Götter,Liebe,Tod. Ein Zitat

Die beiden neu erschienenen Übersetzungsbände neun und zehn des zwölfbändigen Romanzyklus “Ein Tanz zur Musik der Zeit” von Anthony Powell liegen auf meinem Schreibtisch. Durch die Bände 7-9, die überwiegend von den Kriegserlebnissen des fiktiven Nicholas Jenkins im Zweiten Weltkrieg geprägt sind, habe ich mich etwas gequält. Die Intrigen innerhalb des englischen, hierarchischen Militärapparates sind einem eher pazifistisch gesinnten, heutigen Zeitgenossen schwer nachvollziehbar und ziemlich befremdlich. Dennoch dekuvriert der analytische Ansatz Powells die Verästelungen menschlicher Abhängigkeiten ähnlich genau und stilistisch bewundernswert wie etwa bei Proust, mit dem sein Werk etwas kurzgegriffen häufig verglichen wurde. Immer wieder blitzen an manchen Stellen Verweise und Rückblicke in die Schulzeit oder gesellschaftliche Verbindungen in jüngeren Jahren auf. Meist erscheinen sie in Form von literarischen Zitaten oder kunsthistorischen Zusammenhängen, die sich auf Gemälde, musikalische Referenzen wie Opern oder einfachen Liedern beziehen. Die folgenden Zeilen aus dem Gedicht “Medea” des viktorianischen Dichters Lord de Tabley mögen etwas obskur wirken, aber Powell baut sie als Anekdote über die Aufmüpfigkeit eines ehemaligen Schulfreundes gegenüber ihrem gestrengen Lehrer geschickt in den Text ein.  Die eher heroisch und ernst gemeinte erste Strophe als Zitat des Lehrers wird vom Schulfreund konterkariert durch das Zitieren der zweiten, die überraschend eine herbe Absage an Liebe und Religion evoziert. Merkwürdig wie einen manche Stellen geradezu magisch anziehen. 

Lord de Tabley_The collected poems

Süß sind die Wege des Todes den ermüdeten Füßen,
Befriedet die Schatten der Männer.
Es fürchten Phantome hier nicht die Tyrannen,
Die Sklaven sind Herren hienieden.

Verbannt ist die Liebe; gut dass es so ist;
Wir kennen am besten als Schmerz sie.
Verwiesen sind auch alle Götter, und lass sie nur gehn!
Wem brachten denn je sie Gewinn?

zitiert in: Anthony Powell: Die Philosophen des Krieges. Aus dem Englischen übersetzt von Heinz    Feldmann. Berlin: Elfenbein 2017 S. 75/76 (Ein Tanz zur Musik der Zeit. Bd. 9)

Sweet are the ways of death to weary feet,
Calm are the shades of men.
The phantom fears no tyrant in his seat,
The slave is master then.

Love is abolished ; well, that this is so ;
We knew him best as Pain.
The gods are all cast out, and let them go,
Who ever found them gain ?

aus: John Leicester Warren, Lord de Tabley:
THE COLLECTED POEMS OF LORD DE TABLEY. London 1903.
S. 65 Medea. The Chorus.

https://archive.org/details/collectedpoemsof19detauoft

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