümpelnder Vernachlässigung ins totale Vergessen schreitet. Der Blogger stellt ab und zu noch ein paar Blumen auf das Grab seines Produktes und grämt sich, nichts Dauerhaftes hinterlassen zu können. Dem Selbsterhaltungstrieb ähnlich scheint jedoch in jedem dieser Drang des Hinterlassens zu wirken. So habe auch ich nun zunächst für das Jahr 2010, als ich diesen WordPress-Blog begann, ein Archiv als Word-Datei erstellt und die Beiträge von damals leicht überarbeitet und neu formatiert. Obwohl ich jetzt seit Februar 2016 keinen Beitrag mehr eingestellt habe, erhielt ich Mitte letzten Jahres eine E-Mail aus Innsbruck, dass „Der Buecherblogger“ als digitales Literaturmagazin von Dilimag archiviert wird, was meinen Bemühungen entgegenkam. So kann ich hier auch selbst zunächst auf meinen ersten Jahrgang als Heft im PDF-Format verweisen. Weitere Jahrgänge der reinen Beiträge ohne Kommentare sollen folgen.
Der Buecherblogger. Jg. 1.2010
Ich schreibe wirklich kaum noch etwas und so kann ich nur sagen, das letzte Jahr war zwar wie immer ein Jahr des Lesens, aber nicht des Schreibens. Bei einigen mir altbekannten Literaturblogs fiel mir auf, dass dort auch öfter eine gewisse Stagnation einsetzte. Ich befürchtete schon eine allgemeine Rezessionsphase der Literaturblogs, denn wirklich alternative, ernsthafte literarische Weblogs gibt es weniger als man denkt. Ich zähle die vielen Buchhändler-Blogs, die ihre Werbung lediglich zuhause weiter betreiben oder die diversen gutgemeinten Community-Blogs im Lovely-Books-Stil ausdrücklich nicht dazu. Auch wenn ich hier selbst jetzt nicht mit gehobener  Literaturkritik aufwarte, interessiert es vielleicht den einen oder anderen, was ich gelesen habe und so will ich wenigstens eine kurze Aufzählung liefern. Ich muss schon selbst erst einmal in meiner Erinnerung kramen und da fällt mir zuerst gerade noch Henry James ein, von dem ich vor ca. einem Jahr “Die Gesandten” las, nach “Washington Square” und “Die Drehung der Schraube”. Vom leichten Genuss bis in die Feinheiten eines Spätwerks könnte man meinen. Zurück bleibt die Bewunderung eines genial geschliffenen Sprachstils, der ein angemessener Ausdruck für den jeweiligen auktorialen Erzähler ist. Sehr tief und weit dringt er damit, sowohl in den Dialogen als auch in den feinsinnigen Beschreibungen, zu den inneren Beweggründen der handelnden Personen vor. Beinahe schafft er mit dieser perfekten Introspektion eine Vorwegnahme des späteren als modern geltenden “inneren Monologs”. Von Henry James angewandt hätte er jedoch nur die raue Zerstörung seines subtil gesponnenen Stils zur Folge. Mit anderen Mitteln dringt sein analytischer Blick von außen genauso tief in die Psyche der Charaktere. Deren teilweise aufgewühltes Chaos wird so nie direkt als Monolog sichtbar. Es wird durch lange, treffende Dialoge und die nuancierten Beschreibungen in eine äußere, nicht in eine innere Form gegossen.
Danach wendete ich mich damals wieder dem inzwischen fünften Band meiner Langzeitlektüre zu, dem “Zwölf-Zylinder-Jaguar” “Ein Tanz zur Musik der Zeit”, der den exotischen Titel “Casanovas chinesisches Restaurant” trägt. Mittlerweile sind zwei weitere Bände der Neuübersetzung im Elfenbein-Verlag erschienen, die ich auch bereits gelesen habe. Eine gute, die Lektüre begleitende Analyse zu diesen Bänden, findet man im Blog “Gleisbauarbeiten”.
Ich blieb im englischen Sprachraum, wechselte aber das Autorengeschlecht und las einige der sechs großen Romane Jane Austens, deren diesjährigen 200ersten Todestag man vor allem in England mit ziemlich nostalgischem Zauber begehen wird. Mir waren die Originaltexte trotz kurzem Anglistikstudium zum komplett lesen zu anstrengend, aber der punktuelle Vergleich doch qualitativ unterschiedlicher Übersetzungen ist durchaus reizvoll. Ich fing mit einer Taschenbuchausgabe von “Emma” an, 1961 zuerst erschienen und bei Fischer in einer unauffälligen Übersetzung von Helene Henze ganz gut zu lesen. Dann folgten zwei ausgeliehene Manesse-Ausgaben von “Anne Elliott” und “Mansfield Park”. Schöne handliche Einbände, aber in der Übersetzung wirken sie manchmal altbacken und schwülstig, was jedoch auch seinen Reiz entfalten könnte. Ich verglich “Anne Elliot” mit meiner alten Ausgabe von 1948 übersetzt von Margarete Rauschenberger und fand diese ältere besser. Um das Übersetzungswirrwarr komplett zu machen, las ich anschließend noch eine DDR-Ausgabe aus dem Jahr 1982 von “Gefühl und Verstand”. Die Übersetzung von Erika Gröger fand ich ziemlich gut. Schluss mit dem Sammelsurium, ich bin kein Übersetzungsexperte und das unnachahmlich prägnante Original wird keine von ihnen übertreffen. Manchmal staunte ich, wie jeder letzte Satz oft in einem Kapitel eine Quintessenz, eine komprimierte, ironische Pointe enthielt und gleichzeitig auf eine erzählerische Distanz verweist. Beinahe filmisch, wie ein Zoom auf einen Gegenstand, der die jeweilige Lage repräsentiert, aber den Erzähler erahnen lässt, der das Objektiv seiner Kamera hält. Diese Dame hatte Fernglas oder Mikroskop immer gut in der Hand und spann ihre Erzählfäden drum herum.
Zumindest den Vornamen der Schriftstellerin behielt ich anschließend wieder bei, denn ich begann die Trilogie über eine englische Ménage à trois aus einem Ehepaar und einem Geliebten von Jane Gardam zu lesen. Allerdings wird der Ehemann von seiner Frau ein Leben lang in seinem Unwissen über diese Konstellation beschützt. Beide Männer reüssieren zu begüterten britischen Anwälten für Baurecht und Umweltschutz in der Kronkolonie Hongkong. Mit viel Weisheit und englischem Humor werden die Lebensläufe dieser drei Protagonisten ineinander verschachtelt und auf die einzelnen Bände verteilt. Der erste Band mit dem Titel “Ein untadeliger Mann” stellt den als Raj-Waisen aufgewachsenen Ehegatten Sir Edward Feathers in den Mittelpunkt, der zweite, “Eine treue Frau” befasst sich mit seiner Frau Elizabeth, kurz Betty. Den dritten könnte man philosophisch als eine dialektische Synthese begreifen, denn aus dessen Hauptperson, dem Rivalen Terry Veneering und Sir Edward werden an ihrem Lebensende doch noch “Letzte Freunde”. Gerade lese ich das neunte Kapitel darin. Dort wird ein gescheiterter Besuch des vierjährigen, vielversprechenden Terry mit seiner  aus ärmlichsten Kohlehändlerverhältnissen stammenden Mutter bei einer gutbürgerlichen Guy-Fawkes-Party absolut ergreifend geschildert und die soziale Ignoranz der bürgerlichen Gesellschaft anhand kleinster Nuancen dekuvriert. Ich freue mich auf den dritten Teil des Bandes, der ihm auch seinen Titel gegeben hat. Jane Gardam erzählt bevorzugt aus der rückblickenden Perspektive. Oft spiegelt sich wie hier im dritten Band der Lebenslauf Veneerings durch die nachträglichen Äußerungen einer anderen Person. Die souveräne, auktoriale Erzählerin bedient sich dabei diverser Stilmittel wie dem erhalten gebliebenen Brief, szenenhaften Drehbuchkapiteln oder auch einer indirekten, persönlichen Rede, die dem inneren Monolog gleichkommt. Dabei verschwimmen diese Mittel unbemerkt zu einem Ganzen, in dem gekonnt erzählerische Kompression, Fokussierung und Ausdehnung nahtlos benutzt werden. Irgendwann gleitet man man als Leser wie ein Fisch durch heimisches Gewässer, das Puzzle beginnt sich harmonisch zu schließen. Dass dies nur meisterlicher, erzählerischer Konstruktion zu verdanken ist, versteht sich von selbst. Mit Alice Munro hat sie bisweilen stenogrammartige Kurzsätze aus zwei, drei Worten gemeinsam, die aber eine Situation oder Figur markant umreißen.
Zu Weihnachten bekam ich, wie ich bei der Überreichung dachte, einen richtigen Schmöker zur reinen Unterhaltung geschenkt: Robert Harris, “Intrige”. Um welche es dabei gehen sollte, wusste ich nicht, blickte aber etwas abwertend auf den dicken Wälzer. Der Roman handelt auf fiktive Weise von der Dreyfus-Affäre, indem er diese ziemlich spannend aus der Ich-Perspektive des Majors Marie-Georges Picquart fast ausschließlich im Präsens erzählt und damit eine fesselnde, unmittelbare Atmosphäre schafft, in der die erzählerische Fiktion sich geschickt mit den authentischen Fakten verträgt. Sicher kann man auch ein Sachbuch zum Thema lesen oder eben kurz die Wikipedia, aber die Nähe zu den Charakteren schafft nur ein historischer Roman. Zu guter Letzt las ich “Augustus” von John Williams, wobei mir auffällt, dass sich Autoren ziemlich oft männliche Alter Egos wählen, was auf Williams Romane durchgehend zutrifft. Auch in diesem Roman interessiert Williams der Mensch hinter dem historischen Mythos. Wie schon in “Stoner” oder “Butcher´s Crossing” erweist Williams sich als Meister in der Darstellung innerer Konflikte. Wie in “Stoner” gibt es auch hier eine längere Sterbeszene, allerdings in Briefform, die darauf verweist, dass ein Leben sich jenseits der Kategorien von Triumph und Niederlage, Gelingen und Scheitern abspielt.
Im Moment erwarte ich die im März erstmals auf Deutsch erscheinenden Gedichte “Die romantischen Hunde” von Roberto Bolaño. Bereits 2010 hatte ich mich selbst dilletantisch an einem davon versucht. Bis dahin überbrücke ich die Zeit mit klassischer Lektüre aus dem eigenen Bücherregal, wie zum Beispiel den “Erzählungen aus fünf Jahrzehnten” von Alfred Döblin. In der ersten Erzählung über eine obskure Bruderschaft mit dem Namen “Astralia” findet man den Satz: ”Alle Güter müssen geteilt werden, und das Töten von Tieren ist Mord, und wenn man nicht bald in sich geht, steht der Weltuntergang bevor.” Außerdem liegt noch ein uraltes Taschenbuch halb gelesen auf dem Nachttisch, Stefan Zweigs einziger Roman “Ungeduld des Herzens”. Er versetzt den Leser in das gleiche Österreich-Ungarische Kaiserreich kurz vor dem ersten Weltkrieg wie es schon in Robert Musils “Mann ohne Eigenschaften” zu finden war. Vor allem sprachlich vielfältig und reizvoll in den Romanismen und älteren Bezeichnungen, ob ärarisch oder sordiniert. Die Qualität von Literatur erkennt man eben zuallererst an der Prägnanz des Erzählten und der Intelligenz des Erzählenden. Ein Beitrag pro Jahr ist sicher keine zufriedenstellende Leistung eines Perodikums, das sich Weblog nennt. Zumindest einen Artikel zur neuen HBO-Serie “Westworld” habe ich bereits begonnen. Bleiben also nur die Fragen, ob aus diesem Blog ein Jahrbuch wird und vorausweisend: “Have you ever questioned the nature of your reality?”
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